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Bilder-Nachlass : Gurlitt und sein Künstlerfreund

  • -Aktualisiert am

Warum vermachte der Sammler Cornelius Gurlitt seine Bilder dem Berner Kunstmuseum? Eine Ausstellung in Aarau liefert Hinweise. Sie führen zu dem im Nationalsozialismus verfemten Maler Karl Ballmer zurück - und zum Gegenwartskünstler Marc Bauer hin.

          Als der Fall Gurlitt im November des vergangenen Jahres bekannt wurde, sagten während der ersten Tage noch viele: Darüber müsste man einen Roman schreiben. So viel Geschichte, so viel Moral, so viele Doppeldeutigkeiten, so viele Grauzonen. Wenig später meldeten sich tatsächlich die ersten Schriftsteller bei uns, die kleine Texte anboten, Erzählungen zum Fall Gurlitt - und sie innerhalb von vierundzwanzig Stunden zurückzogen. Die Gründe für diese Rückzieher waren fast dieselben, die sie zuvor zum Schreiben bewogen hatten: zu viel Geschichte, zu viel Moral, zu viele Doppeldeutigkeiten, zu viele Grauzonen. Jeden Tag, manchmal stündlich, lieferte die Berichterstattung Neues zum Fall, der immer vielschichtiger wurde, detailreicher, aber unklar blieb. Erst, so schien es, müssten die Historiker recherchieren, die Stunde der Schriftsteller würde später kommen.

          Nun hat Marc Bauer, ein bildender Künstler, Jahrgang 1975, der in Genf und Amsterdam studiert hat, den Fall Gurlitt aufgegriffen. Das hat zwei Vorteile: Zum einen kombiniert Bauer in seiner Arbeit Wort und Bild, er legt sich also nicht auf ein Medium fest. Zum anderen wird bei ihm aus Gurlitt eine Nebenfigur, die Hauptfigur aber ist ein Maler, Karl Ballmer, geboren 1891 in Aarau. „Ich kannte Ballmer nicht, bis mich das Aargauer Kunsthaus zu einer Ausstellung einlud“, sagt Marc Bauer im Gespräch mit dieser Zeitung. Seine Zeichnungen - auf der Wand und auf Papier - sind Teil der Gruppenausstellung „Docking Station“, bei der Gegenwartskünstler eingeladen wurden, sich mit Werken aus der Sammlung zu beschäftigen.

          Bauer wählte zwei Gemälde von Ballmer. Beide tragen den Titel „Sphinx“. Die eine, düster, ausgemergelt, bedrohlich, stammt aus dem Jahr 1931. Die andere, so Bauer, wirke fast „kindlich, fröhlich“, gemalt wurde sie 1935/46. Bauer sieht in ihnen Verkörperungen von Geschichte: Sie stünden für Aufstieg und Fall des Nationalsozialismus, sie seien der Anfang und das Ende, zwei Wächter der Ereignisse. 1931 ahnte Ballmer, der damals in Hamburg lebte, was kommen würde, vielleicht fürchtete er es mehr, als dass er es wusste. 1946, in dem Jahr, als er die zweite Sphinx vollendete, wohnte er in der Schweiz und feierte den Sturz des Regimes, vor dem er 1938 geflohen war, mit einem blaubeschopften Wesen, das wie ein bodenständiger Verwandter von Paul Klees „Engel der Geschichte“ aussieht.

          Als sei man in eine Graphic Novel geraten

          Der Besucher des Aargauer Kunsthauses sieht nun Ballmers Sphinx-Gemälde zusammen mit den Zeichnungen von Marc Bauer. Sie geben den Gemälden eine Geschichte, es sind Szenen aus der Historie, und sie handeln auch von Hildebrand Gurlitt. Auf einem Papier, das Bauer an die Wand geheftet hat, erzählt er, handgeschrieben in Druckbuchstaben, was Gurlitt und Ballmer verbindet: „Mitte 1938 übersiedeln Ballmers von Hamburg nach Basel, wo sie zuerst Wohnsitz nehmen. Durch seine Beziehung zu Dr. Gurlitt spielt Ballmer hier im Frühjahr 1939 offenbar eine wichtige Rolle in der Vermittlung von ,Entarteter Kunst‘ für das Basler Kunstmuseum.“

          Hildebrand Gurlitt zählte zum Kreis der Kunsthändler, die von den Nationalsozialisten mit dem Verkauf der beschlagnahmten Kunst ins Ausland beauftragt worden waren. Gurlitt und Ballmer kannten sich aus der Zeit davor. Noch 1936 hatte Gurlitt in seiner Galerie den Künstler ausgestellt. Ein Jahr darauf wurden neun seiner Grafiken aus dem Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe konfisziert, sie galten als „entartet“; im selben Jahr heiratete Ballmer seine langjährige Freundin Katharina van Cleef, eine Jüdin, womöglich auch, um sie zu schützen. Im Jahr darauf verlassen sie Deutschland und ziehen zurück in die Schweiz.

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