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Mode-Ausstellung in New York : In Elton Johns Schuhen

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Da fliegt dir doch der Stoff weg: Das MoMA zeigt Umwege und Irrwege hin zur modischen Moderne, darunter ein wirbelnder Jumpsuit von Richard Malone (2017) und ein Metropolishaftes kleines Stahlgraues von Philippe Starck (1997). Bild: AFP

Mehr als siebzig Jahre lang hat sich das Museum of Modern Arts in New York nicht mit Mode befasst. Jetzt soll eine Ausstellung plötzlich aufarbeiteten, was jahrzehntelang verschlafen wurde.

          Dass weiße T-Shirts, Pilotenbrillen oder Trenchcoats einst mutig waren, vergisst man heute schnell, wenn man vor seinem Kleiderschrank steht und Abwechslung begehrt. Im Museum of Modern Art (MoMA) sind derzeit 111 Objekte zu sehen, deren Nähe zur Lebenswelt der Besucher kaum zu überschätzen ist. Die Kuratoren von „ITEMS: Is Fashion Modern?“ zeigen Artefakte, die den Kanon des Modedesigns der gesamten Nachkriegsepoche umreißen. Fast jedes Kleidungsstück am Leib der New Yorker Besucher findet seinen historischen Kontext im erhellenden Scheinwerferlicht der Vitrinen. Ob die Betrachter der Ausstellung aber anders über Mode denken, nachdem sie diese verlassen haben?

          Gerade weil alltäglich gewordene Poloshirts, Converse-All-Star-Sneakers und Camouflage durch ihren Erfolg beinahe unmodisch geworden sind, dienen sie als Grundlage für künftige Variationen und Vorstöße ins Unbekannte. Heute versuchen Bandanas und Tabi-Schuhe sich an ähnlichen Siegeszügen, Unisex-Mode und Röcke für Männer attackieren Geschlechterrollenklischees. Die Zeitreise durch das zwanzigste und das einundzwanzigste Jahrhundert fördert daher auch die nie versiegende Gier von Industrie und Konsumenten zutage, die ein gemeinsames Bedürfnis nach kreativer Zerstörung haben. Die Kehrseite, „fast fashion“ mitsamt ihren skandalösen Arbeitsbedingungen und der Umweltzerstörung, wird lebendig im Begleitprogramm thematisiert.

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          Mehr als 70 Jahre hat es gedauert, bis das MoMA sich nach einem ersten Vorstoß im Jahr 1944 wieder der Mode zuwandte. Darüber darf man ruhig staunen, und die Kuratoren verbinden ihre Überraschung mit selbstkritischen Fragen nach der Identität dieses Museums und seiner Haltung zum Modischen. Tatsächlich ist die sprachliche Abwertung, die der Begriff des „Modischen“ beinhaltet, mit Händen zu greifen und historisch ein Hemmnis gewesen. Und nicht von ungefähr interessierte man sich 1944 weniger für „Mode“ als vielmehr für Textilien.

          Dieses Mal ist alles anders: Im Zentrum stehen Ikonen des globalen Mode-Designs. Der Modebegriff ist dabei denkbar weit gefasst und geradezu ausufernd: Ausgestellt werden Textilien, Schuhe, Schmuck, Parfum, Kopfhörer, Maniküre, Kosmetik, Tattoos und Artefakte wie die ebenso praktische wie raffinierte Sicherheitsnadel. Das „Kleine Schwarze“, das Liz Hurley zu einer Filmpremiere 1994 trug, erotisierte mit überdimensionalen Sicherheitsnadeln den Körper der Trägerin, die über Nacht zum medialen Pin-up wurde. Stoff wird besonders dort zum Thema, wo er entgegen gesellschaftlicher Konventionen ausgespart wurde.

          Da fliegt dir doch der Stoff weg: Das MoMA zeigt Umwege und Irrwege hin zur modischen Moderne. Bilderstrecke
          Da fliegt dir doch der Stoff weg: Das MoMA zeigt Umwege und Irrwege hin zur modischen Moderne. :

          Diese Normen können interkulturell sehr verschieden sein, und der Blick der Kuratoren ist zum Glück angemessen lokal und global zugleich. Interaktionen zwischen verschiedenen Kulturen, Epochen und Milieus werden durch Mao-Jacken, Kaftane und Flip-flops stets sichtbar. Militärkleidung und Sport prägen tief den Alltags-Look der Zeitgeschichte. Auch die Vorstellungen über den Körper und seine Silhouette sind erstaunlich variabel. Die Populärkultur verbreitete die Lässigkeit neuer Stile, das Tragbare wird im Spannungsverhältnis zwischen Konformismus und Dissens ausgehandelt. Weil gerade Adaption und Variation modisch den Witz ausmachen können, ist es ein geschickter Schachzug, manche der 111 Objekte gezielt aufzufächern und Variationen des Stereotyps zu zeigen sowie nach dem Archetypus zu forschen. So gerechnet kommt die Ausstellung auf 350 Exponate und bereichert gezielt den Möglichkeitssinn der Betrachter. Die extremsten Varianten des Herrenanzugs sind aus einer gewissen Distanz kaum noch als solche erkennbar. Erst recht entfaltet sich das systemsprengende Potential der Kreativität in jenen 30 Artefakten, die überwiegend eigens von Designern, Künstlern, Wissenschaftlern oder Ingenieuren für die Ausstellung geschaffen worden sind: Prototypen, die noch keinen Markttest zu bestehen hatten. Als Denkmöglichkeiten präsentieren sie die Offenheit jener modischen Zukunft, die durch technische Fortschritte inspiriert oder durch sozialen, ästhetischen oder politischen Wandel vorangetrieben wird.

          Über die Grenzen des Angemessenen und Erlaubten erfährt man in New York zu wenig. Das ist schade, weil die Leitfrage der Kuratoren nach dem Modernen in der Mode geradezu nach einer Übertretung von Grenzen schreit. Zwar werden alle möglichen Kriterien benannt, die Konventionen bestimmen: die Funktion der Kleidung, der gesellschaftliche Rang des Trägers und vor allem natürlich das Geschlecht. Elton Johns Plateauschuhe könnten ohne Skandal durchgehen, wären sie von einem weiblichen Popstar getragen worden. So aber rocken sie umso mehr.

          Ist Mode nun modern? Es scheint, als habe die Ausstellung selbst kein wirkliches Interesse an ihrer Leitfrage. Tatsächlich geben die Kuratoren zu, dass sie den Anklang an den Titel von 1944 („Are Clothes Modern?“) bewusst gesucht haben. Und sie arbeiten sich erstaunlich brav daran ab, Mode als legitimen Gegenstand für das MoMA zu rechtfertigen. Weil mehr als 70 Jahre keine Mode gezeigt wurde, hat „Is Fashion Modern?“ auch Züge einer nachholenden Modernisierung. Plötzlich soll alles aufgearbeitet werden, was jahrzehntelang verschlafen wurde. Für die Besucher hat es den diskreten Charme, dass ein Überblick zum Thema und Einblick in die erweiterte MoMA-Sammlung zugleich geleistet werden; anschaulich werden wechselseitige Bezüge und interkultureller Austausch in der Modewelt. Vielleicht ist dies auch der Punkt, in dem sich die Besucher in einer aktiven Rolle wiederfinden, nämlich als Träger jenes komplexen Wandels, den sie im MoMA betrachten. Dafür wirken Theoriebildung, Thesen und Systematik schwach, zumal der Katalog seine Schätze nur alphabetisch ordnet. Das ist weder innovativ noch mutig, und die Ausstellung erscheint am Ende mehr wie die Vorstudie zu einer wirklich interessanten, künftigen Schau, für die das Eis erst noch gebrochen werden musste.

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