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„Bosco Verticale“ in Mailand : Wir bauen unsere Wälder selber

Ein Hochhaus, auf dem 20.000 Pflanzen und 800 Bäume wachsen: Der „Bosco Verticale“ in Mailand will die Zukunft der Städte vorführen.

          Wer wissen will, wie es aussieht, wenn Häuser unter Schock stehen, muss hierher fahren, zur Porta Nuova im Norden von Mailands Zentrum, wo sich vor gar nicht so langer Zeit ein ruhiges, leicht heruntergekommenes Wohnviertel mit alten Häusern befand, wie sie der Mailänder Romancier Carlo Emilio Gadda in seinen Geschichten beschreibt: dunkle Höfe, dunkles Licht auf hölzernen Treppen und ausgetretenen Terrazzoböden, schwere Tore, palmenüberwucherte Hinterhöfe, schwarze Fassaden. Die Häuser sahen auf eine elegante Weise ramponiert aus wie so vieles in Mailand, die alten einäugigen Straßenbahnen zum Beispiel, die wie hartnäckige Geister aus der Frühzeit des Schienenverkehrs durchs Zentrum von Mailand quietschen. Die Natur wucherte aus den Höfen über das Pflaster der alten Via Gaetano, Weinranken verschluckten Fassaden und Fensterläden, über einem Laden für Bauhelme und Schutzkleidung leuchtet eine schöne Werbung für „Antinfortunistica“ - Anti-Unglücksdinge.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Dann aber beschloss man, hier ein Geschäftsviertel zu bauen, eine neue Modellstadt für die Expo 2015, die in Mailand stattfindet, und jetzt stehen die alten Häuser wie erschreckte, aus einem tiefen Schlaf gerissene Tiere vor den spiegelglatten Glas- und Stahlkurvenexzessen des Architekten César Pelli, dessen aufgezwirbelte Torre Unicredit das Zentrum der neuen Porta Nuova bildet. Was dort gebaut wurde, ist am besten als Festung beschreibbar - eine Art Einkaufszentrum, das man über Treppen erklimmen muss und das sich die Stadt mit kurvenden Rasterfassaden vom Leib hält. Die in den alten Höfen sprießende Natur kam in dieser neuen Welt nur noch als Metapher vor: Großstadtdschungel, Straßenschlucht - wenn das Zentrum der Zivilisation, die Massierung von Glas, Metall, Geld, Tempo und Ambition beschrieben werden muss, wird auf der Suche nach Bildern sehr oft zu ihrem scheinbaren extremen Gegenteil, der unberührten, undurchdringlichen Natur gegriffen. Dabei ist sich beides unter Umständen näher, als man denkt.

          Das Stadtzentrum selbst wird in Zukunft die Natur sein

          Wer einmal in einem Hochhausviertel einen Schneesturm mit Stromausfall erlebt hat, kennt die erstaunliche Nähe beider Extreme: Wenn die Lichter ausgehen, die Autos unter meterhohen Schneewehen verschwinden und der Schnee die letzten Geräusche schluckt, sieht selbst die Park Avenue mit ihren lichtlosen Steinmassen plötzlich wie ein tiefer, schneedurchstürmter Canyon aus. Die Metropolenromantik hat immer bestritten, dass die sogenannte wilde Natur und die hochverdichtete Großstadt unvereinbare Gegensätze sein müssen - und ein italienischer Architekt will jetzt im Neubauviertel hinter der Porta Nuova beweisen, dass beides in eine Form fallen kann.

          Stefano Boeri, Sohn der bekannten Möbeldesignerin Cini Boeri und des Neurologen Renato Boeri, geboren 1956 in Mailand, Architekt, Politiker und Journalist, entwarf die G-8-Bauten auf La Maddalena und war 2010 Bürgermeisterkandidat des Partito Democratico. Jetzt baut er, pünktlich zur Weltausstellung, in Mailands ansonsten furchtbarem Expo-Viertel einen Wohnkomplex, der zusammen mit dem Hochhaus „De Rotterdam“ des Büros OMA als Favorit beim Internationalen Hochhauspreis gilt, der kommende Woche in Frankfurt vergeben wird, und Chancen hat, noch einige Preise zu gewinnen. Sein Bosco Verticale, der „vertikale Wald“, besteht aus zwei Hochhäusern, eins ist 119 Meter hoch, das andere 87 Meter. Es sind zwei schwarze, im Detail gar nicht mal atemberaubende Wohntürme mit luxuriösen Wohnungen, was eigentlich niemanden besonders begeistern würde - wären da nicht die weißen Auskragungen, die beiden Häusern das Aussehen von Kommoden verleihen, bei denen jemand alle Schubladen aufgerissen hat. Diese Schubladen geben den Fassaden eine Tiefe und Plastizität, die sie von den anderen spiegelverglasten Stengeln ihrer Umgebung unterscheiden.

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