Home
http://www.faz.net/-gsa-79949
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Das Phänomen Georg Baselitz Am Ende der Schlachten

Kaum ein Künstler hat eine derart steile Karriere mit der Behauptung gemacht, Außenseiter zu sein. Dabei zeichnet Georg Baselitz und sein Werk eine große Nähe zur Finanz- und Wirtschaftselite aus. Geht beides zusammen?

Wer in Dresden ins Albertinum geht, in die Galerie Neue Meister, sieht dort zehn Gemälde des deutschen Künstlers Georg Baselitz, die auf den ersten Blick gewöhnliche Museumsstücke zu sein scheinen: Die vorwiegend großformatigen Bilder zeigen unterschiedliche Motive, natürlich auf dem Kopf, das Porträt der Ehefrau Elke etwa oder des Galeristen Franz Dahlem. Die meisten Werke sind von 1969, sie stammen also aus dem Jahr, in dem Baselitz damit anfing, seine Bilder umzudrehen, auf den Kopf zu stellen. Allein über diesen Schritt ist so viel gesagt worden, dass es unvorstellbar scheint, es könne noch Ungesagtes in Bezug auf Baselitz geben. Gibt es aber: „Dauerleihgabe aus Privatbesitz“ steht auf dem Schildchen neben den Bildern - und wer nachfragt, trifft auf Schweigen. Gemäß den Leihverträgen könne man „zur Herkunft dieser Leihgaben keine weitergehenden Angaben“ machen, heißt es aus Dresden. Kurzum: Eines der größten deutschen Museen präsentiert in seinen Räumen Werke, bei denen die Öffentlichkeit nicht erfahren soll, aus welcher Quelle sie stammen und welche Interessen sich womöglich damit verbinden. Wer verschafft seinem Privatbesitz einen Auftritt im Museum: Sammler? Händler?

Julia Voss Folgen:  

Die Vorteile für Sammler, die Werke Museen zeitweise zur Verfügung stellen, sind bekannt: Die Kunst steigt im Wert, es werden steuerliche Vergünstigungen gewährt, die bis zum Wegfall der Erbschaftsteuer reichen können. Die Nachteile für Museen liegen auf der Hand. Sie können als Durchlauferhitzer missbraucht werden, wenn keine vertragliche Regelung festsetzt, dass die Kunst unbefristet im Museum verbleibt.

Museen, Sammler, mögliche Privatinteressen - man könnte die Vermischung der öffentlichen und privaten Sphäre für ein Problem halten, das die Frage, welche Bedeutung ein Werk besitzt, nicht betrifft. Niemand allerdings würde auf diese Weise Kunst der Vergangenheit betrachten. Kein Renaissanceforscher könnte es sich leisten, zu behaupten, ihn interessiere das Umfeld eines Künstlers nicht, die Käufer, die Auftraggeber, die Förderer. Jeder Kunsthistoriker weiß, dass die Ikonographie eines Werks nur dann sinnvoll beschrieben werden kann, wenn sie mit Blick auf die Gesellschaft betrachtet wird, das politische System. Keine Bedeutung ist zeitlos, kein Werk beziehungslos. Aus diesem Grund liefern Gegenwartskünstler häufig selbst die Koordinaten des Schemas mit, innerhalb dessen sie interpretiert werden möchten. In diesem Punkt kann man von Baselitz eines lernen: die Strategie, Motive auf den Kopf zu stellen. Es lohnt sich nämlich, das Gegenteil dessen anzunehmen, was der 1938 geborene Künstler über sich selbst sagt.

1 | 2 | 3 | 4 | 5 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Velázquez-Austellung in Wien Die Unschärfe in ihrem Blick

Das Kunsthistorische Museum in Wien zeigt das Werk des spanischen Malers Diego Rodriguez de Silva y Velázquez in einer Ausstellung, wie es sie so noch nicht gab. Worin genau liegt die Magie seiner Bilder? Mehr Von Rose-Maria Gropp

19.12.2014, 21:23 Uhr | Feuilleton
Art Detective Kunstdetektive spielen Sherlock Holmes

In den Archiven der staatlichen Museen in Großbritannien lagern mehr als 30.000 alte Gemälde, über die so gut wie nichts bekannt ist. Kunsthistoriker sind mit der Recherche überfordert und wenden sich mit der Initiative "Art Detective" an die Öffentlichkeit. Kunstinteressierte Laien recherchieren den Hintergrund der Werke. Mehr

17.12.2014, 18:02 Uhr | Feuilleton
Pionierarbeit Was hat Ihnen am meisten Spaß gemacht?

Seit fünfzig Jahren führt Raimund Thomas seine Galerie in München: Ein Gespräch über die Tücken des Geschäfts, Fälschungen und die Intuitionskiste von Beuys für acht Mark. Mehr

18.12.2014, 14:17 Uhr | Feuilleton
Jeder sofort auf seinen Platz

Kommt wir schreiben ein K oder malen einen Stern. Jeder der kleinen KIlobots weiß genau, wo er hingehört. Mehr

15.08.2014, 11:57 Uhr | Wissen
Impressionismus und Moderne Nicht ohne Gondel

Der Franzose Pierre-Auguste Renoir malte 1881 in Venedig unter freiem Himmel.  Nun wurde ein Blick über den Canal Grande bei Koller in Zürich versteigert. Mehr Von Tilo Richter

16.12.2014, 16:17 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 22.05.2013, 14:06 Uhr

Himmlische Ruhe

Von Gina Thomas

Das Jahr, in dem der Erste Weltkrieg hundert Jahre zurück liegt, neigt sich nun dem Ende zu. Das sollte man nochmals auskosten. Wie die Supermarktkette Sainsbury Werbung mit dem Mythos der Kriegsweihnacht von 1914 macht. Mehr 3 2