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Der Fall Gurlitt : Leichtgradig kompliziert

  • -Aktualisiert am

Leicht dement, schizoid und wahnhaft: Die Einholung eines Gutachtens zum geistigen Zustand Cornelius Gurlitts bei Abfassung seines Testaments wirft die Frage auf, welches mögliche Vorgehen damit abgesichert werden soll.

          Die Aufregung, die es in den vergangenen Tagen um Cornelius Gurlitt, seine Kunstsammlung und sein Testament gegeben hat, kann nur verstehen, wer die Familienverhältnisse kennt und sorgfältig die wenigen Verlautbarungen liest, die zu diesem Fall veröffentlicht wurden. Dann kommt man zum Ergebnis, dass so viel Aufregung wohl gar nicht nötig gewesen wäre.

          Zum einen liegt die Erklärung, mit der das Kunstmuseum Bern die Annahme des Erbes erklärt, bereits fertig in der Schublade. Die Bundesrepublik Deutschland verpflichtet sich darin nicht nur, weiter die Provenienzforschung für alle, auch die nachträglich in Salzburg gefundenen Gurlitt-Bilder zu übernehmen. Sie erklärt sich auch bereit, alle Rechtskosten für den Fall zu übernehmen, dass Sammlererben das Schweizer Museum auf Herausgabe von Werken verklagen.

          Sollten Museumsdirektor Matthias Frehner und der Stiftungsrat das Erbe wider Erwarten trotz dieser komfortablen Situation in der kommenden Woche ausschlagen, kämen die Verwandten von Cornelius Gurlitt zum Zug.

          Sie allerdings, und das ist die neue Entwicklung der vergangenen Tage, sind zumindest in Nuancen nicht mehr einer Meinung. Der größte Teil der potentiellen Erben - Gurlitts Cousin und Cousine, Dietrich Gurlitt und Uta Werner, geborene Gurlitt, der Großcousin Christoph Gurlitt, die Großcousine Anne-Cläre Gurlitt und Klaus Fräßle, der Witwer von Cornelius Gurlitts verstorbener Schwester - hatte im Mai 2014 unmissverständlich erklärt: „Wir begrüßen vollumfänglich das Testament von Cornelius Gurlitt, das das Berner Kunstmuseum zum alleinigen Erben seiner wertvollen Sammlung macht, und unterstützen dies ausdrücklich. Wir hoffen in diesem Zusammenhang, dass das Berner Kunstmuseum das Erbe antreten wird. Wir wollen und werden dazu beitragen, dass der letzte Wille des Verstorbenen ungehindert umgesetzt wird.“

          Abweichende Stellungnahmen

          In einer E-Mail vom späten Montagabend hat Dietrich Gurlitt dem Berner Museumsdirektor Matthias Frehner noch einmal verbindlich mitgeteilt: „Wie bereits im Mai erklärt, hoffe ich, Sie geben eine positive Entscheidung bezüglich des Cornelius-Gurlitt-Erbes bekannt. Mit den Versuchen einiger Verwandter, den Geisteszustand von Cornelius anzuzweifeln, habe ich nichts zu tun.“ Auch Christoph Gurlitt und Anne-Cläre Gurlitt sowie Klaus Fräßle stehen nach wie vor hinter der Erklärung von Mai. Der Name von Uta Werner fehlt allerdings inzwischen unter der Stellungnahme der übrigen Familienmitglieder.

          In ihrem und im Auftrag weiterer Verwandter gab der Münchner Rechtsanwalt Wolfgang Seybold das Gutachten des Chamer Psychiaters und Juristen Helmut Hausner in Auftrag, nach dem Cornelius Gurlitt bei Abfassung seines Testamentes unter einer „leichtgradigen Demenz, einer Schizoiden Persönlichkeitsstörung und einer Wahnhaften Störung“ gelitten haben soll. Seybold war es auch, der bereits in der vergangenen Woche Äußerungen von Kulturstaatsministerin Monika Grütters kritisierte, nach denen nur eine Erbannahme durch Bern eine glückliche Lösung sei.

          Spätere Anfechtung nicht ausgeschlossen

          Der Jurist wies darauf hin, dass sich auch die Verwandten von Cornelius Gurlitt, von denen einige selbst unter NS-Repressalien gelitten haben, ihrer Verantwortung bewusst seien, NS-Raubkunst restituieren, über eine weitere Zusammenarbeit mit der viel kritisierten Taskforce aber erst nachdenken wollten - falls Bern das Erbe ausschlägt.

          Den übrigen Gurlitt-Besitz - Bargeld und Immobilien - erwähnt Seybold nicht. In seiner Erklärung ist nur von der „Gurlitt-Sammlung“ die Rede. Bislang kündigte der Rechtsanwalt allerdings auch keine Anfechtung ohnehin noch nicht beantragter und erteilter Erbscheine an. Er schloss allerdings auch nicht aus, dass dies zu einem späteren Zeitpunkt oder durch eine spätere Erbengeneration geschehen könnte.

          Dazu, dies gegebenenfalls abzusichern, sollte offenbar das Gutachten dienen - zu dem aber auch problemlos Gegengutachten der an der Testamentsunterzeichnung Beteiligten, darunter ein Notar, eingeholt werden könnten. Eine Anfechtung allerdings wäre dann keine Maßnahme der Gurlitt-Familie insgesamt, wie häufig dargestellt, sondern eines kleinen Teils von ihr.

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