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Das zweite Leben des Hildebrand Gurlitt : Keine Fahne am Mast, nur Fähnchen im Wind?

Als engagierter, liberaler und weltoffener Direktor des Düsseldorfer Kunstvereins hat der Kunsteinkäufer Hitlers nach dem Krieg eine vielbeachtete und sehr erfolgreiche Karriere hingelegt. Eine Spurensicherung.

          Es ist am 15. Dezember 1950, dem Freitag vor dem vierten Advent, als in der Cecilienallee 75 in Düsseldorf, einer der auch damals schon vornehmsten Adressen der Stadt, die über die baumbestandenen Rheinwiesen auf den Fluss blicken lässt, eine mehr als hundertfünfzig Positionen umfassende Sendung von „Kunstwerken, Antiquitäten und Gegenständen von kulturellem Wert“ eintrifft. „Die jetzige Übertragung der Treuhandschaft wird“, so heißt es auf der von Theodore A. Heinrich, „Cultural Affairs Adviser“ beim „Collecting Point“ Wiesbaden, ausgestellten „Empfangsbescheinigung“, „gemäß den Bestimmungen durch Freigabe an den Eigentümer vorgenommen.“

          Empfänger der Kisten ist „Dr. H. Gurlitt“, der mit seiner Unterschrift bestätigt, dass die erhaltenen Werke „unter ausreichender Bewachung und angemessenen Bedingungen... aufbewahrt werden müssen“; die Rubrik „Witness (Zeuge)“ auf dem Formular bleibt leer. Mehr als fünf Jahre nachdem sein Kunstbesitz auf Schloss Aschbach in Oberfranken, wohin er ihn von Hamburg über Dresden verbracht hatte, beschlagnahmt worden war, erhält Gurlitt ihn als „Eigentümer“, wie ihm die Property Division des „Office of the US High Commissioner for Germany“ attestiert, zurück. Eine schöne Bescherung, gerade mal neun Tage vor Weihnachten.

          Ein Anlass zu ungetrübter Freude, zu Erleichterung und womöglich Genugtuung aber scheint das nicht gewesen zu sein für den damals 55 Jahre alten Kunsthistoriker. Seine Reaktion erzählt etwas anderes. Gurlitt muss ein Problem mit dem wiedererhaltenen Schatz gehabt haben, denn er macht ein Familiengeheimnis daraus, das mehr als sechzig Jahre lang Bestand haben wird. Niemand nimmt öffentlich Notiz von seinen Pretiosen, im Kunstleben der Stadt werden sie in den nächsten Jahren keine Rolle spielen, ja, Gurlitt hält sie so konsequent unter Verschluss, dass seine Witwe Helene, eine Tänzerin und Schülerin von Mary Wigman, mehr als zehn Jahre nach seinem Tod auf eine amtliche Anfrage vom 5. Dezember 1966 „nur mitteilen (kann), dass alle Geschäftsunterlagen und Bestände unserer Firma bei dem Luftangriff auf Dresden am 13.Februar 1945 verbrannt sind“. Das entsprach, wie die Empfangsbescheinigung vom 15. Dezember 1950 beweist, nicht der Wahrheit, reichte aber offenbar aus, um eine Fama in die Welt zu setzen, der bis vor gut einer Woche weithin Glauben geschenkt wurde.

          Zehntausende Besucher in der Kunsthallenruine

          Während andere Sammler, die „entartete Kunst“ durch die zwölf Jahre der Diktatur gebracht hatten, sie gleich danach stolz ausgestellt haben, während etwa Josef Haubrich seine Expressionisten der Stadt Köln anvertraute, die sie – die Menschen waren hungrig danach – gezeigt und auf Tournee durch halb Europa geschickt hat, unterschlug Gurlitt sein gemischtes, viele Spitzenstücke enthaltendes Konvolut, das wahrscheinlich den Kern des fast zehnmal so großen Fundes von München darstellt, gegenüber der Öffentlichkeit. Warum er so verfuhr, ist nicht überliefert: Hier liegt das erste große Rätsel dieses Kunstskandals, denn alle Versuche, die Frage zu beantworten, müssen spekulativ bleiben.

          Eine Vermutung liegt nahe: weil Gurlitt (sich) nicht sicher sein konnte, dass er, obwohl ihn die Amerikaner als „Eigentümer“ anerkannten, die Werke auch würde behalten dürfen, weil er wusste, fürchtete oder zumindest ahnte, dass sie ihm rechtlich oder „nur“ moralisch nicht zustanden. Weil er womöglich die Verjährung abwarten wollte. Oder aus ganz anderen, nicht unbedingt rationalen Gründen.

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