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Das Deutsche Fotomuseum : Das Kabinett ist erwachsen geworden

In der sächsischen Stadt Markkleeberg bei Leipzig öffnet das Deutsche Fotomuseum. Ein großer Name für ein Haus, das kürzlich noch ganz klein war, aber nun seine Chance konsequent genutzt hat.

          Seit dieser Woche verfügt die nahe bei Leipzig gelegene kleine Stadt Markkleeberg über eine Attraktion mit einem großen Namen: das Deutsche Fotomuseum. An diese Bezeichnung hat sich noch kein anderes Haus gewagt, also haben Kerstin Langner und Andreas J. Mueller die Chance genutzt und ihr neues Museum so benannt. Und das durchaus zu Recht, denn außer dem Münchner Stadtmuseum verfügt keine andere Institution in Deutschland über eine Sammlung, die neben einem namhaften Bestand an historischen und zeitgenössischen Fotos (rund siebzigtausend Stück) vergleichbar viele Kameras (rund dreitausend Modelle) zu bieten hätte.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Vor allem aber verfügen Langner und Mueller nun über ein repräsentatives und somit dem verheißungsvollen Namen auch entsprechendes Haus. Das existierte schon seit anderthalb Jahrzehnten, stand aber den Großteil dieser Zeit leer. Im Jahr 1997 hatte die Bundesrepublik im Agra-Park von Markkleeberg, dem ehemaligen Schauplatz der jährlich ausgerichteten Landwirtschaftsausstellung der DDR, für mehr als fünf Millionen Mark einen Neubau errichtet, in dem in Fortführung der alten Tradition und zur wirtschaftlichen Belebung Markkleebergs das vom Freistaat Sachsen betriebene Deutsche Landwirtschaftsmuseum eingerichtet werden sollte. Doch von 1998 bis 2003 fand die Präsentation so wenige Besucher, dass sie wieder geschlossen wurde. Der Bund verschenkte das Gebäude danach an die Stadt. Drei Jahre später erlebte es eine kurzlebige Zwischennutzung durch einen betrügerischen Ausstellungsmacher, der dort gefälschte chinesische Terrakottasoldaten aufstellte, bis ihm 2007 das Handwerk gelegt wurde. Seitdem wartete das Haus auf einen neuen Nutzer.

          Noch viel länger waren Kerstin Langner und Andreas J. Mueller in Leipzig auf der Suche nach einem Gebäude für ihr Kamera- und Fotomuseum. Das hatte der Fotograf Peter Langner (1947 bis 1994) noch in der DDR begründet. Es beruhte auf seiner in Jahrzehnten zusammengetragenen Kamerasammlung. Platz fand es in einem uralten Fachwerkhaus im Stadtteil Mölkau, zunächst nur in zwei notdürftig renovierten Räumen. „Museum“ durfte eine Privatsammlung in der DDR nicht heißen, deshalb lautete die erste Bezeichnung „Fotokabinett“.

          Nach der Wende wurde daraus das Kamera- und Fotomuseum Leipzig, und nach dem frühen Tod Langners bauten seine Witwe und sein Freund Mueller dessen Präsentation aus: Sie erweiterten sie vor allem um historische Fotografien, die Langner bei seinen Kamerakäufen als „Beifang“ ergattert hatte (Mueller erinnert sich, wie er zufällig sechzehn Schauspielerporträts von Hugo Erfurth in den Sammlungsbeständen entdeckte), bemühten sich gezielt um Neuerwerbungen von zeitgenössischer Fotografie und richteten das Obergeschoss des winzigen Hauses als zusätzliche Ausstellungsfläche her. Neunzig Sonderausstellungen wurden dort gestemmt. Doch insgesamt 160 Quadratmeter boten nur Platz für einen Bruchteil der Sammlung: 150 Kameras und ein paar Dutzend Fotografien.

          Entsteht hier das größte Fotomuseum Deutschlands?

          Mit ihrer Sammlung aus Leipzig wegzugehen, wo sie immerhin eine bescheidene kommunale Förderung bekamen, fiel den beiden Betreibern lange nicht ein. Doch die von der Stadt angekündigte Bereitstellung eines neuen Quartiers blieb aus, und so bewarben sie sich 2012 mit ihrem Museum in Markkleeberg, wo dringend ein neuer Mieter gesucht wurde. Unter mehr als zwanzig Interessenten hatten Langner und Mueller das einzige Kulturprojekt zu bieten, und so erhielten sie den Zuschlag, verbunden mit einer städtischen Zuwendung von jährlich 20 000 Euro. Nun standen sie vor der Aufgabe, binnen eines halben Jahres eine Fläche mit Objekten zu bestücken, die zehnmal so groß ist wie ihr altes Domizil: 1600 Quadratmeter.

          Diese Herausforderung haben sie mit Bravour gemeistert. Hinter der großen Glasfassade des Eingangs hat Kerstin Langner ein Ensemble aus Reisekameras des späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts errichtet, der wie ein Stelenwald arrangiert ist. Alle in der Ausstellung gezeigten Kameras sind restauriert worden, auch das größte Stück der Sammlung, eine 1895 gebaute Reprokamera des Leipziger Herstellers Hoh & Hahne, deren Balgen bis auf 2,50 Meter Länge ausziehbar ist. Nun steht sie in frischem Glanz und auf einem eigens angefertigten Podest wie ein Götzenbild als Blickfang in der großen Rotunde des Deutschen Fotomuseums - Blickfang für gleich drei Etagen.

          Denn die Ausstellung nutzt bislang nur den ehemaligen Eingangsbereich des Markkleeberger Gebäudes, in dem zwei um die Rotunde gewendelte Rampen im Stil des New Yorker Guggenheim-Museums jeweils Emporen in den beiden oberen Stockwerken erschließen. Längs der stufenlosen Aufgänge sind Fotos gehängt, die chronologisch fortsetzen, was im Parterre mit einer Vitrine voller Daguerreotypien begonnen wird. Bis zur ersten Etage wird das neunzehnte Jahrhundert präsentiert (unter anderen mit Bildern von Nadar, Giorgio Sommer, Wilhelm von Gloeden oder Nicola Perscheid), danach schließt sich auf der Rampe zum zweiten Stock das zwanzigste Jahrhundert an (etwa mit Evelyn Richter, Will McBride, Jan Saudek oder Erasmus Schröter).

          Auf den Emporen werden technische Aspekte präsentiert: mittels zahlloser Kameramodelle, teilweise skurrilster Art wie die zur Spionage oder polizeilichen Ermittlung gedachten, getarnten Ausführungen oder auch ein prachtvolles amerikanisches Art-déco-Modell von 1931, mittels der Utensilien einer Dunkelkammer oder alter Vitrinenschränke, in denen zeitgenössische Fotorahmungen zu bestaunen sind. Anschaulichkeit ist hier in jeder Hinsicht Trumpf.

          Bei den Fotos werden, soweit überliefert, die Bezeichnungen angegeben, die die Fotografen für ihre Motive wählten. So steht unter einem Bild, das Adolf Hitler neben zwei Rehkitzen zeigt und von dessen Leibfotograf Heinrich Hoffmann 1933 angefertigt wurde, „Unser Führer, der große Tierfreund“. Direkt daneben hat Andreas J. Mueller eine Aufnahme gehängt, die der Dresdner Fotograf Richard Peter sen. 1945 aufgenommen hat: seine Heimatstadt nach der Bombardierung vom 13. Februar. Weitere Ruinenbilder von Max Löhrich und dem Leipziger Fotografenehepaar Renate und Roger Rössing schließen sich an: Ursache und Wirkung.

          Solche unaufdringlich-geschickten bilddidaktischen Bezüge finden sich häufig in der Präsentation des Museums. So setzt das zwanzigste Jahrhundert mit Beispielen des Piktoralismus ein und setzt damit nach der Unterbrechung durch die Empore fort, womit das neunzehnte Jahrhundert aufgehört hatte. Der Schwerpunkt der Kollektion liegt klar auf deutschen Fotografen, und darunter sind nochmals sächsische Künstler besonders stark. Kein Kunststück: Sachsen war eine Wiege der deutschen Fotografie. Nicht nur, dass vor hundert Jahren in Dresden, dem Erzgebirge und in Leipzig wichtige Kameraproduzenten ansässig waren und im bei Bitterfeld gelegenen Wolfen die Filmherstellung konzentriert war, in Leipzig wurde 1913 auch der erste Lehrstuhl für Fotografie eingerichtet, und die Messestadt lockte besonders viele Fotografen an. Entsprechend reich ist der Leipziger Bestand dieser Museumssammlung.

          Die lokale Anbindung kann dem Deutschen Fotomuseum zu Beginn nur nutzen. Eine erste kleine Sonderschau gilt denn auch dem jüngst verstorbenen Leipziger Aktfotografen Günter Rössler. In einigen Monaten soll der Kinosaal des ehemaligen Landwirtschaftsmuseums als Sonderausstellungsbereich dazustoßen und eine breiter gefächerte Präsentation ermöglichen. Und falls das Konzept trägt, ist nebenan noch die frühere große Schauhalle vorhanden, in der bis zum Jahr 2003 schweres Bauerngerät gezeigt wurde. So spricht von den Möglichkeiten nichts dagegen, dass das Deutsche Fotomuseum im kleinen Markkleeberg zur größten Institution seiner Art im Lande werden kann.

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