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Raubkunst : Ablasshandel mit der Moderne

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Bereits 1949 war Hildebrand Gurlitt Leihgeber für die Schau „Der Blaue Reiter“ in München. Die vermeintlichen Retter der Moderne waren oft Akteure des NS-Kunstbetriebs. Sie kämpften gegen die Rückgabe von Raubkunst aus jüdischem Besitz.

          Es war der 5. September 1949, als in München eine Ausstellung eröffnet wurde, die zur Legende wurde – und auf die jetzt der Fall Gurlitt einen dunklen Schatten wirft. Die Ausstellung trug den Titel „Der Blaue Reiter. München und die Kunst des 20. Jahrhunderts“. Gezeigt wurden mehr als zweihundert Werke, darunter solche von Kandinsky, Marc, Macke, Klee, Jawlensky, Campendonk, Münter, Werefkin und Delaunay. Versammelt war die deutsche Moderne, die wenige Jahre zuvor als „entartet“ diffamiert worden war. Ihren Platz behauptete sie nun programmatisch im Haus der Kunst, dem ehemaligen Tempel nationalsozialistischer Kunstideologie. Hier hatte von 1937 bis 1944 die jährliche Leistungsschau „völkischen Kunstschaffens“ stattgefunden, die „Große Deutsche Kunstausstellung“.

          Die Botschaft der Schau sollte um die Welt gehen. In den begeisterten Kritiken war von der „Entnazifizierung“ des Bauwerks die Rede. Einen Publikumserfolg konnte man ebenfalls feiern: Es kamen 30.000 Besucher, darunter 3000 Schüler; 5000 Kataloge wurden verkauft.

          Die Schau war die Fortsetzung der Politik mit den Mitteln der Kunst. Es war das Gründungsjahr der Bundesrepublik; die zuvor verfemte Moderne stieg von nun an zur Staatskunst auf. Aus der Münchner Geste wurde in den Folgejahren ein Modell: Im Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig zeigte man 1950 wieder die Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“, 1952 folgte „Die Brücke“. 1955 öffnete die erste Documenta in Kassel ihre Pforten; in deren Zentrum stand wieder die Kunst der deutschen Moderne. Das Signal war eindeutig. Die Rehabilitierung der Moderne war eine der erfolgreichsten Imagekampagnen der jungen Demokratie, im In- und im Ausland.

          Die düstere Kehrseite

          Hinter den Kulissen blieben die Verhältnisse allerdings häufig beim Alten: Als 1949 die besagte Ausstellung im Haus der Kunst eröffnet wurde, zählte unter anderem Hildebrand Gurlitt zu den Leihgebern – der Vater des Mannes also, in dessen Wohnung im Frühjahr 2012 von der Augsburger Staatsanwaltschaft rund 1280 Werke sichergestellt wurden. 590 davon stehen im Verdacht, Raubkunst zu sein, also ihren Eigentümern im Nationalsozialismus abgepresst oder geraubt worden zu sein; 390 stammen vermutlich aus der Beschlagnahmeaktion „Entartete Kunst“, dem Beutezug der Nationalsozialisten durch die deutschen Museen.

          Im Katalog der Ausstellung von 1949 verschwindet Gurlitts Name in einer langen Liste vollkommen unverdächtiger Leihgeber: Zu ihnen gehörten Nina Kandinsky, die Witwe des Malers; dessen ehemalige Lebensgefährtin, die Künstlerin Gabriele Münter, und Sonia Delaunay. Veranstalter war neben den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen und der Münchner Städtischen Galerie die „Cultural Affairs Branch“, eine für den Kulturaustausch zuständige Abteilung der amerikanischen Besatzungsbehörde. Das Nebeneinander ehemaliger NS-Kunsthändler und unbescholtener Personen sollte bei der Rehabilitierung der Moderne keine Ausnahme bleiben. Es machte Schule: Für die Ausstellungen von 1950 und 1952 im Deutschen Pavillon in Venedig gab Ferdinand Möller Leihgaben, der wie Gurlitt zu den Händlern zählte, die beschlagnahmte „entartete Kunst“ ins Ausland verkauften. Als 1953 in Luzern die Ausstellung „Deutsche Kunst. Meisterwerke des 20. Jahrhunderts“ eröffnet wurde, war Hildebrand Gurlitt wieder Leihgeber, außerdem Möller. Auch hier bespielte man bewusst mit Kunst die politische Bühne, Bundespräsident Theodor Heuss schrieb das Vorwort.

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