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Magnum-Fotograf : Nomade im eigenen Auftrag

Den Horizont im Blick: Josef Koudelka mit der Fuji G617, der Panoramakamera, mit der er in Israel und Palästina unterwegs war. Bild: david hurn / Magnum Photos / Age

Ein guter Fotograf braucht ein paar solide Schuhe: Dem Fotojournalisten und Künstler Josef Koudelka zum Achtzigsten.

          Josef Koudelkas berühmteste Fotografie zeigt im trüben Licht eines Wintertages die Silhouette eines Straßenköters im Schnee, ein schwarzes Tier, mehr Wolf als Hund, in einer eisigen, toten Welt. Aufgenommen hat er das Bild 1980 in Frankreich, erschienen ist es auf dem Titel seines Buchs „Exiles“, und man würde sich nicht wundern, wenn Koudelka es als eine Art Selbstporträt betrachtete: ein Geschöpf ohne Zuhause inmitten einer trostlosen, erstarrten Welt.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Seine Karriere hat Koudelka als Fotograf des Theaters za Branou in Prag begonnen, und er hatte seit drei Jahren dort gearbeitet, als am 21. August 1968 russische Panzer in die Stadt rollten. Da er nie die Bühne fotografiert hatte, nie vom Parkett aus gearbeitet, sondern stets während der Proben zwischen den kostümierten Schauspielern und den Kulissen umhergelaufen war, musste es ihm folgerichtig erscheinen, nun zwischen den uniformierten Soldaten und ihrem schweren Gerät umherzulaufen. Es war, als tauchte er ein in die Choreographie einer Inszenierung, in die Aufführung einer Tragödie, deren Tragweite er augenblicklich begriff und vom ersten Bild an mit der extremen Perspektive des Weitwinkelobjektivs in ebenso perfekte wie unheimliche und verstörende Kompositionen zu bannen verstand: immer wieder mit dem Qualm brennender Barrikaden als Hintergrund und Demonstranten vorne, mal als zornige Masse, mal als einsame Helden, fahneschwenkend auf einem Panzer oder die ungeschützte Brust einem Soldaten vor den Lauf seines Schnellfeuergewehrs haltend. Es sind Albtraumbilder, in denen die Geschichte umstandslos vom Tauwetter des „Prager Frühlings“ in eine neue Eiszeit marschiert.

          Als das Tauwetter des Prager Frühlings in eine neue Eiszeit marschierte: „Invasion Prague 68“.
          Als das Tauwetter des Prager Frühlings in eine neue Eiszeit marschierte: „Invasion Prague 68“. : Bild: Picture-Alliance

          Koudelka gelang es, die Aufnahmen nach New York zur Bildagentur Magnum zu schmuggeln, die dafür sorgte, dass sie zum Jahrestag des Einmarsches der Sowjettruppen weltweit veröffentlicht wurden. Um Koudelka und dessen Familie zu schützen, verwendete man den Copyright Vermerk: „Prague Photographer“ – kurz: PP. Und auch die renommierte Robert-Capa-Goldmedaille ging noch im selben Jahr für diese Aufnahmen an „Anonym“ – eine Vokabel wie von Koudelka ausgesucht.

          Er könnte nie im Hilton übernachten

          Denn selbst nachdem er 1970 in England um Asyl gebeten hatte, wenig später mit dem Status „heimatlos“ nach Frankreich übersiedelte und dort Mitglied von Magnum wurde, blieb er eine seltsam ungreifbare Figur, stets unterwegs als Nomade im eigenen Reportageauftrag, ohne Nachricht an die Kollegen und kaum je im Kontakt zur Agentur, deren fensterlose Kammer hinter den Pariser Büros über Jahre hinweg seine einzige Adresse war. Kein Geld zu haben und nichts zu besitzen, verstand er als Voraussetzung für seine Arbeit. Wie könne er im Hilton übernachten, wenn er tagsüber das Elend der Welt dokumentiert?

          Als russische Panzer in die Stadt rollten, schmuggelte Koudelka die Fotos aus dem Land.
          Als russische Panzer in die Stadt rollten, schmuggelte Koudelka die Fotos aus dem Land. : Bild: Picture-Alliance

          Der französische Journalistenverband allerdings verweigerte ihm noch in den späten achtziger Jahren einen Presseausweis mit der Begründung, sein Einkommen liege unter dem Mindestlohn. Das wird sich geändert haben, seit seine Bilder in Häusern wie dem Moma gezeigt werden und seine Bücher Kultstatus genießen. Für seinen Blick auf die Welt jedoch, hat er sich bis heute „ein bisschen Wut“ aufgehoben.

          Heimatlosigkeit und Entfremdung sind die Themen, die sich als roter Faden durch fast all seine Reportagen ziehen: am augenfälligsten in den Bildbänden „Gypsies“ und „Roma“, für die er jahrzehntelang erst in Osteuropa, später auch im Westen mit diesen Volksgruppen zusammen war. Keineswegs als einer der ihren, sondern als jemand, der bestenfalls geduldet war und der dies andere Leben auch nicht erklärt, sondern die Fremdheit durch harte Kontraste und ungewöhnliche Perspektiven eher noch verstärkt.

          Aber letztlich berichten selbst seine Architekturbilder der Mauer zwischen Israel und Palästina, zusammengefasst in dem vor vier Jahren erschienenem Band „The Wall“, zuerst von der Fremdheit, die zwischen Menschen überall auf der Welt herrscht. Dass Koudelka sich in all der Zeit Zynismus, aber auch jegliche Sentimentalitäten verboten hat, grenzt an ein Wunder. Vielleicht war es deshalb Selbstschutz, als er bei Gelegenheit hervorhob, dass es ihm zeitlebens vor allem darum gegangen sei, die Möglichkeiten der Fotografie zu erforschen, gleichsam als Künstler. Auf die Frage, was man brauche, um ein guter Fotograf zu werden, antwortete er trocken: „Nichts als ein Paar solider Wanderschuhe.“ Am 10. Januar wird Josef Koudelka achtzig Jahre alt.

          Quelle: F.A.Z.

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