24.06.2008 · „Schaut auf diese Stadt!“, rief der Berliner Bürgermeister Ernst Reuter den Völkern der Welt im Vormärz des Kalten Krieges zu. Der Fotograf Henry Ries hat dies wie kein Zweiter getan und seine Aufnahmen der Berliner Luftbrücke, die das Deutsche Historische Museum jetzt zeigt, haben ihn berühmt gemacht.
Von Andreas KilbIm Frühjahr 1937 fotografiert Heinz Ries einen Berliner Spaziergänger mit Knickerbocker und Schirmmütze, der vor dem Reichstag ein Hinweisschild studiert. Darauf bietet der „Führungsdienst Berlin“ der NS-Organisation „Kraft durch Freude“ Besucherführungen durch das halb ausgebrannte Gebäude an. Es ist eines der ersten Fotos des neunzehnjährigen Ries und eines seiner letzten vor dem Krieg. Im Oktober 1937 flieht der Fotograf, Spross einer jüdisch-deutschen Familie aus Charlottenburg, in die Vereinigten Staaten. Acht Jahre später kehrt er als amerikanischer Soldat in seine zerstörte Heimatstadt zurück. Er heißt jetzt Henry.
Die Ausstellung „Brennpunkt Berlin: Die Blockade 1948/1949“ im Deutschen Historischen Museum ist in Wahrheit eine Henry-Ries-Ausstellung. Nur ein Dutzend Aufnahmen stammt von anderen Fotografen, gut zweihundert stammen von Ries. Und Henry Ries hat diese Ehrung verdient. Er ist der Stadt, in der er geboren wurde, als Amerikaner ein Leben lang treu geblieben; „Ich war ein Berliner“ heißen seine Lebenserinnerungen. Im Oktober 1948 machte er in Tempelhof das Foto, das zur Ikone der Berliner Luftbrücke wurde: eine Menschenmenge, Männer, Frauen und Kinder, auf einem Trümmerberg, gespannt zum Himmel blickend wie die Gruppe auf Richard Oelzes „Erwartung“; darüber ein Transportflugzeug im Landeanflug. Es gibt Agenturbilder aus dieser Zeit mit ähnlichen Motiven, aber das Foto von Ries hat sich durchgesetzt. Er brachte es 1973 zum fünfundzwanzigjährigen Jubiläum der Luftbrücke nach Berlin mit. Seither verschenkte der Senat der Stadt die Aufnahme bis zum Mauerfall als Gastgeschenk an politische Besucher.
Zwischen Mitleid und Sachlichkeit
Die Ries-Ausstellung ist eine ideale Ergänzung zu der Werkschau des russischen Armeefotografen Jewgeni Chaldej im Gropiusbau. Als Chaldejs Zeit in Berlin zu Ende geht, fängt Ries gerade erst an. Ende 1946 verlässt er die U.S. Army und geht zur „New York Times“. Bis 1951 arbeitet er als Fotoreporter in Europa, zuerst in Deutschland, dann auch in Österreich, Italien, Spanien und Frankreich. Von der Freiheit, die ihm seine Auftraggeber dabei lassen, macht er souverän Gebrauch. Als der mit jüdischen Flüchtlingen überfüllte Frachter „Exodus“ von den britischen Behörden aus Haifa nach Deutschland zurückgeschickt wird, gelingen Ries Aufnahmen aus dem streng bewachten Internierungslager Pöppendorf bei Lübeck. In Wien fotografiert er die Zustände im Rothschild-Spital, einer Durchgangsstation auf dem Weg nach Palästina. Die New Yorker Redakteure loben seine Fotoserie enthusiastisch. Sie erscheint nie.
Ries' Blick auf das besiegte Deutschland ist zwischen Mitleid und Sachlichkeit gespalten. Als amerikanischer Soldat registriert er nüchtern die Folgen des Kriegs, als gebürtiger Berliner schaut er in die Gesichter der Überlebenden. Es sei ihm damals gegangen, sagt er später, „als hätte ich zwei Paar Augen“. Das eine sieht die Trümmerlandschaften Berlins und Dresdens, das andere nimmt die ostpreußischen Vertriebenen auf, die am Straßenrand kampieren, und die Hausfrau, die nachts ihre Wäsche bügelt, weil es tagsüber keinen Strom gibt. Ries denkt weniger in Einzelbildern als in Serien; seine Aufnahmen sind einfach komponiert, übersichtlich, sie wollen die Wirklichkeit nicht ästhetisieren, sondern verdichten. Ebendeshalb kann man sie immer noch mühelos lesen: Ihr Schwarzweiß hat keine Patina angesetzt.
Schaut auf diese Stadt
Über die Gründe und den Verlauf der Berliner Blockade ließe sich viel sagen. Die Ausstellung verzichtet darauf; sie betrachtet die Weltgeschichte mit den Augen von Ries, der immer das Nahe und Menschliche sieht. Im zerbombten Anhalter Bahnhof trifft er Gretl Lange, die aus Weimar nach Berlin geflüchtet ist: „Es gibt nichts für ein Mädchen wie mich in der russischen Zone.“ Der Schieber Karl Volter tauscht Eisenwaren gegen Eier und Fleisch: „Auf dem Land braucht jeder Nägel.“ Und Martha Wolfert sucht ihren jüngsten Sohn: „Vielleicht ackert er irgendwo in Russland, wer weiß.“ Später setzt Ries seine Porträtserien in Essen und im bayerischen Mittenwald fort. Je länger er dabei den Leuten zuhört und in die Gesichter schaut, desto weniger Sympathie empfindet er für sie. „Besiegt, aber im Innersten mit ihrer Niederlage nicht einverstanden, der entsetzlichsten Verbrechen schuldig, aber ihrer Schuld nicht eingedenk“, so schildert er die Deutschen 1950 im Nachwort zu seinem Fotoband „German Faces“. Seine Aufnahmen erzählen auch die Geschichte einer Desillusionierung. Ries geht 1951 nach Amerika zurück, wo er als Werbefotograf zu Wohlstand gelangt.
Noch einmal hat Henry Ries den Reichstag aufgenommen, im September 1948 bei der Protestkundgebung gegen die Politik der sowjetischen Militärregierung und der SED. Jetzt steht der Fotograf im Inneren des zerschossenen Parlamentsbaus, vor dem Ernst Reuter die „Völker der Welt“ anruft: „Schaut auf diese Stadt!“ Das hat Henry Ries getan. Seine Bilder halten den Übergang von der Besatzungs- zur Nachkriegszeit fest, die Jahre, in denen Europa in den Sog des Kalten Krieges geriet. Von dem, was folgte, kann Berlin ein Lied singen.