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Prager Ausstellung zu Karl IV. : Er spielte Monopoly am allergrößten Tisch

Auf die Krise des Mittelalters antwortete er mit Realpolitik: Der Palais Waldstein in Prag feiert den 700. Geburtstag Kaiser Karls IV. mit einem Blick auf sein Leben und seine Epoche. Mittendrin findet sich die Goldene Bulle.

          Am 26. August 1346 unterlag ein französisches Ritterheer bei dem Dorf Crécy in der Picardie der Armee des englischen Königs Eduard III. Die zahlenmäßig schwächeren Engländer hatten sich auf einem Hügel verschanzt, gegen den die Franzosen über Stunden vergeblich anrannten. Unter den Reitern, die an diesem Tag für Frankreich kämpften, war auch der böhmische König Johann mit seinem ältesten Sohn Karl, der im Juli von fünf deutschen Kurfürsten zum römisch-deutschen König gewählt worden war. Die mit diesem Titel verbundene Krone blieb für Karl freilich vorerst unerreichbar, da der traditionelle Krönungsort, die alte Karolingerstadt Aachen, zur Partei seines Rivalen Ludwig von Bayern hielt, der seit 1314 ebenfalls König und seit 1328 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches war. Das Gegenkönigtum Karls war die Konsequenz der Exkommunikation Ludwigs durch den Papst in Avignon, der die Kurfürsten im April zur Neuwahl aufgefordert hatte.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Bei Crécy nun reagierten Johann und Karl auf das Debakel der französischen Ritterschaft, die vor ihren Augen im Pfeilhagel der britischen Bogenschützen verblutete, auf ganz verschiedene Weise. Während sich der Vater, obwohl vollständig erblindet, von seinen Gefährten auf sein Pferd setzen und ins Getümmel führen ließ, wo er fiel, ritt der Sohn in aller Stille vom Schlachtfeld. Für den Chronisten Jean Froissart, der den Kriegertod des Königs von Böhmen in seinem Bericht ausführlich rühmt, war Karls Verhalten „schändliche Flucht“. Andere zeitgenössische Stimmen berichten, Johann selbst habe seinen Sohn in Sicherheit geschickt, und wieder andere rühmen die Klugheit des Thronfolgers, der nicht für eine fremde Sache, den gerade beginnenden Hundertjährigen Krieg zwischen Frankreich und England, den Kopf hinhalten wollte. Indem er überlebte, konnte Karl seinen eigenen Kampf erfolgreich ausfechten. Ende November empfing er in einer improvisierten Zeremonie in Bonn die Krone, die Aachen ihm verweigerte.

          In der tschechisch-bayerischen Landesausstellung über Karl IV., die zunächst im Prager Waldstein-Palais gastiert, bevor sie im Oktober ins Germanische Nationalmuseum in Nürnberg wechselt, wird ein Exemplar von Froissarts Chronik aus der Pariser Nationalbibliothek gezeigt. In der Vitrine daneben liegt ein Langbogen, wie er bei Crécy zum Einsatz kam. Der Bogen beglaubigt die Illustration des Buchs, auf der er vielfach zu sehen ist, und das Buch belegt die Spur des Geschehens in der Geschichte. Was man nicht sieht, ist der Abdruck, den Crécy im politischen Handeln Karls IV. hinterlassen hat. Er ist nicht schwer zu entziffern, denn Karl, den die Zeitgenossen der Hussiten- und Türken-Kriege als Friedenskaiser im Gedächtnis behielten, hat zeit seines Lebens keinen Feldzug mehr geführt und seine Feinde notfalls durch hohe Geldzahlungen beschwichtigt. Der postume Mythos hat einen Kern persönlicher Erfahrung, und diesen Kern freizulegen ist die Aufgabe historischer Ausstellungen.

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