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Veröffentlicht: 15.01.2016, 07:44 Uhr

Römisch-Germanisches Museum Eine fragwürdige Emanze

Sie war eine stolze Frau, die über Leichen ging: Agrippina, die Tochter des Feldherrn Germanicus. Der „Kaiserin aus Köln“ widmet das Römisch-Germanische Museum zu ihrem 2000. Geburtstag eine umfassende Ausstellung.

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Sie sieht ganz schön mitgenommen aus. Überlebensgroß steht sie da, sichtlich malträtiert. Das Gewand abgeschrappt, auf dem Rumpf Schrammen und Blessuren, Frakturen und Risse, der rechte Arm ist unter der Achsel, der linke, angewinkelte am Ellbogen amputiert. Allein der Kopf ist, mit den ebenen Gesichtszügen und den modischen Ringellöckchen, nahezu unversehrt. Die Statue der Agrippina, aus Grauwacke, einem dunklen, harten Stein, modelliert, hat bessere Zeiten gesehen, doch die sind sehr lange her. Gleich nach ihrem Tod im Jahre 59 nach Christus war die vierte Gattin von Kaiser Claudius, ihrem Onkel, die als erste Frau vom Senat den Ehrentitel Augusta erhalten hatte, in Ungnade gefallen und ihr Standbild vermutlich aus dem Verkehr gezogen und in ein Depot verbracht worden, ehe es in der Spätantike oder im frühen Mittelalter zerstört und recycelt wurde.

Andreas Rossmann Folgen:

Dabei hätte es noch schlimmer kommen können. Die Figur, die Agrippina als Beterin („orans“) zeigt, war kurz und klein gehauen, ja, regelrecht gevierzigteilt worden: Genau 41 Fragmente fanden sich in einer großen, halbrunden Mauer auf dem Caelius, die 1885 im Bereich der Villa Casali niedergelegt wurde, als Rom, seit 1871 Hauptstadt des italienischen Nationalstaats, hier ein Neubaugebiet auswies. In einem dreidimensionalen Puzzle konnte die Statue nahezu komplett restauriert werden; heute wird sie in der Centrale Montemartini der Kapitolinischen Museen aufbewahrt. Nur der Kopf ist ein Abguss, sein Original hatte 1887 die Ny Carlsberg Glyptothek in Kopenhagen erworben. Dass er Agrippina darstellt, gilt als sicher, dass er auf diesen Rumpf gehört, wurde aber erst 2004 nachgewiesen. Gerade noch rechtzeitig, um beides, mit nur wenigen Wochen Verspätung, zum zweitausendsten Geburtstag der Kaiserin dort zusammenzuführen, wo sie am 6. November des Jahres 15 zu Welt gekommen ist.

Denn das ist Blickfang und Clou der Ausstellung im Römisch-Germanischen Museum in Köln: dass sie zusammenbringt, was zusammengehört, und sich Kopf und Körper, zumindest vorübergehend, begegnen. Das ergibt auch symbolisch Sinn. Denn nirgendwo sonst hat Agrippina so guten Grund, ihr stolzes Haupt zu erheben, wie in Oppidum Ubiorum, das von ihr zur Colonia Claudia Ara Agrippinensium (CCAA) aufgewertet wurde und ihr mithin seinen Namen verdankt. Schon in frühfränkischer Zeit ist davon nur Colonia übrig geblieben, woraus Coellen und später Köln wurde.

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CCAA bleibt die einzige römische Kolonie, die nach einer Frau benannt wurde. Agrippina, Tochter des Feldherrn Germanicus, der sich am Teutoburger Wald geschlagen geben musste, hat ihren rheinischen Geburtsort schon nach einem Jahr verlassen und nie wieder besucht. Ihm ihren Namen zu geben ist im Jahre 50 ein politischer Schachzug, zu dem sie Claudius drängt. Nachdem sie durchgesetzt hatte, dass er Nero, ihren Sohn aus erster Ehe, zum Thronfolger machte, vergiftet sie Claudius 54 mit einem Pilzgericht. Fünf Jahre später lässt Nero sie umbringen: „Angesichts der drängenden Drohungen Agrippinas musste er, weil kein Verbrechen vorlag und er den Befehl zur Ermordung nicht offen zu geben wagte, heimlich zu Werke gehen und ließ ein Gift herstellen“, schreibt Tacitus in den „Annalen“. Neros Selbstmord beendet 68 die Herrschaft des julisch-claudischen Kaiserhauses.

Eine Frau, die über Leichen geht, machtbewusst, intrigant, skrupellos: Agrippina ist berüchtigt. Fünfzehn ihrer Verwandten sind keines natürlichen Todes gestorben. Die kleine, von Friederike Naumann-Steckner klug komponierte Ausstellung, die sich auf viele eigene Bestände stützen kann, veranschaulicht mit Statuen, Köpfen, Altären, Reliefs, Münzen den Platz der fragwürdigen Emanze im römischen Herrschergefüge und fokussiert Lebenswelten in der erst im Jahr 7 vor Christus im Auftrag von Kaiser Augustus, ihrem Urgroßvater, gegründeten römischen Siedlung. Schön konkret wird das etwa mit den Utensilien, die bei einer Geburt bereitlagen, Amulette, Kämme, Spiegel, Haarnadeln für die Mutter, Nuckelflasche aus Glas und Nachziehpferdchen aus Holz für das Kind. Die Darstellung der Rezeptionsgeschichte, die bis zu Filmausschnitten reicht, lässt Agrippina als Reflektor von Verhältnissen und Interessen schillern. Im Mittelalter und in der Renaissance gilt sie als Prototyp der Unmoral, Boccaccio schildert sie als sexuell ausschweifend, berechnend und monströs.

In Köln aber wird sie in den Himmel gehoben, und das auch buchstäblich: In dem dreieinhalb Meter breiten Stadtpanorama von Anton Woensam (1531) schwebt sie wie eine heilige Stadtpatronin auf einer Wolke über der Eigelsteintorburg. Mit Baumeisterattributen wird sie versehen und zur jungfräulichen Verkörperung der wehrhaften Stadt allegorisiert, der Kunstsammler Ferdinand Franz Wallraf (1748 bis 1824), Stifter des ersten Museums, verklärt sie zur „Mutter meiner Vaterstadt“. Von einer Versicherung und einem Tabakhandel, einem Fußballverein und einem Streichquartett wird der Name adoptiert, im Karneval erscheint die jecke Agrippina als Jungfrau im römischen Gewand, sogar als Zweitname wird sie beliebt. Eine Karriere, wie sie typisch ist für Köln, der „wohl einzigen Stadt“, so Mario Kramp, Direktor des Stadtmuseums, in seiner Studie „Köln und seine Agrippina“, „deren weibliche Urgestalt gleichzeitig als Mutter, Monstrum und Jungfrau gilt“.

Glosse

Sag doch was

Von Jürgen Kaube

Mit der Äußerung, Angela Merkel entpolitisiere das Land, ist Martin Schulz über das Ziel hinausgeschossen. Dabei kann die SPD nicht einmal aus dem angeblichen Schweigen der Kanzlerin Angriffsmotive ziehen. Mehr 57 82

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