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Kritik an Architektur : In Japan muss man japanisch sein

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Weltabgewandte Wohnhäuser: Das Kidosaki-Haus in Tokio Bild: Picture-Alliance

Der japanische Architekt Tadao Ando wird international gefeiert, in seiner Heimat jedoch oft dafür kritisiert, dass er zu westlich inspiriert sei.

          Der Erfolg des japanischen Architekten Tadao Ando ist ein Phänomen: Er hat sein Fach weder studiert, noch unterhält er eine Website, noch ist er Mitglied der Architektenkammer und könnte Bauanträge stellen. Dennoch ist Ando Pritzker-Preisträger und Japans erfolgreichster zeitgenössischer Architekt. Was ihn nicht davon abhält, an den erstaunlichsten Orten zu bauen. Allein in der deutschen Provinz hat er drei herausragende Bauten realisiert: in Bad Münster am Stein, einem kleinen Kurort im Nahetal, ein privates Skulpturenmuseum für die Fondation Kubach-Wilmsen, 2004 in der Nähe des nordrhein-westfälischen Neuss auf einem ehemaligen Nato-Gelände eine Betonhalle für die Sammlung Langen und schon 1993 – als ersten Bau außerhalb seiner Heimat – in Weil am Rhein einen klösterlichen Konferenzpavillon für den Möbelhersteller Vitra.

          In Karlsruhe wird im kommenden Jahr ein weiterer Bau des Meisters entstehen: Auf rund 13.000 Quadratmetern wird er an der Ludwig-Erhard-Allee den Firmensitz des Unternehmens Weisenburger errichten. Und gerade wurde in New York im Stadtteil Nolita ein Apartmenthaus eröffnet, das neben dem für Ando ikonischen Sichtbeton vor allem auf Glas setzt.

          Die größte Architekturschau, die es jemals gab

          So bekannt und begehrt er international ist, so umstritten ist er bisweilen in seinem eigenen Land. Für die Entscheidung einer Jury, der er vorsaß, die Zaha Hadid den Auftrag für den Bau des Olympiastadions gab, war er für japanische Verhältnisse ungewöhnlich scharf kritisiert worden: als jemand, der den internationalen Blob-Architekten die Tür in ein Land öffne, dessen traditionelle Ästhetik er selbst mit seiner reduzierten Betonmoderne in die Gegenwart überführt hatte. Der Streit endete schließlich zugunsten von Kengo Kuma, der das Stadion jetzt bauen wird.

          Das private Skulpturenmuseum für die Fondation Kubach-Wilmsen in Bad Münster am Stein

          Gleichzeitig feierte Japan Ando im vergangenen Jahr wie einen Nationalhelden: mit der wohl größten und schönsten monographischen Architekturschau, die es jemals gab. Ausmaß und Ästhetik allein machten die Schau, mit der das Kokuritsu-Shin-Bijutsukan (Nationales Kunstzentrum) zugleich seinen zehnten Geburtstag feierte, einzigartig. Das Manko aller Architekturausstellungen der Welt, ihr Sujet nicht unmittelbar ausstellen zu können, umschiffte diese Schau mit genialen Einfällen: Einige der zweihundert ausgestellten Modelle waren so groß, dass man hineintreten konnte. Andos wohl gelungenstes Werk, die Kirche des Lichts in Ibaraki, hatte man kurzerhand hinter dem Museum im Maßstab 1:1 nachgebaut, damit jeder Besucher den legendären Lichteinfall durch das kreuzförmige Fenster einmal räumlich erleben kann, ohne den Priester der kleinen christlichen Gemeinde unweit von Osaka nerven zu müssen.

          Andos Bau auf der ehemaligen Raketenstation Hombroich

          Andos Karriere begann über der Auseinandersetzung mit Le Corbusiers béton brut und Louis Kahns reinen Geometrien. Nach der Rückkehr von einer ausgedehnten Weltreise (1962 bis 1969) gründete der 1941 geborene Autodidakt ein Atelier in seiner Heimatstadt Osaka. Seine ersten eigenen Werke waren Wohnhäuser im dichten urbanen Geflecht japanischer Städte: abweisende Refugien im urbanen Chaos, geschützte Räume für Menschen im Getriebe. Diese yohaku genannten „Leerstellen“ wurden erstmals vor tausend Jahren in der chinesischen Landschaftsmalerei angewandt.

          Eine Kaskade aus Terrassen und Balkonen

          Ando hat yohaku in die dritte, die architektonische Dimension übersetzt. Dem „Nichts“, dem zenartig leeren Raum und der Einfachheit der Räume steht die Komplexität der Erschließungen gegenüber: Aus der Dualität von Licht und Dunkel, offen und geschlossen, Masse und Raum formt Ando spannende Dramaturgien. Das Raumerlebnis ist ihm stets wichtiger als die oft barsche Fassade. Das Prinzip, den Außenraum mit den Interieurs zu verweben, schon im Azuma House von 1976 erstmals meisterlich formuliert, konnte Ando mittlerweile auch im Maßstab eines ganzen Stadtteils anwenden: Die Rokko-Siedlung in Kobe ist eine Kaskade aus Terrassen und Balkonen, perforiert von Atrien und Schäften und Opus Magnum ihres Schöpfers.

          Ein Autodidakt der Architektur: Tadao Ando im Nachbau seiner Kirche in der Tokioter Ausstellung.

          Anhand von mehr als hundert Hausentwürfen hat Ando sein formales Repertoire seit Beginn der Architektenlaufbahn erweitert, aber nie mehr grundsätzlich in Frage gestellt. Erst mit dem japanischen Pavillon auf der Weltausstellung in Sevilla 1992 begann sein internationales Schaffen. Kein anderer japanischer Architekt hat so viele und hochkarätige Gebäude in Deutschland gebaut wie er.

          Geheimes Rezept für glatte Oberflächen

          Geprägt werden seine Werke von der Sensibilität für das Rohe. Sein formales Wiedererkennungszeichen sind der feine Sichtbeton, in situ gegossen, einfache Geometrien, eine Symbiose mit der Natur und die Genauigkeit und das Raffinement im Detail. Ein geheimes Betonrezept sorgt für Oberflächen, die so glatt sind, dass sie ihre Umwelt spiegeln. Das Spiel von Licht und Schatten auf den blanken „Leinwänden“ belebt die minimalistischen Räume. Die Ästhetik ohne Dekor und Ornament schafft meditative Orte allein durch Licht und Schatten. Über ein halbes Jahrhundert hinweg hat Ando dieses gestalterische Vokabular weiterentwickelt und verfeinert. Sauber geschnitten, plötzlich leicht und glänzend wirken seine Betonwände im Maß von Reisstrohmatten. Einfallendes Tageslicht, reflektierende Bassins und Bewegung der Besucher bringen die graue Materie der Bauten zum Leben.

          Das „Kunstmuseum in der Erde“, entworfen vom Architekten Tadao Ando. Es ist nur drei Künstlern gewidmet – Claude Monet, James Turrell und Walter De Maria.

          Beim Bauen in offener Landschaft integriert Ando seine Entwürfe so in das Terrain, dass seine Baukunst die Topographie überhöht. Er „liest“ den Bau-Ort zuvor intensiv. „Geist und Schönheit der Natur durch Architektur erlebbar zu machen“, ist das Ziel seiner Baukunst. Speziell seine Werke in Italien und Frankreich haben Ando aber auch zu einer selbstbewussten Haltung im Umgang mit wertvollen historischen Gebäuden getrieben. In Venedig baute er für François Pinault das ehemalige Zollamt zum Museum für Zeitgenössische Kunst um; für denselben Bauherrn entwirft er derzeit einen Umbau der Bourse de Commerce in Paris zu einer Galerie für dessen Sammlung.

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