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„L’Origine du monde“ : Die Frau mit Unterleib

Gustave Courbets skandalumwittertes Gemälde „L’Origine du monde“ zeigt eine weibliche Scham – aber wer ist die Frau, die für ihn Modell lag? Dieses Rätsel ist nun, nach 150 Jahren, offenbar gelöst.

          Gustave Courbets Malerei des „Realismus“ wird noch 150 Jahre später von bizarren Realismen eingeholt: Sein 1866 gemaltes „L’Origine du monde“ im Pariser Musée d’Orsay zeigt den unverhüllten Schoß einer Frau und damit den tatsächlichen Ursprung der Menschenwelt. Das Gemälde, vom osmanischen Diplomaten Khalil Bey bei Courbet für seine persönliche Sammlung von Erotika beauftragt, war ursprünglich unter einer Schiebetafel unerlaubten Blicken entzogen.

          Und völlig verborgen im Dunkel der Geschichte waren bislang Person und Name der Dargestellten. In dieser Woche jedoch wird der französische Literaturwissenschaftler Claude Schopp in einem Buch den Namen der Dame nur mit Unterleib enthüllen: Seinen Forschungen zufolge handele es sich um Constance Quéniaux, eine Balletttänzerin der Pariser Opéra und zugleich Geliebte des Bildbestellers Khalil Bey. Eine Identifikation trotz unsichtbarem Gesicht – es handelt sich bei „Origine“ ja nicht gerade um ein Porträt im klassischen Sinn – scheint gewagt, wirkt durch einen Zufallsfund jedoch schlüssig: Der Literaturwissenschaftler besaß von einem Brief des Schriftstellers Alexandre Dumas des Jüngeren an dessen Kollegin George Sand nur eine Transkription.

          Eine Stelle darin mit dem Wort „interview“ erschien ihm besonders seltsam: „On ne peint pas de son pinceau le plus délicat et le plus sonore l’interview de Mlle Queniault [an­stel­le von Quéni­aux] de l’Opéra.“ Als Schopp das Original des Briefs in der Bibliothèque nationale einsah, stand dort „intérieur“ statt „interview“. Dumas hatte sich also über Courbet entrüstet, dass es sich nicht gehöre, das heikle „Innere“ der Operntänzerin Quéniaux zu malen. Solch babylonische Sprachverwirrung kommt in der Geschichte der Kunst nicht selten vor.

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          Wer sich schon einmal vor Michelangelos kolossalem Marmor-Mose in Rom oder irgendeiner anderen Mose-Darstellung gefragt hat, warum dem Kopf des Propheten zwei Hörner entwachsen, findet die Erklärung in einer gleichermaßen falschen „Lesart“: Beim Übersetzen einer hebräischen Pentateuch-Vorlage wurde das Verb „qaran“ (strahlen) zum Lateinischen „cornuta“ (gehörnt), statt „coronata“ (strahlenbekrönt). Diese Fehlübersetzung setzte sich jahrhundertelang in der Heiligen Schrift ebenso fort wie in den künstlerischen Darstellungen.

          Und so blieb auch die offenherzige Stelle in Dumas’ Brief durch den Transkriptionsfehler unbeachtet. An die Stelle von Constance Quéniaux trat in der kunstgeschichtlichen Zuschreibung bislang meist, sehr französisch gedacht, eine andere Geliebte, Courbets vielgemaltes Modell Joanna Hiffernan nämlich. Die irische Muse Courbets aber war flammend rothaarig, so dass besonders schlaue Kunsthistoriker nun besserwissen, dass es sich beim Intimbereich des Gemädes unmöglich um den Ihren habe handeln können.

          Damit wird ein zweites großes Kunstgeschichtsfass aufgemacht: Statt der sogenannten „Händescheidung“, die seit Courbets neunzehntem Jahrhundert anhand bestimmter Charakteristika in der Gestaltung von Händen und Ohren anonyme Bilder bekannten Meisterhänden zuschreibt, müsste nun also die „Härchenscheidung“ folgen. Bei den Hunderten von kopflosen Torsi männlicher wie weiblicher Statuen in den Antikenmuseen der Welt wird das eine Herausforderung für künftige Entdecker des „Inneren“ der Menschen.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

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