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Len Lye Center in Neuseeland : Wo die Wände Wellen schlagen

Die markante Außenfassade des Len-Lye-Centers. Wer ihr Schöpfer ist, bleibt ein Geheimnis. Bild: Martina Gerhardt

Neuseeland hat ein neues Gebäude für die Kunst, wie die Museumswelt nur wenige kennt – passend für die bewegten, klingenden „Fountains“ von Len Lye.

          Der Klang empfängt die Besucher bereits im Foyer: ein leises vielstimmiges Klingeln. Vielleicht ein Windspiel? Aber wie sollte der Wind durch dieses Gebäude wehen, das sich zur Straßenseite mit hohen, senkrecht gestellten Betonwellen abkapselt, deren Negativausformungen draußen in voller Höhe mit rostfreiem Stahl verkleidet sind, von dem die ganze Umgebung reflektiert wird – durch die Wellenform verzerrt wie in einem Spiegelkabinett. Dieses Gebäude ist ein gigantischer optischer Trick. Es öffnet sich scheinbar zur Welt, indem es sein Inneres hermetisch verschließt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Dieses Innere wird zunächst bestimmt vom grandiosen, zwangsweise aufstrebenden Blick auf die mehr als zehn Meter hohen Betonwellen entlang der linken Seite des langgezogenen Entrées. Kein Kunstwerk findet sich hier, obwohl wir in einem Museum stehen; der Bau selbst ist höchste Kunst, und doch hat Andrew Patterson, Neuseelands international bekanntester Architekt, der 2012 auch den spektakulären Gastland-Pavillon seines Heimatstaats auf der Frankfurter Buchmesse gestaltete, diesen Entwurf in die Tradition desjenigen gestellt, dem das neue Gebäude gewidmet ist: Len Lye.

          Einer der schönsten Ausstellungräume der Welt

          Der 1980 gestorbene Kinetik- und Filmkünstler war Neuseelands erster bedeutender Kunstexport, als er das Land 1926, nur fünfundzwanzig Jahre alt, dauerhaft verließ, um in London und später in New York berühmt zu werden. In der Heimat fand sein Werk erst postum Interesse, als seine Bewegungsplastik „Universe“ 1992 von Pontus Hulten in die Ausstellung „Territorium Artis“ in der Bonner Bundeskunsthalle aufgenommen wurde, die damals den Anspruch erhob, die hundert einflussreichsten Kunstwerke des zwanzigsten Jahrhunderts zu versammeln. „Universe“ ist eine mannshohe Stahlschlaufe, die durch magnetische Einflüsse derart in Vibration versetzt wird, dass sie immer wieder vernehmbar eine darüber aufgehängte Stahlkugel touchiert. Da die Magnetmotoren nicht zu hören sind, wirkt das Ganze wie Hexenwerk. Solche Effekte liebte Len Lye.

          Und so ist auch das vielstimmige Klingeln, dem man beim Betreten des neuen Len Lye Centers lauscht, Resultat einer geradezu magisch wirkenden Installation. „Fountains“ heißt sie, und der Raum, in dem sie präsentiert wird, ist nicht nur erster Ausstellungssaal des Zentrums, sondern einer der schönsten der ganzen Welt. Am Ende des Entrées ziehen sich auch die gestürzten Betonwellen um die Ecke nach rechts, und man wird von ihnen und den Klängen förmlich mitgeschwemmt in diesen Raum, in dem vier unterschiedlich hohe Stahlrutenbündel in buntes Licht getaucht sind – ein Meter hoch das kleinste, sieben Meter hoch das größte.

          Die markanten Fountains haben in dem Gebäude eine dauerhafte Heimat gefunden.
          Die markanten Fountains haben in dem Gebäude eine dauerhafte Heimat gefunden. : Bild: Nicolas Stevens

          Montiert sind sie auf Sockeln, in denen wiederum unhörbare Motoren stecken, die den nach oben auseinanderfächernden Bündeln kurze Bewegungsimpulse geben, so dass die Ruten ständig schwingen, sich berühren, wieder zurückschwingen und dadurch leisen Stahlgesang erzeugen. Über allem wird die Komposition „Le Marteau sans Maître“ von Pierre Boulez aus dem Jahr 1954 eingespielt, die Vertonung eines surrealistischen Gedichts von René Char. Der Zusammenklang von Neuer Musik und feinem Stahlklang ist faszinierend, und Lye hatte als Surrealist seinen ersten Erfolge.

          Gigantische Berührbarkeiten

          Die Idee zu „Fountains“ hatte er dann 1959. Das damals nur in der kleinsten Größe von einem Meter Höhe ausgeführte Werk war eines der ersten, die der Künstler „tangibles“ nannte – Berührbarkeiten. Als er diese Plastik 1961 im MoMA ausstellte, ließ er dazu bereits die Musik von Boulez laufen, später kaufte das New Yorker Whitney Museum das Werk an. Lye fertigte aber noch weitere „Fountains“ an, und er wünschte sich vor allem größere: Schon 1962 konzipierte er ein neun Meter hohes Exemplar, das aber aus technischen Gründen nicht zur Ausführung kam. Das war kein Einzelfall, auch von dem 1966 beendeten „Universe“ erträumte Lye eine gigantische Version. Als er kurz vor seinem Tod über seinen Nachlass verfügte, war die entscheidende Frage, ob die Interessenten solche Visionen weiterverfolgen würden.

          In einem kleinen Museum an der Westküste Neuseelands war man dazu bereit. Die erst 1972 aufgrund einer privaten Stiftung eröffnete Govett-Brewster Art Gallery in der 75.000-Einwohner-Stadt New Plymouth hatte Lye 1977 eingeladen, dort eine Ausstellung seiner kinetischen Kunstwerke zu zeigen: „Universe“ natürlich, eine „Fountain“ und weitere Arbeiten, die eigens neu gebaut worden waren.

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