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Kunstausstellung in München : Vieles knickt ein, hängt durch oder schlaff herunter

  • -Aktualisiert am

Schlagfestes, vakuumgeformtes Polystyrol: „Different Kinds of Art“ von Seth Price, 2004 Bild: Ron Amstutz

Was für eine Zeit, die du dir da ausgesucht hast: Das Museum Brandhorst stellt das starke Frühwerk und die neue High-End-Kunst des Post-Internetlers Seth Price aus.

          Die Klickzahlen sind erstaunlich für einen Pionier der Post-Internet-Art, als welcher Seth Price gehandelt wird. Erstaunlich dürftig. 639 Aufrufe bei Youtube für das Video mit dem eigentümlichen Titel „Lookin’ Bak“ von 2001, gerade mal 202 für das abstrakt wabernde „Glaubensbekenntnis“ („Auto Da Fe“, 2000). Der betörende nächtliche Helikopter-Flug um die Twin Towers in „N.Y. Sorrow“ von 2001 bringt es auf 2900 Klicks. Seltsam, dass sich nicht mehr Benutzer online für das Werk des 1973 geborenen Künstlers interessieren, gilt er doch zu Recht als Impulsgeber einer jüngeren, mit dem Internet aufgewachsenen Generation.

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          Die war schon früh auf Price’ Versuche aufmerksam geworden, aus dem Netz und seinen Verbreitungskanälen etwas zu ziehen, das ihrem Lebensgefühl entsprach und also mehr nach Experiment aussah als nach arrivierter bildender Kunst. Einen solchen Clip produzierte Seth Price 2001 unter dem eigentümlich ausbuchstabierten Titel „Nieuw Jacxz Swijnge“: In pinkfarbenen Lettern driftet eine Ahnenreihe von New-Jack-Swing-Größen wie Boyz II Men, Guy oder Bobby Brown über einen funkelnden Sternenhimmel hinweg, dazu hört man einen Soundtrack aus schleppendem Funk. Wenn Price seitdem Fundstücke aus dem Internet zusammenmontiert und mit einem Retro-Sound aus eigener Produktion unterlegt, bedient er sich bevorzugt bei Minimal und Techno, Ambient und Hiphop.

          Post-Internet-Art : Seth Price – „Nieuw Jacxz Swijnge 2001-02“

          Als technischer Assistent bei Electronic Arts Intermix, einer Plattform für den Vertrieb von Medienkunst, ging der in Jerusalem geborene Wahl-New-Yorker in den neunziger Jahren Künstlern wie Dan Graham, Martha Rosler und Joan Jonas zur Hand. So arbeitete er sich in die digitale Bildverarbeitung ein, produzierte eigene Filme, die er im Abendprogramm des Museum of Modern Art vorstellte, und entschied sich, Künstler zu werden. Dass er sich dabei seine eigenen Gedanken über zeitgenössische Kunst machte, bewies Price 2002 in seinem Essay „Dispersions“: Verbreitung, Streuung, Zerstreuung – Prädikat lesenswert, noch heute (und übrigens online abrufbar).

          Damit erreichte Price rasch die richtigen Adressaten. Kollegen wie der knapp zehn Jahre jüngere Brite Ed Atkins erzählen freimütig, wie begierig sie den Aufsatz in ihrem Studium verschlungen hätten. Angesiedelt zwischen Manifest und Selbstgespräch, Analyse und Appell, tippt der Aufsatz diverse Aspekte des Künstlertums im einundzwanzigsten Jahrhundert an: Price verhandelt den flow von Bildern im Netz, als er noch eine Suchmaschine namens Altavista benutzte, er belebt den Topos von Kunst und Leben, deren Vereinigung jetzt „biopolitisch“ geheißen wird, und beschwört die neuen Möglichkeiten, „existierendes Material“ zu nutzen und im digitalen Raum „soziale Kontexte“ zu schaffen, anstatt konventionelle Objekte herzustellen: „Was für eine Zeit, die Du Dir da ausgesucht hast!“

          Post-Internet-Art : Seth Price – „N.Y. Sorrow 2001“

          Fünfzehn Jahre später wird dem Künstler in Europa jetzt ein erster größerer Werküberblick mit rund hundert Arbeiten gewidmet, aus dem Stedelijk Museum in Amsterdam ist er ins Museum Brandhorst nach München gekommen: Gehuldigt wird dem wahrlich multiplen Künstlerego, das zeichnet, malt, schreibt und komponiert, nebenbei auch Mode entwirft und Datenbänke über Sammler und Preise anlegt. Eingangs grüßen zwei vakuumgeformte Masken aus Kunststoff. Die Gesichter des Künstlers scheinen dem 3D-Drucker entsprungen, sie sind übereinander mit einem dünnen Draht an der Wand befestigt, dessen Enden sich kräuseln – ist das nun schnoddrig oder supersensibel à la Richard Tuttle?

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