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Münchner Kunstfund : Das Bild von Dix ist längst bekannt

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Das Selbstporträt von Otto Dix im Münchner Kunstfund wurde als Neuentdeckung gefeiert: Davon kann keine Rede sein. Das belegt ein Dokument im Nationalarchiv in Washington. Wie konnte das übersehen werden?

          Herr Korte, Sie leben in Washington und forschen gerade im Stadtarchiv Düsseldorf zur Raubkunst aus dem Besitz des von den Nationalsozialisten vertriebenen Kunsthändlers Max Stern. Da sind Sie auch zur Entdeckung des Münchner Kunstschatzes am richtigen Ort?

          Willi Korte: Das ist reiner Zufall. Der Archivleiter hat mich auf die Düsseldorfer Vergangenheit von Hildebrand Gurlitt aufmerksam gemacht. Ich habe hier eine Liste erhalten und eingesehen, die aus dem Nationalarchiv in Washington stammt und jene Objekte aufführt, die an Hildebrand Gurlitt vom „Collecting Point“ in Wiesbaden ausgeliefert wurden. Es handelt sich um die „Freigabe an den Eigentümer“; die „Empfangsbescheinigung“ hat Gurlitt, der damals in Düsseldorf den Kunstverein leitete, am 15. Dezember 1950 quittiert. Seine Adresse lautet „Cäcilien Allee75“, von amerikanischer Seite hat Theodore H.Heinrich, „Cultural Affairs Adviser“, unterschrieben.

          Wie umfangreich ist diese Liste?

          Die fünfseitige Liste führt 125 Kunstwerke auf, Gemälde und Zeichnungen, außerdem 29 Skulpturen und Objekte, afrikanische Kunst, Meissener Porzellan sowie vier Kisten mit leeren Bilderrahmen.

          Wie ist Ihre erste Einschätzung?

          Die Gouache „Löwenbändiger“ von Max Beckmann, die im Herbst 2011 bei Lempertz in Köln versteigert wurde, ist dabei. In der Mehrzahl aber sind es Gemälde, zwei von Max Liebermann, zwei von Courbet, das Selbstbildnis und ein Mädchenkopf von Otto Dix, Bilder von Nolde, Pechstein, Grosz, Schmidt-Rottluff, Heckel, Schlemmer, Kollwitz und vielen anderen, aber auch alte Kunst, darunter mehrere Arbeiten von Louis Gurlitt, dem Großvater von Hildebrand Gurlitt. Zu jedem dieser Werke muss es eine Karteikarte geben, die Nachforschungen zu Details wie auch zur Provenienz eröffnet.

          In welchem Zusammenhang steht die Liste mit dem Fund in München, der ja überwiegend Papierarbeiten enthalten soll?

          Das ist die eine Diskrepanz. Hier sind es in der Mehrzahl Gemälde, und es ist gut möglich, dass es sich um die Highlights des Münchner Funds handelt. Die andere Diskrepanz: Es sind „nur“ 125 Werke, während es in München angeblich 1400 sind. Noch liegt die komplette Liste von dort ja nicht vor, so dass ich das nicht abgleichen kann.

          Skulpturen und außereuropäische Kunst sind, nach dem, was bisher bekannt wurde, in München nicht vertreten. Die müssen also woanders eingelagert oder inzwischen verkauft worden sein.

          Ja, eher Letzteres. Hildebrand Gurlitt ist Ende 1956 bei einem Autounfall ums Leben gekommen, er hatte also noch sechs Jahre Zeit, Werke zu verkaufen, und das wird er wohl in Düsseldorf oder Köln getan haben. Wovon seine Witwe und sein Sohn gelebt haben, ist mir nicht bekannt, doch wurde Cornelius Gurlitt keine geregelte Tätigkeit nachgewiesen; gut möglich, dass er vom Verkauf aus dem Kunstbesitz gelebt hat, dann muss er einiges veräußert haben. Ich habe keine Ahnung, ob es dazu Unterlagen gibt.

          Zu jedem Werk der Liste gibt es, sagen Sie, eine Karteikarte.

          Die Karteikarten heißen „Property Cards“. Sie wurden vom Collecting Point in Wiesbaden ausgefüllt und liegen im Nationalarchiv in Washington. Ich kann Ihnen auch eine dieser Property Cards zeigen, die zum Selbstporträt von Otto Dix nämlich. Da steht alles drauf: Nummer, Gemälde, Künstler, die Maße, eine Kurzbeschreibung, auch ein kleines Foto des Bilds; auf der Rückseite Angaben zu Provenienz und Zustand, Eingangs- und Ausgangsdatum.

          Auf der Pressekonferenz am Dienstag in Augsburg wurde das Dix-Porträt als „bisher unbekanntes Selbstbildnis“ vorgestellt.

          Ich kann mir nicht erklären, wie es zu einer solchen Aussage kommt, wenn es eine Property Card gibt. Diese Archivalien sind seit Jahrzehnten öffentlich zugänglich.

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