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Humboldt-Box stellt Klänge aus : Völker, hört die Gesänge

Walzendosen in der Ausstellung in der Humboldt-Box Bild: Ethnologisches Museum der Staatlichen Museen zu Berlin

Durch die Aufnahmen in der Berliner Ausstellung kann man tief in die Geschichte der Kontinente und Kulturen eintauchen. Doch „Die Welt hören“ erzählt lieber von der Technik, welche die Aufnahmen und ihre Archivierung ermöglicht hat.

          Die Taulipang sind eine Stammesgruppe der Pemón im Dreiländereck zwischen Venezuela, Brasilien und Guyana. Beim Parischerá, einem Jagdtanz, tragen sie lange, aus Blättern der Inajápalme geflochtene Matten am Körper und auf dem Kopf. Als der Ethnologe Theodor Koch-Grünberg 1911 auf seiner Reise in die Sierra Parima die Taulipang besuchte, nahm er die Lieder, die sie beim Parischerá sangen, auf Walzen auf. Einer der Gesänge ist jetzt in der Ausstellung „Die Welt hören“ in der Humboldt-Box am Berliner Schloss zu vernehmen, an einer Hörstation, die den Wachszylindern im Phonogramm-Archiv des Ethnologischen Museums nachempfunden ist, dem Hauptleihgeber der Schau. Es klingt dunkel, wild und fern und doch so, als hätte man es schon irgendwo gehört, etwa in einem Film.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Hörstation bietet neun weitere Klangbeispiele, darunter ein Beduinenlied aus dem Jemen, ein Tanzlied aus dem ehemals deutsch besetzten Pazifik-Atoll Truk, einen Gesang von Ruderern auf dem Jangtsekiang und ein sorbisches Spinnstubenlied von 1907. Jede dieser Aufnahmen ist eine Botschaft, die man entziffern und durch die man tief in die Geschichte der Welt, ihrer Kontinente und Kulturen eintauchen kann. Darin liegt die Chance der Ausstellung und ihr Handicap. Denn sie selbst entziffert nichts, sie taucht nicht in die Tiefe der Exponate, die sie aus den Archiven geholt hat. Stattdessen erzählt sie die Geschichte der technischen Apparate, welche die Aufnahmen und ihre Archivierung ermöglicht haben, und fächert die Aspekte auf, die sich, etwa in wissenschaftlicher und kommerzieller Hinsicht, aus der Speicherung von Tönen ergeben.

          Es ist, nach einer historisch-geographisch („Natur und Kultur am Humboldtstrom“) und einer kultursoziologisch ausgerichteten Präsentation („Vorsicht, Kinder!“), der dritte Anlauf zum Humboldtforum, und auch er leidet unter den Widersprüchen des Formats. Eine große Idee wird ins Kleine projiziert; unterschiedliche Institutionen tun sich zusammen, ohne dass ihr je eigener Blick und Beitrag thematisch würde. Die räumliche Enge gleichen die Kuratoren durch ein dicht mit Konzerten und Podien bestücktes Veranstaltungsprogramm aus. Der inhaltlichen Einschnürung entkommen sie nicht.

          Man merkt es, im unteren der beiden Ausstellungs-Stockwerke, an der rasterhaften Ordnung der Vitrinen: Hier ein Edison-Phonograph, ein Rekorder, ein Magnetbandgerät, dort eine Installation, eine Statistik, ein Manuskript. Die Ausstellung soll zum Hören reizen; sie erleichtert das Weitergehen. Denn man hört nur, was man sieht. Im oberen Stockwerk, wo man Kopfhörer aufsetzt und zwischen Schallplatten mit arabischer Musik aus der Sammlung der Amar-Stiftung flaniert, die eine nach der anderen zu klingen beginnen, geht das Konzept momentweise auf. Hier gibt es auch einen Raum zu den Sprachaufnahmen, die deutsche Wissenschaftler in den Gefangenenlagern des Ersten Weltkriegs von Soldaten des Zarenreichs und des British Empire machten. Sie sind Weltkulturerbe und Beutegut zugleich. Allein mit ihnen könnte man eine eigene Ausstellung bestücken.

          Das Phonogramm-Archiv, dessen Chef Lars-Christian Koch als Sammlungsleiter ins Humboldtforum geht, hat in der Box am Schlossplatz seine Visitenkarte abgegeben. Mehr nicht. Den Film über Theodor Koch-Grünbergs Entdeckungsreisen gibt es übrigens wirklich. Er heißt „Der Schamane und die Schlange“ und ist von 2016. Die Ausstellungsmacher im Schloss haben noch viel Arbeit vor sich.

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