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Der Fall Gurlitt : Wir werden die Kunstgeschichte umschreiben müssen

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Der Fall Gurlitt ist eine Herausforderung an die Museen: Aufgetaucht sind Bilder von Künstlern, deren Werk man von den Nationalsozialisten zerstört glaubte. Das hat enorme Folgen, sagt der Kunsthistoriker Rolf Jessewitsch.

          Entartete Kunst“, „Kulturbolschewistische Bilder“, „Schandausstellungen“ – kein deutsches Museum hat den Bildersturm der Nationalsozialisten gegen die Moderne so dezidiert und konsequent zu einem Programm der kritischen Aufarbeitung und Rehabilitierung gewendet wie das Kunstmuseum Solingen. 1999 hat es erstmals die Sammlung Gerhard Schneider gezeigt, die Werke verfemter Künstler aus der Versenkung holt und vor dem Vergessen bewahrt. 2004 wurde in Solingen die „Bürgerstiftung für verfemte Künstler mit der Sammlung Gerhard Schneider“ gegründet, die seitdem viele Ausstellungen veranstaltet hat. Der Kunsthistoriker Rolf Jessewitsch, Jahrgang 1954, der das als GmbH geführte Museum seit 1996 leitet, sieht den Fall Gurlitt auch als Herausforderung an die Kunstgeschichte, ihre Kriterien und den Wertekanon zu überdenken.

          Herr Jessewitsch, wie überrascht waren Sie, der Sie seit vielen Jahren zu der von den Nationalsozialisten als „entartet“ verfemten Kunst recherchieren, als Sie von dem Schwabinger Bilderfund hörten?

          Ich war gar nicht überrascht, denn wie alle, die sich mit diesem Thema beschäftigen, wusste ich, dass es solche Sammlungen mit für uns interessanten Beständen gibt.

          Inzwischen wurde der Bestand ja in drei Kategorien geteilt: 590 Werke stehen im Verdacht, Raubkunst zu sein, 390 Werke sollen aus den Beschlagnahmeaktionen „Entartete Kunst“ stammen, und etwa dreihundert Werke werden an Cornelius Gurlitt zurückgegeben, weil sie Eigentum der Familie sind oder sein Vater, Hildebrand Gurlitt, sie vor 1933 erworben hat.

          Diese Einteilung ist zu einfach. Denn wir wissen, dass innerhalb der Familie, vor allem zwischen Hildebrand Gurlitt, der in Hamburg, und seinem Vetter Wolfgang Gurlitt, der in Berlin eine Galerie hatte, ständig Werke verschoben wurden. Das ist schwer durchschaubar. Doch nicht alle Erwerbungen der Gurlitts nach 1933 waren unrechtmäßig. So hat Wolfgang Gurlitt Anfang 1933 die erste Einzelausstellung von Eric Isenburger gezeigt. Isenburger, der mit Pierre Bonnard, auch mit Max Ernst befreundet war, stand schon auf einer schwarzen Liste der Nazis, Gurlitt erfuhr davon und riet ihm und seiner Frau, die – wie übrigens auch die Frau von Hildebrand Gurlitt – Tänzerin bei Mary Wigman war, nach Paris zu gehen, von wo beide dann in die Vereinigten Staaten emigriert sind. Nach dem Krieg ist Isenburger nach Deutschland zurückgekehrt und hat wieder mit Wolfgang Gurlitt zusammengearbeitet, der ihm 1962 in München eine Einzelausstellung ausrichtete.

          Das heißt, dass auch für die Werke, die im „Dritten Reich“ gehandelt wurden, einzeln geklärt werden muss, was rechtmäßig und was unrechtmäßig erworben wurde?

          Ja, doch dafür müssten wir die rund 1280 Werke erst einmal kennen, bisher wurden nur 219 von ihnen ins Internet gestellt.

          Wir kennen auch die Liste des Collecting Point in Wiesbaden aus dem Jahr 1945 mit den 160 Werken, die die Amerikaner 1950 an Hildebrand Gurlitt zurückgegeben haben.

          Bleiben fast tausend, die noch nicht bekannt sind. Nicht geklärt ist bisher auch, wo die Kunstwerke, die nicht auf der Liste des Collecting Point stehen, im Krieg versteckt waren und wie Gurlitt sie an den Amerikanern vorbeischleusen konnte. Denn dass nach 1945 noch viele Werke dazukamen, ist nicht anzunehmen.

          Fast tausend bisher verschollene Werke von wie vielen insgesamt?

          Die Forschungsstelle „Entartete Kunst“ an der Freien Universität Berlin geht von mehr als 20.000 Bildern aus, die von den Nazis aus den Museen geholt wurden. Tausend bis tausendfünfhundert gingen in den Kunsthandel, zehntausend sollen vernichtet worden sein.

          Es muss also noch andere Sammlungen geben, die nicht entdeckt oder öffentlich gemacht wurden?

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