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Die Bauwerke Sep Rufs Wir Deutschen bauten ganz anders

08.08.2008 ·  Wer im Glashaus sitzt, braucht Steine nicht zu scheuen: München würdigt die so modernen wie schönen Bauten des Architekten Sep Ruf, der nach 1945 das Gesicht der Stadt bewahrte - und der Republik ein neues gab.

Von Dieter Bartetzko
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Nach den Bombennächten des März 1944 ragte in Frankfurt ein romanischer Wohnturm über die Schutthaufen der Altstadt. Er war zum Vorschein gekommen, als Feuer die umstehenden Fachwerkhäuser niedergebrannt hatten. 1948 genügte die Notiz einer Trümmerkommission, durch die Südwand laufe ein armdicker Riss, um das kostbare Denkmal kurzerhand zu sprengen. Heute packt jeden Frankfurter der Neid, wenn er daran denkt, dass im selben Jahr München eine Bausperre über seine zertrümmerte Altstadt verhängte, um Vorgänge wie die Barbarei am Main zu verhindern. Der umsichtige Beschluss bewirkte, dass der kriegsversehrte Renaissanceturm der Münchner „Herzog-Max-Burg“, eines Stadtschlosses der Wittelsbacher, 1952 nicht entsorgt, sondern in eine Neubaugruppe einbezogen wurde.

Für beides, die neuen Gebäude wie den Turm, war (gemeinsam mit Theo Pabst) der Architekt Sep Ruf zuständig. Manche werden sich noch an den Architekten des 1963 als „armselige Glaskiste“ verhöhnten Bonner Kanzlerbungalows erinnern. Dass er alles andere war als ein radikaler Glaskistenmann, dass er nicht die damals als allein seligmachend geltende Konfrontation von Alt und Neu betrieb, sondern deren Kombination, beweist nun eine Ausstellung des Architekturmuseums der TU München in der Pinakothek der Moderne.

Wahrhaft modern und bestechend schön

Es waren die Fanatiker der Moderne, vor allem aber die allerorten mächtigen Allianzen der Mittelmäßigen, die nach 1945 unsere Städte so unsäglich hässlich und bieder wieder aufbauten. Mit dieser Erkenntnis verlässt man die Ruf-Ausstellung, die einen Mann präsentiert, der, jenseits von Fanatismus und Mittelmaß, wahrhaft modern und bestechend schön baute, weil er die Tradition nicht, wie so viele seiner Kollegen, verachtete oder nur im Mund führte, sondern respektierte.

Rufs Max-Burg beispielsweise wird zwar dominiert von den unverkennbar funktionalistischen Großbauten des Justizministeriums und des Erzbischöflichen Ordinariats – Rasterfassaden, feingliedrige Fensterreihen, überschlanke, rhythmisch geordnete Träger, verkleidet mit Muschelkalk. Doch ordnet sich alles dem Maß und den Proportionen der Renaissance unter, die der freistehend vor den Neubauten restaurierte alte Turm vorgibt. Auch im Inneren, mit einer swingenden Wendeltreppen-Ellipse und einem Lichthof, den grazile Galerien umschließen, ein Konzentrat der Nierentisch-Ära, klingt dennoch das einstige München an. Denn man wird an die Arkadenhöfe der Altstadt erinnert.

Prinzip der Transparenz

Diese Neigung, Tradition in der Moderne zu bergen, besaß schon der Debütant. 1931 gestaltete Sep Ruf die Bogenhausener Villa des Schriftstellers Karl Schwend als lupenreinen weißen Bauhauskubus, fügte ihr aber ein rundbogiges Portal ein, wie es jeden bayerischen Barockbau hätte zieren können. Das hat nichts Heimattümelndes, sondern bereichert die Moderne des Bauhauswürfels und unterstreicht seine pathetische Nüchternheit. Vielleicht war es diese Vorliebe für Traditionalismen, die Architektur-Ideologen des Dritten Reichs darüber hinwegsehen ließ, dass Sep Ruf nach 1933 am Prinzip der Transparenz festhielt. Vordergründig der Heimatschutzvariante des NS-Stils verpflichtet, zeigen seine Wohnhäuser jener Jahre statt wuchtiger Mauern und tiefsitzender Kreuzstockfenster durchlaufende Fensterbänder und Wände, die Fensterbahnen zu Gerüststrukturen wandeln. Durchlässigkeit wurde zum zweiten Wesensmerkmal der Bauten Sep Rufs.

Folgerichtig zeigt sein Werk in den ersten Nachkriegsjahren den gleitenden raschen Übergang von einer traditionsgebundenen in eine traditionsverbundene Moderne. Das erste Meisterwerk dieses Stils schuf er nicht zufällig zwischen 1950 und 1954 in Nürnberg, der ehemaligen Stadt der Reichsparteitage: In einem Waldstück nahe dem Tiergarten enstand die neue Akademie der Bildenden Künste als aufgelockertes Ensemble pavillonartiger Einzelbauten, die mit überdachten Gängen verbunden sind. Die Aula auf trapezförmigem Grundriss und mit einem monumentalen, dennoch schwebeleichten Pultdach nimmt zahllose Konzerthallen der jungen Bundesrepublik vorweg. Sie und die Pavillons mit ihren durchgehenden Glaswänden und weit auskragenden Flachdächern auf bleistiftdünnen Rundträgern manifestieren, was der Adenauer-Ära Weite, Offenheit und Demokratie war. Doch auch in Nürnberg, dem diesbezüglich gebrannten Kind, scheute Ruf nicht den Blick zurück: Er setzte seine Bauten auf historisiernde Sockel aus dem örtlichen Sandstein.

Ganze Schaufronten in Werkstein

Kurz darauf, beim Wiederaufbau des Nürnberger Germanischen Nationalmuseums, ging er 1953 so weit, ganze Schaufronten in Werkstein zu gestalten. Was wiederum in keinem Fall – Ruf entwarf bis 1976 Erweiterungsbauten für das Museum – Anbiedern an die sandsteinernen gotischen Klosterruinen und den historistischen Trakt des Museums bedeutete, die als Zentrum des Ensembles erhalten blieben. Im Gegenteil: Kühl wie der seinerzeit als Genie berühmte Carlo Scarpa in Verona oder heute Peter Zumthor mit seinem bejubelten Kölner Diözesanmuseum setzte Ruf den rechten Winkel gegen die gotischen Spitzbögen, konfrontierte Rippengewölbe mit Flachdecken und mittelalterlichee Mauerzüge mit Glaswänden. Er schuf bezaubernde noble Kuben, die sich zu den Altbauten verhalten wie Schatullen, deren zurückhaltende Eleganz den Inhalt steigert. Noch heute ist es ein Genuss, außer den Objekten auch diesen Zusammenklang von Gotik und Moderne, zersplittertem Altem und heilendem Neuem zu betrachten.

Bald entwarf Ruf Institute, Kirchen, Geschäfts- und Apartmenthäuser, allesamt unverwechselbar, überall in der Bundesrepublik. So kam es, dass er und Egon Eiermann ausgewählt wurden, als es 1956 darum ging, welche Architektur die Bundesrepublik 1958 auf der Weltausstellung in Brüssel vertreten sollte. Ihr Ensemble, ein auf Rundstützen schwebender, legerer Verbund kubischer Glaspavillons, erschlossen von einem geschwungenen Steg, der an einem schnittigen, einer abstrakten Plastik gleichenden Stahlpylon hing, begeisterte sowohl die Bauherren wie die internationale Öffentlichkeit: Von „beispielloser Zartheit des Empfindens“ schwärmte der „Figaro“; die „Times“ sah das „Eleganteste, wozu Moderne imstande ist“. Und die Republik? Tapsig, als habe man sich nicht gerade leichtfüßig einen Platz in der „internationalen Völkergemeinschaft“ erobert, meldete die Wochenschau: „Es stimmt. Wir haben uns aus der Resignation des Zusammenbruchs gelöst.“ Die Engstirnigkeit, die im trotzigen Wort vom Zusammenbruch aufscheint, brach sich fünf Jahre später Bahn, als Altkanzler Adenauer angesichts von Sep Rufs Kanzlerbungalow bemerkte: „Ich fürchte, der brennt nicht mal.“

Sep Ruf 1908-1982. Moderne mit Tradition. Bis zum 5. Oktober im Architekturmuseum der TU München in der Pinakothek der Moderne. Der Katalog (Prestel Verlag) kostet 34 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1949, Redakteur im Feuilleton.

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