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Der Maler Horst Antes in Berlin : Bilder aus der Innenwelt

Eine große Berliner Ausstellung zeigt den Maler Horst Antes in einem neuen Licht: Seine Kopffüßler führen den Betrachter in eine Welt verrückter Schönheiten.

          Auch hier sind die Kopfmenschen. Auch in dieser Ausstellung des Malers Horst Antes findet man die Wesen, die den Maler Anfang der sechziger Jahre berühmt machten - monolithisch wirkende Kopffüßler mit riesigen Füßen und markanten, wie in Stein gemeißelten Gesichtern, die an uralte, monolithische Statuen erinnern, an die Moai-Köpfe auf der Osterinsel etwa, sehr alte, reptilienhafte Köpfe, magische Figuren einer untergegangenen Zivilisation.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Horst Antes, geboren 1936 an der Bergstraße, ist kein unbekannter Künstler, im Gegenteil: Er war 1963 Stipendiat der Villa Massimo, nahm allein bis 1977 dreimal an der Documenta teil und gewann Preise auf der Kunstbiennale; seine Kopffußwesen sind populär, sie bevölkern als Drucke Wohnzimmer und Lobbys und sind in den halböffentlichen Räumen der Bundesrepublik so gegenwärtig wie die Mumins oder die Barbapapas in den Köpfen und den Zimmern der Kinder. Aber Antes hat in der Welt der Großausstellungen und Marktnotierungen nicht den gleichen Stellenwert wie Baselitz, Lüpertz oder Anselm Kiefer. Vielleicht wirken seine Gemälde im Vergleich zu freundlich, zugewandt, zu wenig berserkerhaft in einer Kunstwelt, die auf eine Ästhetik des Exzesses, des bleiernen Grusels und auf formal spektakulären Rabatz setzt - ein gutes Beispiel dafür sind die spektakulären Materialschlachtexzesse von Anish Kapoor eine Etage tiefer im Martin-Gropius-Bau.

          Allegorische Fabelwelt

          Aber das Kindliche in Antes’ Kunst darf nicht mit Naivität verwechselt werden. Es ist eher das Ergebnis dessen, was Picasso einen Akt des „désapprendre“ nannte - eines Versuchs, wie ein malendes Kind erste Formulierungen zu finden. Aus diesem Interesse an den „arts premiers“, an den Versuchen von im Entstehen begriffenen Gesellschaften, sich in der Kunst eine Form zu geben, Ängste zu bannen, Hoffnungen auszudrücken, rührt auch Antes’ Faszination für die frühe Renaissance und die Bildwelten und Rituale etwa der Hopi-Indianer her, die Antes mehrfach besuchte und deren Maskenkult er als Wissenschaftler zwei Bücher widmete, die als Standardwerke gelten.

          In seiner Malerei schuf Antes eine modellhafte, allegorische Fabelwelt: Wie die Götter der Antike sind die Kopffüßler seines privatmythologischen Kosmos Darsteller menschlicher Zustände: „Sie können monumental und aggressiv sein, Trauer zeigen oder Scheu, manchmal ist ihnen eine naive Anmut eigen, sie können zutraulich sein oder irritierend, sie können sich maskieren oder verlieben“, schreibt der Kurator der Ausstellung, Joachim Sartorius. Sie sind, wie das Personal der Mythen der Antike, chiffrenhafte Figuren, an denen ein Mensch sich selbst erklärt.

          Aber sie sind moderne Götter. Man kann Antes’ disproportionale Fabelwesen, wie Sartorius überzeugend vorschlägt, als einen Kommentar auf „klassische“, vermeintlich unumstößliche und universale, weil angeblich biologisch angelegte Wahrnehmungen von Schönheit lesen - weil sie „auf Kosten der Proportion eine andere, verrückte Schönheit“ zeigen. Darin läge ihre Aktualität in einer Zeit, in der die Vorstellung von Schönheit zunehmend über eine naturwissenschaftlich begründete Regelästhetik kanonisiert wird.

          Man kann sie aber auch als Personifikationen der Kunst und des Formfindungsprozesses selbst sehen. Auffällig viele von Antes’ Figuren haben blinde, leere Augen, viele sind augenlos: Die „Maskierten“, der „Paran“, die „Figur Hiob“, das „Paar mit schwarzer Tableta“ von 1972, die Menschen in den Mutter und Kind-Bildern, alle zeigen Riesen ohne Augen.

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