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Deutsches Fußballmuseum : Ein Ballfahrtsort für Fußballfans

Am Sonntag wird in Dortmund das Deutsche Fußballmuseum für das Publikum geöffnet. Am heutigen Freitag besichtigt schon mal die Prominenz das Haus – im größten Krisenmoment des DFB.

          Andere, altehrwürdigere Städte empfangen ihre Gäste mit Toren, die sich an antiken Vorbildern orientieren und - Brandenburger, Holsten, Basler - nach Orten benannt sind. Dortmund begrüßt die Besucher fortan mit einem Gebäude, das einem Spiel gewidmet ist, in dem nur Tore zählen. Schon vom Zug aus ist es zu sehen, ein großes weißes Schiff, das Dach kragt bugartig über die spitzwinklige Fassade, doch erst einmal muss der verlotterte Hauptbahnhof durchquert werden. Und was steht dort in den Zeitungsständern vor dem Laden „Buch und Presse“? Posterkalender von Schalke 04 und dem FC Bayern - aber keiner des BVB 09. Sicher ausverkauft, nur der kleine Postkartenkalender ist vorrätig. Dortmund, wo selbst Oberbürgermeister Ullrich Sierau in den Vereinsfarben - schwarzer Anzug, gelbe Haare - zur Pressevorstellung kommt, ist eben eine tolerante Stadt.

          Auf der anderen Seite des Königswalls zeigt der Fanshop der Borussia Flagge. Erst 1999 wurde der weite Vorplatz auf der linken Seite von der neuen Stadt- und Landesbibliothek des Tessiner Architekten Mario Botta eingefasst. Liegender Lippenstift und geschlossene Puderdose: der fünfgeschossige, mit rotem Quarzit verkleidete Archivriegel hinterfängt den auskippenden Lesesaal aus Glas. Das Pendant auf der rechten Seite ist jetzt entstanden: Das Deutsche Fußballmuseum, entworfen vom Düsseldorfer Büro HPP, hat ein Filetgrundstück bezogen. Und schon steht es auf dem Feld der Architektur zwischen Kultur und Sport eins zu null. Denn auf sein Gegenüber nimmt das Museum keinen Bezug, zur Stadt verhält es sich abweisend, die Fassade zur Straße bleibt, der Außenhülle von Egon Eiermann für die Horten-Kaufhäuser nicht unähnlich, bis auf ein horizontales Fensterband geschlossen, als würden hier tageslichtscheue Zeichnungen und Manuskripte und nicht Trophäen, Trikots und Tabellen, Pokale und Plakate, Filme und Fotos, Reliquien und Souvenirs aufbewahrt.

          Nur die Schmalseite ist verglast. Könnte auch ein Cinemax-Kino sein: Auf einem LED-Band über dem Eingang flimmert „Die Nacht von Rom“, als wäre es ein Film von Paolo Sorrentino. Das aufgeklebte Adidas-Signet stiftet Identität. Die über zwei Stockwerke reichende „Multifunktionsarena“, die für „Events“ und Sonderausstellungen genutzt werden (und noch einen Kunstrasenplatz erhalten) soll, liegt eine Treppe tiefer. Eine Rolltreppe fährt hinauf in den oberen Ausstellungsraum, die „erste Halbzeit“ des Museums. Auf dem Wimmelbild an den Wänden tummeln sich Anhänger der Vereine der Ersten und Zweiten Bundesliga, von Süden nach Norden, Bayern also ganz unten (!): Günter Grass figuriert als Fan des SC Freiburg, Kardinal Lehmann für den FSV Mainz 05, Wolfgang Niedecken für den 1. FC Köln, Campino für Fortuna Düsseldorf oder Otto Waalkes für den Hamburger SV. Oben angekommen, führt ein Spielertunnel zum Wunder von Bern.

          Als Spieler aber darf sich der Besucher hier nicht fühlen, auch wenn ihn die eine oder andere Quizkonsole erwartet. Der Parcours versprüht den Spielwitz eines Verbandsligisten und stimmt auf Adoration ein: Der Endspielball erscheint als Reliquie, die Helden von Bern posieren in Starschnitt-Manier, Kultsätze von Sepp Herberger laufen über die Wände, die Eheringe von ihm und seiner Frau Eva liegen geradeso in Vitrinen wie eine Rückenlehne und ein Backstein aus dem Wankdorfstadion. Der große Bahnhof für den Weltmeister ist als Märklinmodell nachgebaut, und in einer Wohnzimmerecke prunkt eine Glotzkommode, Baujahr 54, in der Schlüsselszenen von Herbert Zimmermanns unsterblicher Radiostimme kommentiert werden. Dahinter hängen Schwarzweißfotos mit Menschen, die sich vor Schaufenstern drängeln, in denen Fernsehgeräte laufen. Fußballwunder trifft Wirtschaftswunder.

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