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Fund von München : Der Schatz und sein Hüter

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Was hat Cornelius Gurlitt mit der Kunst getan und was die Kunst mit Cornelius Gurlitt? Die in München sichergestellten Gemälde werfen nicht nur juristische Fragen auf.

          Wenn man am vergangenen Samstag die These vertreten hätte, dass die halbe Welt sich eines schönen Tages um die wissenschaftliche Disziplin der Provenienzforschung versammeln würde wie um einen weisen, aber dürftig ernährten Alten, der als einziger die Hieroglyphen einer vergangenen, plötzlich aber doch wieder sehr wichtigen Zeit entschlüsseln kann, man wäre ausgelacht worden. Offenbar zu Unrecht, denn der Provenienzforscher, so lernten wir in der vergangenen Woche, ist nicht weniger als der Biograph eines Kunstwerks. Und wie Menschen haben manche Kunstwerke glückliche, ereignislose Leben und andere komplizierte und eher traurige. Und manchmal, wie im Fall des Kunstfunds von München, sind die Schicksale der Menschen und die ihrer Bilder miteinander verknüpft und verwoben, zum Nachteil beider.

          Als am 28. Februar vergangenen Jahres bayerische Steuerfahnder die Wohnung des Österreichers Rolf Nikolaus Cornelius Gurlitt in München-Schwabing betraten, entdeckten sie dort um die vierzehnhundert Kunstwerke, deren Lebensgeschichten anscheinend so heikel sind, dass sie achtzehn Monate lang wie ein Staatsgeheimnis gehütet werden mussten.

          Eine einzige Forscherin sollte nach dem Willen der Staatsanwaltschaft die Bürde auf sich nehmen, all diese Bilder nach ihrer Herkunft zu befragen; und recht schnell wurde klar, was für ein Wahnsinn das ist, auch wenn nicht jedes Blatt wird recherchiert werden müssen. Denn die ungebrochenen Biographien glücklicher Kunstwerke gleichen einander, die traurigen aber sind je auf ihre eigene Weise traurig und heikel und schlimm.

          1954 galt das Liebermann-Gemälde noch nicht als Raubkunst

          Da wäre zum Beispiel das Gemälde des Malers Max Liebermann. „Zwei Reiter am Strand nach links“ ist eines der wenigen Gemälde, die man bisher zu Gesicht bekommen hat, und dieser Fall allein zeigt, wie verwickelt die Geschichten der Bilder sein können, die sich in Gurlitts Wohnung stapelten. Das Bild mit den Maßen 72x92 Zentimeter entstand 1901 im Berliner Atelier des jüdischen Malers Max Liebermann, der damals die Sommer gern an der niederländischen Nordseeküste verbrachte und dort Reiter und badende Kinder malte.

          Schaut man ins Werkverzeichnis Liebermanns, dann steht dort als erster nachgewiesener Besitzer ein David Friedmann, jüdischer Geschäftsmann in Breslau, der das Bild mindestens bis 1928 besaß. Von 1954 an ist es in der Sammlung Hildebrand Gurlitts nachgewiesen, des Vaters von Cornelius Gurlitt, der 1956 starb. Zuletzt ausgestellt wurden die „Reiter“ 1960 in Berlin, in Recklinghausen und Wien und bereits 1954 in der Kunsthalle Bremen im Rahmen einer Liebermann-Retrospektive. Niemand erhob damals den Vorwurf, es handele sich bei dem Bild um Raubkunst; die Gurlitts versteckten es nicht. Als letzte Besitzerin steht die Witwe des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, Helene, im Werkverzeichnis.

          So weit, so scheinbar korrekt. Doch dass die Biographie des Gemäldes eine dunkle Stelle hat, darauf weist ein Brief hin, der 1939 vom Oberregierungsrat Dr.Ernst Westram in Breslau an Reichswirtschaftsminister Walther Funk erging und der im Staatsarchiv Breslau aufbewahrt wird. Mit welcher Umtriebigkeit und Gier der Besitz der jüdischen Bevölkerung im sogenannten Dritten Reich zu Geld gemacht wurde, ist bekannt; es in einem Brief von einem Nazi zum andern so freimütig formuliert zu lesen, erschreckt einen dann doch aufs Neue. Die Taxierung von David Friedmanns Kunstsammlung durch „ein Mitglied der Reichsfachschaft für das Sachverständigenwesen“ auf 10785 Reichsmark erschien dem Oberregierungsrat Ernst Westram zu niedrig, so dass er von eigenen Leuten auf Kosten Friedmanns noch mal nachprüfen ließ. Mit Erfolg. Max Liebermanns „Reiter“ sei nämlich nicht 9500, sondern im Ausland möglicherweise 10000 bis 15000 Reichsmark wert. „Dem Juden Friedmann“ wird der eigenmächtige Verkauf seiner Schätze verboten; drei Jahre später stirbt er eines natürlichen Todes, seine gesamte Familie kommt im Holocaust um.

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