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Hodler-Ausstellung in Bonn : Mit Schweizer Präzisionsarbeit in den großen Krieg

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Um 1913 malte Ferdinand Hodler seine „Einmütigkeit“. Bild: Privatsammlung, Peter Schälchli

Männer ohne Frauen: Die Bundeskunsthalle in Bonn feiert Ferdinand Hodler und zeigt, welche Heldenbilder der Maler aus Bern den Deutschen lieferte.

          Ruhig gleiten die langen Finger über die dünnen Linien der Zeichnung. Noch stellt sie Ferdinand Hodler nicht zufrieden. Mit kleinen, schnellen Strichen fügt er weitere Schraffuren hinzu, bis sich ein marschierender Soldat mit Hut und Gewehr aus dem hellen Papier schält. Ein kurzes Verharren, dann befindet er die Skizze für tauglich. Später wird der Künstler sie von Hand kopieren und Details verändern, sie ausschneiden und frei mit anderen Figuren arrangieren. Nach und nach kommen Pferdeleiber hinzu, werden weinende Frauen aus dem Bild verbannt. Immer wieder widmet sich Hodler diesem Findungsprozess, denn es geht um viel: Ein Historienbild soll entstehen, ein Sinnbild des deutschen Nationalstolzes – das jetzt in der Ausstellung „Ferdinand Hodler. Maler der frühen Moderne“ in der Bundeskunsthalle zu sehen ist.

          Gezeigt wird hier ein Künstler, dessen Stil nicht mehr den Impressionismus der Franzosen, aber auch noch nicht den Expressionismus der Deutschen in sich trägt. Der mit seiner eindrucksvollen Figurenbildung, etwa des überlebensgroßen „Wilhelm Tell“ bekannt wurde, jenes Schweizer Freiheitskämpfers, der auf der Leinwand in starken Linien nach der Natur gedieh. Dabei kommt der massiven, kantigen Körperlichkeit des „Tell“, der sich dem Betrachter mit grimmigem Ausdruck und Armbrust entgegenstellt, eine zentrale Bedeutung in der Kunstrezeption zu: Trotz Rückbesinnung auf den Nationalhelden konnte Hodler in seiner Schweizer Heimat selbst nie so recht mit seinen oft monumentalen Werken punkten. Frustriert registrierte er deshalb: „Ich werde nicht in der Schweiz bleiben, es wäre nutzlos, meinen Weg im eigenen Land zu machen.“ Tatsächlich stieß er vor allem in Wien auf ein Publikum, das die in Farbfeldern inszenierte, zeichnerisch hart umrandete Körperlichkeit seiner Bildkompositionen schätzte.

          „Der Holzfäller“ (1910) Bilderstrecke
          Bilder einer Ausstellung : Ferdinand Hodler, Maler der frühen Moderne

          Wenn Franz Müller den österreichischen Kritiker Franz Servaes im Katalog zur Ausstellung als „Inbegriff des germanischen Kraftüberschusses“ und der „germanischen Abstraktion“ sprechen lässt, dann trifft das ziemlich genau die Sicht vieler Zeitgenossen. Auch der Belgier Henry van de Velde fühlte sich im Angesicht der schier körperlichen Präsenz der Hodlerschen Werke an „germanische Mentalität und an die germanische Empfindungswelt“ erinnert. Aussagen, die einer Einordnung bedürfen. So arbeitet Müller im Ausstellungskatalog diese nationale Verklärung auf und lehnt sie als „peinlich und obsolet“ ab. Hodler selbst schien dies seinerzeit kaum zu stören, und die kraftvolle Materie seiner Figuren stillte eine Zeit lang den Hunger auf Kriegerideale und Überlegenheitsphantasien. Hodler profitierte vom deutschen Hang zum Pompösen und Spröden.

          Einer der wichtigsten Künstler der frühen Moderne

          Dabei gestaltet sich Hodlers Bildsprache oft auch lieblich, meist jedoch ist sie unnahbar: Ein junges Mädchen lässt auf einer bunten Blumenwiese den Frühling erwachen, fünf bärtige Männer haben als „Lebensmüde“ auf einer Bank Platz genommen, das Gesicht eines „Holzfällers“ verzieht sich im Ausholen mit der Axt zu einer Grimasse der Ablehnung und Aggression. Der Trend geht zur Vereinfachung. Während der Hintergrund zunehmend einer hellen Fläche weicht, liegt der Fokus auf einzelnen Bildprotagonisten, die sich versonnen zu ihrer Bestimmung ausschweigen. Das lässt Freiräume für Gedanken und Interpretationen. Schon seine Interpretation der Schweizer Bergseen entführt in eine zeitentrückte, menschenleere Welt der Natureindrücke, die sich Hodlers imposanten Protagonisten nur scheinbar entgegenstellt.

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