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Pariser Jagdmuseum : Halali, du zarte Seele!

  • -Aktualisiert am

Das Musée de la Chasse et de la Nature in Paris ist ein erstaunlicher Ort. Dort begegnet die Kunst der klassischen Jagd – und macht gute Beute.

          Eines der charmantesten Museen von Paris liegt im Marais, nicht weit entfernt vom Musée Picasso. Es ist beheimatet in einem Stadtpalais in der Rue des Archives, etwas abseits vom Getriebe des Viertels, das längst zum touristischen Repertoire gehört. Es heißt Musée de la Chasse et de la Nature. Der Hinweis auf die Natur klingt wie eine kleine Besänftigung für alle, bei denen das Wort „Jagd“ einen leichten soupçon auslöst. Tatsächlich liegt sein Ursprung in der Jagd, und entsprechend sind deren vielfältige Werkzeuge vertreten wie auch die Trophäen, auf die sie einst zielten. Aber keine Scheu! Dieses Museum durchweht noch ein anderer Geist: Es ist der Geist der Kunst, die sich dort ein herrliches Spielfeld erobert hat.

          Die Kunst hat im Museum gleichsam die Aufgabe der Hege übernommen. Das entspricht auch dem Wunsch der Gründer, des Industriellen François Sommer und seiner Frau Jacqueline, die eine Stiftung ins Leben riefen, die seit 1964 das Museum aufs schönste erhält. Entsprechend edel ist seine Behausung, das Hôtel de Guénégaud, das der Architekt François Mansart im siebzehnten Jahrhundert erbaute. Im Jahr 2002 kam das angrenzende Hôtel de Montgelas hinzu; die beiden Palais bilden ein Ensemble von perfekt zurückhaltender Eleganz.

          Hinter den dezenten Mauern aber geht’s wild zu. Dafür hat der kultivierte Museumsdirektor Claude d’Anthenaise gesorgt mit seinem erlesenen Geschmack, zu dem ein Schuss Exzentrik gehört. Galt es doch, martialisches Waidwerk mit empfindsam gewordener bürgerlicher Seele zu versöhnen. D’Anthenaise hat eine einzigartige freundliche Verwirrung zwischen Trophäen und Kunstschöpfungen, zwischen jagdlicher Beute und neobourgeoisem Selbstverständnis in Sachen Gewaltlosigkeit geschaffen. Kurz, in den vielen Kabinetten und Räumen vermählen sich die fremden Welten zu einer Melange, deren historische Vorbilder die Wunderkammern der Renaissance und des Barocks sind.

          Unter dem Rüssel eines Albinowildschweinhaupts

          Der mächtige schwarze Kopf eines Rhinozeros mit zwei goldenen Hörnern prangt zwischen echten Gehörnträgern aus Wald und Flur. Ein taxidermisch perfekt konservierter Vierzehnender steht vor einer Tapisserie mit, nun ja, Hirschjagdszenerie. Woanders hat sich ein Füchslein eingerollt im jagdlich bestickten Fauteuil – ne pas toucher, s’il vous plaît. Glasobjekte des französischen Bildhauers Jean-Michel Othoniel stehen in Wandnischen und bewahren Geheimnisse, Monstranzen gleich. In der „Salle avifaune“ richtet sich unter all den Vögeln ein Eisbär zu voller Größe auf und scheint zu sagen: Ich bin tot, aber ich erzähle euch von meiner Art. Tatsächlich Sprache ertönt dagegen unter dem Rüssel eines Albinowildschweinhaupts, das der Künstler Nicolas Darrot zwischen die wahren Trophäen der Spezies geschmuggelt hat. Und die gefiederten Phantasien des Belgiers Jan Fabre wachen über ein Kabinett der Jagdgöttin Diana, die Büste einer weißen Eule spreizt sich an der Wand darunter.

          Hinzu kommen temporäre Schauen, die dem Thema der Natur in jedem Sinn und mit allen Sinnen huldigen. Derzeit ragen im Innenhof die biomorphen Skulpturen von Lionel Sabatté, hölzerne Gebilde, auf denen zierlichste Blüten aus menschlicher Hornhaut gedeihen, wind- und wetterbeständig. Im Museum besetzt die Zusammenarbeit des amerikanischen Fotografen Roger Ballen mit dem niederländischen Maler Hans Lemmen zwei Räume. Ihre radikal verschiedenen Temperamente führten zu collagierten Bildfindungen, in denen sich das Humane und das Animalische auf oft beklemmend agonische Weise vermischen. Und irgendwie passt das ja auch zum Genius Loci. Endlich bevölkern, wie seltsame Gäste aus einem Zwischenreich, die filigranen plastischen Werke von Marlène Mocquet die Räume, sie haben sich unter den ständigen Werken eingenistet. Ihre nähere Betrachtung führt geradewegs in die Abgründe von Albtraum und Märchen.

          Erst waren die Künstler skeptisch, sie wollten nicht recht ins Reich der Jagd. Doch dann haben sie verstanden, dass ihnen dieses ungewöhnliche Revier großartige Möglichkeiten eröffnet. Sie können zwischen all die Trophäen ein wenig Subversion tragen durch lebendige Phantasie, die Kunstpraxis als friendly takeover. Inzwischen gebe es jede Menge Anfragen von Künstlern, erzählt Claude d’Anthenaise, er kann sie gar nicht alle erfüllen. Im Herbst jedenfalls wird sich Sophie Calle das Museum erobern, mit den Vorbereitungen hat diese Verführerin mit ihren atemraubenden Konzepten der Verfolgung privater Spuren schon begonnen. Die Jagd geht weiter. Natur und Kunst haben ihren Pakt geschlossen.

          Musée de la Chasse et de la Nature, Paris, 62, rue des Archives. – Noch bis 4. Juni: Arbeiten von Roger Ballen und Hans Lemmen, von Marlène Mocquet und Lionel Sabatté.

          Quelle: F.A.Z.

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