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Der Restaurator von Heiligendamm „Heute weiß keiner mehr, was Logik ist“

06.06.2007 ·  Wer ist Anno August Jagdfeld, der Mann, der Heiligendamm wieder hergerichtet hat? Er präsentiert sich als rheinischer Patrizier und lobt die Achtundsechziger. Als Vorbild nennt er den römischen Konsul Brutus. Der Austragungsort des Gipfeltreffens ist für ihn ein „geradezu utopischer Ort“.

Von Ingeborg Harms
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Dass dem G-8-Gipfel die klassische Kulisse des Ostseebads Heiligendamm zur Verfügung steht, ist einem Mann zu verdanken, der mit Visionen und Versprechen Handel treibt: Anno August Jagdfeld. Fünf Jahre lang lag die heruntergekommene Hotelanlage nach der Wiedervereinigung brach und schreckte alle Interessenten ab. Der rheinische Immobilienmakler wusste sich die demolierte Schönheit der klassizistischen Gebäude aus seinen Griechischbüchern zu ergänzen und griff furchtlos zu.

Als Meister der Wortmalerei, der mit wenigen Strichen herrliche Aussichten evoziert, erweist sich Jagdfeld auch, wenn er aus dem eigenen Leben erzählt. Als Sohn einer Schreinerfamilie kam er 1946 bei Jülich zur Welt. Die zum kühnen Bauen erforderliche Phantasie weckten die „herrlichen Spielgelegenheiten“ in heimischen Trümmergrundstücken. Im Elternhaus hingegen herrschte das Realitätsprinzip, denn die großväterliche Schreinerei wurde weitsichtig auf den väterlichen Möbelhandel umgestellt. Jagdfelds spätere Aktivitäten knüpften die mit dem Wohnen verbundene Wertschöpfungskette weiter. Schon als er während des Kölner BWL-Studiums Appartements verkaufte, nahm er „mehr ein als der bestverdienende Professor“. Den Gewinn investierte er in den eigenen Wohnungsbau, um 1981 mit der Gründung der Fundus Fonds Verwaltungen GmbH in einen Kapitalmarkt einzusteigen, der Supermärkte, Einkaufszentren und ganze Wohnanlagen finanziert.

„Und dann läuft auch alles hysterisch ab“

Väter- und großväterlicherseits wurde der junge Jagdfeld von einem jovialen, rheinländisch gutmütigen Geist geprägt, die geschäftstüchtige Großmutter war streng katholisch, nahm den Dreijährigen zur Sonntagsmesse mit und weckte seinen Stolz durch den Hinweis auf die geschnitzte Kanzel: eine Stiftung der Familie. Mit den Kirchbesuchen verbindet der Jülicher barocke Üppigkeit, ein Blumenmeer und schöne Musik. Obwohl Anno August als älterer von zwei Söhnen als Unternehmenserbe vorgesehen war, schickte ihn die Familie auf ein Klosterinternat: „Man hatte schon Ehrgeiz und Ziele. Es sollte endlich einmal einer in der Familie studieren.“

Im Internat erwartete den Zehnjährigen ein straffes Regiment mit frühem Aufstehen, regelmäßigen Andachten, schweigsamen Studierstunden und klassischen Bildungsinhalten: „Damals ging als hehres Ziel noch der Universalgebildete um, man sollte breit aufgestellt sein.“ Doch auch auf bundesrepublikanische Sachlichkeit bereiteten analytische Denkübungen vor: „Heute weiß keiner mehr, was Logik ist. Sie besteht in der Schlussfolgerung aus zwei vorangehenden Sätzen.“ Eine deutliche Aversion meldet der Investor emotionalen Geschäftspraktiken gegenüber an: „Das Unternehmer- und Politikersein besteht im Wesentlichen darin, richtige Entscheidungen zu fällen und vernünftig zu handeln. Viele Menschen sind hysterisch oder von Anti- und Sympathien getrieben. Und dann läuft auch alles hysterisch ab.“ Jagdfeld beruft sich auf Brutus, den römischen Konsul, der die Todesstrafe stoisch auch über die eigenen Söhne verhängte. „So weit würde ich natürlich nicht gehen, aber man sollte das Prinzip, das auch unserer Demokratie zugrunde liegt, nicht allzu sehr vernachlässigen.“

Das vorbildlich Strenge

In der Erfahrung des Knaben verwandelte sich Vaterliebe in Strenge, als sich das Klostertor hinter ihm schloss. Natürlich habe er sein Elternhaus auch vermisst, doch dafür die Primär- und Sekundärtugenden „gut gelernt“, die zu seinem Bedauern von den Achtundsechzigern ersatzlos gestrichen wurden: „Ich erinnere an den berühmten Spruch Oskar Lafontaines gegenüber Helmut Schmidt, mit seinen Sekundärtugenden könne man auch ein KZ leiten. Der hat viel Schaden angerichtet, denn im Prinzip sind Disziplin, Fleiß, Ordnung, Pünktlichkeit und Höflichkeit ja keine schlechten Eigenschaften. Andererseits kann man dankbar sein, dass die ganz richtige Kampfaufstellung der Achtundsechziger mit den Relikten des Denkens in Nazikategorien ein Ende machte.“ Das emotionale Vakuum der Internatsjahre hat Jagdfeld mit schwärmerischer Lektüre von Karl May und Hermann Hesse gefüllt.

Zu Beginn des Studiums habe er vom ganzen Ausmaß der nationalsozialistischen Bestialitäten erfahren: „Mein größtes Trauma im Leben war, dass das Dritte Reich und die KZs bis zum Abitur nicht durchgenommen wurden und ich erst mit achtzehn davon erfuhr. Keiner sprach darüber, meine Lehrer kamen aus dem Krieg und waren zum großen Teil in der NSDAP gewesen.“ Dass der Abiturient auf eine zunächst angestrebte Lehrerlaufbahn verzichtete und lieber den ideologiegefeiten Weg in die freie Wirtschaft einschlug, passt zu diesem desillusionierten Blick auf das Ethos seiner Erzieher. Im Brutus-Vorbild mischt sich auf schillernde Weise das vorbildlich Strenge mit dem Monströsen, und man könnte auf die Idee kommen, dass dem tugendliebenden Anno August Jagdfeld seine persönliche Achtundsechziger-Revolte noch bevorsteht.

Vaterfigur Bubis

Nachdem sich der unter Jungen aufgewachsene Klosterschüler „genug Mädels angesehen hatte“, heiratete er mit dreißig eine Tochter seiner Heimatstadt. Anne Maria Jagdfeld stammt aus jüdischem Hause, durch ihre Familie lernte Jagdfeld auch Ignatz Bubis kennen, den er als „Vaterfigur“ bezeichnet. Der jüdischen Kultur zeigt er sich verbunden durch Spenden für die Hebräische Universität in Jerusalem wie auch die Aachener Synagoge. Doch auch die abgeklärte, fernöstlich dekorierte Weltsicht des jugendlichen Hesse-Lesers ist noch nicht zum toten Buchstaben geworden. Nur halb ironisch spricht er von seinen Wünschen für ein nächstes Leben, in dem er sich um einen Platz in Oxford oder Cambridge bemühen möchte - weit weg von ideologischen Krisenherden, an einer der großen Universitäten des Pragmatismus: „Unsere Kinder waren alle in England auf einem Landinternat. Ich habe unheimlich gern die Elternsprechtage besucht, das war wie Weihnachten für mich.“

In dortigen Gesprächen mag es auch um die Vergänglichkeit dogmatischer Wahrheit gegangen sein. „Es gibt periodische Gehirnwäschen und entsprechend Leute, die sehr enttäuscht über das sind, was sie mit ihrem Leben machten.“ Idealistische Verblendung glaubt Jagdfeld auch bei den Grünen zu erkennen, die Menschen seien nicht so friedlich, wie man in diesen Kreisen meint: „Die radikalen Muslime nutzen unseren Rechtsstaat aus. Wie die Stalinisten und Nationalsozialisten kündigen sie alles an, auch dass sie irgendwann in Deutschland das Sagen haben werden, und wir lassen es in unserem liberalen Denken zu.“ Vielleicht scheint Jagdfeld nichts so sehr für den Kommandoposten einer Fondsverwaltung zu empfehlen wie der biographische Riss, der ihn nach eigener Aussage zu allen Autoritätsfiguren und hehren Ideen auf Distanz gehen ließ. Seinem konzentrierten, bedächtigen Wesen und den quicklebendigen Augen meint man anzusehen, dass er in allen Situationen das richtige Maß sucht. Bevor er in eine Fata Morgana wie Heiligendamm investiert, hat er wie ein aufgeklärter Feldherr seine Strategie genau durchdacht.

Im Kern katholisch

So hielt er es auch auf Freiersfüßen. „Im Rheinland gibt es einen Spruch: Kauf des Nachbarn Rind, heirate des Nachbarn Kind. Dann kann man einigermaßen abschätzen, wie sich das Leben gestaltet.“ Dem intimen Familienmuster sind auch seine Geschäftsmethoden verpflichtet. Zwar leistete er sich schon als Student ein Autotelefon, „was damals noch als unseriös galt“, dafür kommt er noch heute ohne E-Mail und SMS aus. Lieber verlässt er sich auf den persönlichen Kontakt und eine patrizische Führungsstruktur. Als einer der fünf Söhne des Ehepaars hat der achtundzwanzigjährige Nikolaus jüngst die Leitung der „Fundus“-eigenen Berliner Meoclinic übernommen. Anno Augusts jüngerer Bruder Helmut besetzt im „Fundus“-Management eine Führungsposition, und das Ostseegut Vorder Bollerhagen wird von einem Cousin ökologisch auf Vordermann gebracht. Es soll das Heiligendammer Kurhotel mit natürlichen Frischprodukten versorgen.

Skeptiker geben zu bedenken, dass Jagdfeld die Bodenhaftung verloren habe, als er sein Augenmerk von reinen Nutzbauten auf auratische Prestigeobjekte wie den Aachener Quellenhof und das Berliner Hotel Adlon umlenkte. Wie der Investor bereitwillig zugibt, hing dieser Richtungswechsel mit dem Geschäftseinstieg seiner Frau zusammen, die an der Spitze der AMJ Holding steht. Der Bauzeichnerin attestiert der Gatte in stilistischen Fragen eine sichere Intuition. Sie kauft nicht nur seine Anzüge und erinnert ihn daran, den Mercedes gelegentlich durch ein jüngeres Modell zu ersetzen, sondern gestaltet auch die Interieurs seiner Lieblingsobjekte.

Gleichwohl schimmert gerade durch die Luxusbauten der Kern seiner katholischen Erziehung durch. Wenn er unter der geschnitzten Kanzel lernte, dass der Glaube durch sinnliche Reize entzündet wird, so überzeugte ihn die Klosterschule, dass ein strenges Regiment die Emotionen festigt. Dieselbe Kur mutet er seinen Gläubigern zu. Nach der Kündigung eines Kredits über fünfzehn Millionen Euro durch die Hypo-Vereinsbank konnte Jagdfeld eine Kapitalaufstockung nur unzureichend plazieren, auch hat die „Fundus“-Gruppe ein vertraglich festgelegtes Haftungsversprechen bisher nicht eingelöst. Einige Fondsobjekte im Osten haben hohe Verluste eingefahren. Der Investor orientiert sich an der religiösen Ökonomie, deren Lohn nicht von dieser Welt ist, und legt Opfer im Dienste künftigen Segens nahe. Vom Austragungsort des Gipfeltreffens schwärmt er als heilem, geradezu utopischem Ort: „Schinkel hatte immer den Plan, einen Tempel am nordischen Meer zu bauen. Nur in Heiligendamm ist er entstanden.“

Quelle: F.A.Z., 06.06.2007, Nr. 129 / Seite 40
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