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DDR-Fotografie Sehnsucht und Eigensinn

Erklärung überflüssig? Die Ausstellung „Geschlossene Gesellschaft“ in Berlin lässt die künstlerische Fotografie der DDR für sich selbst sprechen.

Die Ausstellung „Geschlossene Gesellschaft“ in der Berlinischen Galerie ist ein Erfolg. Ein überwältigender sogar. Nie zuvor hat das schöne Museum mit seinen großzügig weiten Räumen so viele Menschen angezogen: mehr als tausend Besucher Tag für Tag, und das nunmehr seit ein paar Wochen. Damit hatte niemand gerechnet. Zumal das Thema, ostdeutsche Fotografie, so neu nicht mehr ist und nur einige der Fotografen zu den inzwischen doch bekannten zählen, etwa Arno Fischer, Sybille Bergemann, Helga Paris oder Roger Melis.

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Man hat dieses Mal den Schwerpunkt auf die „künstlerische Fotografie in der DDR 1949-1989“ gelegt, zeigt somit die Sammlung des Hauses, ergänzt um einige Leihgaben. Unterteilt in drei zeitliche und ästhetische Kapitel, werden exemplarisch einerseits Traditionen sichtbar gemacht, andererseits sehr unterschiedliche künstlerische Temperamente und Bildsprachen von vierunddreißig Fotografen vorgestellt.

Auf die bis zum Überdruss strapazierten Stereotype der Erinnerung an ein untergegangenes Staatswesen wird vollkommen verzichtet - und zwar so radikal, dass viele Besucher vor manchen Bilderfolgen zu rätseln beginnen, weil für sie der historische Resonanzraum nicht einmal zu erahnen ist. Wenn man beispielsweise vor den großartigen Künstlerporträts von Roger Melis steht, sind sie zunächst einmal unterschiedslos beeindruckend intensiv. Obwohl die porträtierten Schriftsteller allesamt ihre Wurzeln in der DDR hatten, erlebten etwa Stephan Hermlin und Wolf Biermann oder Klaus Schlesinger, Jurek Becker und Sarah Kirsch doch höchst unterschiedliche Schicksale.

Warum sitzt die Lyrikerin auf Umzugskisten, auf denen in kyrillischen Buchstaben „Export DDR“ steht, fragt sich mancher Betrachter. Die Vertreibung eines Großteils der Künstlerelite aus der DDR, weil die sich mit dem ausgebürgerten Biermann solidarisierte, wäre eines kurzen, unauffällig plazierten Kommentars wert gewesen.

Derlei Ergänzungen fehlen grundsätzlich. Dabei wurden ja sogar viele der hier ausgestellten Fotografen ganz ähnlich wie die unbequemen Schriftsteller von Staats wegen beargwöhnt und behindert und gehörten nicht selten zu einem Freundeskreis, den man guten Gewissens als eine Art Gegenöffentlichkeit bezeichnen darf. Der nun viel zu kleine Filmsaal, in dem in Endlosschleife einige Künstlerporträts gezeigt werden, ist immer überfüllt und belegt das Informationsbedürfnis der Besucher.

Die Berlinische Galerie hat große Kunst für ihre Retrospektive ausgewählt, überwiegend in nuancenreichem Grauschwarzweiß, die keineswegs nur die Tristesse einer geschlossenen Gesellschaft wiedergibt, sondern eine melancholische oder auch schockierend harte Vielfalt des Lebens, gesehen mit den Augen dieser Fotografen auf einzigartige Weise. „Realität, Experiment, Form“, das erste Kapitel, fasst dabei die wohl umfangreichste Strömung zusammen, die erzählende, sozialdokumentarische, von Empathie für die Dargestellten geprägte Fotografie.

Vorangestellt ist ein Prolog, der die frühe Nachkriegszeit zitiert, in den bekannten Bildern von Richard Peter sen. vom vernichteten Dresden und der viel weniger bekannten, aber nicht minder faszinierenden Serie selbstbewusster Trümmerfrauen und Trümmermädchen, die Karl Heinz Mai, der im Krieg beide Beine verloren hatte, vom Rollstuhl aus fotografiert hat.

Kuratiert von Ulrich Domröse, umfasst das Kapitel die gesamte DDR-Zeit. Arno Fischer (mit Bildern aus „Situation Berlin“) und Evelyn Richter (mit Frauenporträts aus der Arbeitswelt), die beiden wohl prägendsten Persönlichkeiten der DDR-Fotografie, sind selbstredend vertreten. Ebenso Sybille Bergemann mit ihren traumverlorenen Bildern mit Mannequins und ihrem berühmten Tafelbild der andächtig staunenden Menschen im damals neu eröffneten Palast der Republik.

Von Matthias Hoch ist eine Bahnhofsserie aus dem Jahr 1988 zu sehen: sorgfältig komponierte Tristesse aus der Endzeit. Von Jens Rötzsch werden die grellbunten Dokumente grotesker politischer Rituale gezeigt, von Ulrich Wüst die „Stadt-Bilder“, die in ihrer strengen Ästhetik den Schrecken seelenloser Wohnmaschinen vermitteln. Dies alles erzählt eher nebenher und sehr individuell, wie es auch gewesen ist in den Jahren zwischen hochmögendem Aufbruch und unspektakulärem Verfall.

T. O. Immisch hat die Abteilung „Montage, Experiment, Form“ kuratiert, eine Versammlung eigensinniger Außenseiter, die an die Bildsprache der zwanziger Jahre anknüpft und auf ganz eigene Weise das überwältigende Gefühl des Eingeschlossenseins zum Thema hat: Manfred Paul etwa, Fritz Kühn, Lutz Dammbeck.

Die Abteilung „Medium, Subjekt, Reflexion“, kuratiert von Gabriele Muschter, vereint schließlich die jüngste Generation der ostdeutschen DDR-Fotografie, deren Lebensgefühl in den Achtzigern, der bleiernen Zeit, schon das Ende vorwegnimmt: trotzig-ironische und desillusionierte Meister der Selbstdarstellung, die sich den Regeln und kollektiven Ritualen verweigern. Aufbegehren und Resignation teilen sich ebenso in Rudolf Schäfers Serie „Russische Nacht“ von 1986 mit - absurd erscheinende Szenen einer sich langsam auflösenden Sowjetunion - wie in Sven Marquardts erotischen Inszenierungen: Sinnbilder allesamt für das Paradox von Selbstwahrnehmung und offiziell verordnetem sozialistischem Weltbild. Wer die kleine DDR-Welt so ignorierte, musste ausbrechen wollen.

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Die Ausstellung der Berlinischen Galerie versucht nachzuholen, was die zahlreichen kleinen und größeren Ausstellungen im Erinnerungsfuror des Mauerfalljubeljahres 2009 nicht vermochten: einen Überblick über die großartige Fotografie in der DDR zu geben. Dazu erschienen ist ein wunderbarer Katalog, preiswürdig in seiner Gestaltung und seinem Informationsreichtum. In ausgezeichneten und unterhaltsamen Essays und Kurzbiographien aller Künstler liefert er nicht nur einzigartiges Hintergrundwissen, sondern erzählt auf seine Weise, welch seltsame Wege sich die Freiheit der Kunst in einer äußerlich geschlossenen Gesellschaft zu bahnen weiß.

Geschlossene Gesellschaft - Künstlerische Fotografie in der DDR 1949-1989. Berlinische Galerie; bis 28. Januar 2013. Der Katalog, erschienen im Kerber Verlag, kostet in der Ausstellung 39,89 Euro. Informationen zum Begleitprogramm: www.berlinischegalerie.de

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 07.11.2012, 16:50 Uhr

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