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Porträtausstellung in Berlin : Den Geist eines Sitzenden erfassen

Wer dieses Porträt des Dawaci gemalt hat, ist nicht überliefert, aber es stammt etwa aus dem Jahr 1756. Bild: Ethnologisches Museum – Staatliche Museen zu Berlin / Waltraut Schneider-Schütz

In Berlin sind Porträts aus China zu sehen. Selbst für den, dem dieses Land egal ist, hält diese Ausstellung genug Stoff bereit – auch zum Nachdenken darüber, was Kunst alles ist.

          Eines der merkwürdigsten Bilder dieser Ausstellung zeigt einen aufrecht stehenden Mann im weißen Gelehrtengewand, der mit ungerührtem Blick auf einen vor ihm Knieenden schaut. Das Besondere ist: Es handelt sich bei den beiden Figuren um ein und denselben Menschen, Herr und Knecht in einer Person. Das Bild trägt den Titel: „Das Selbst anbetteln“. Was für eine Vorstellung steckt hinter dieser Aufspaltung des Ichs?

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die von dem Maler Hu Xigui in einen undefinierten Raum gestellten Figuren nehmen nur das untere Drittel der auf 1879 datierten rechteckigen Hängerolle ein, den Rest füllen dicht kalligraphierte Gelehrtenkommentare. „Das menschliche Leben ist so unwirklich“, heißt es dort etwa, mal könne man sich edel vorkommen und auf andere herabblicken, mal müsse man sich unterwerfen. Für gewöhnlich wird das Bildmotiv des zweifachen Selbst, des „Sich selbst Anbettelns“ (qiujitu), das es in China schon seit etwa tausend Jahren gibt, auf die Forderung des Konfuzius zurückgeführt, sich nur auf sich selbst zu verlassen, also „besser sich selbst als andere zu bitten“. Doch im Kontext der Porträtmalerei, um die es in dieser großen Ausstellung in der Berliner Gemäldegalerie geht, spitzt die Verdoppelung des Ichs ein Paradox zu, das die Menschen-Darstellung in der chinesischen Tradition generell kennzeichnet.

          Porträt eines Militäroffiziers und seiner Frau, etwa 18.-19. Jahrhundert, Tusche und Farben auf Seide.
          Porträt eines Militäroffiziers und seiner Frau, etwa 18.-19. Jahrhundert, Tusche und Farben auf Seide. : Bild: ROM, Foto: Brian Boyle, MPA, FPPO

          Auf der einen Seite ist sie ganz auf die gesellschaftlichen oder staatlichen Rollen fokussiert, die diese Menschen einnehmen, sei es als Literat, Soldat, Beamter oder auch Kaiser, mit all den ikonographischen Signalen und Inszenierungsformen, die der jeweiligen Rolle zugehören. Auf der anderen Seite soll sie aber auch zum Ausdruck bringen, dass der „Geist“ des porträtierten Menschen seine Rolle überschreitet, also weder fass- noch festlegbar ist. Wenn eine Person also ohnehin nicht in ihren äußeren Formen aufgeht, warum soll sie dann nicht auch in zweierlei Gestalten gezeigt werden?

          Der Kaiser als Gelehrter und Künstler

          Das Herausragende der Berliner Ausstellung ist vor allem den siebzig Leihgaben aus dem Pekinger Palastmuseum in der Verbotenen Stadt zu verdanken, die von dieser Grundspannung leben – überwiegend Beispiele jener sogenannten Literaten-Kunst, für die Malerei Teil eines moralisch-philosophischen Projekts war und die für die kulturellen Kanonbildungen und Hierarchisierungen über viele Jahrhunderte hinweg bestimmend war. Erst Ende des sechzehnten Jahrhunderts entdeckten diese Kreise die Menschendarstellung als würdige eigene Gattung. Bis dahin waren Porträts Sache professioneller Maler, die sie zur Ahnenverehrung herstellten; sie galten als Gebrauchsware, nicht aber als „Kunst“.

          Der Katalog zitiert einen Text aus dem siebzehnten Jahrhundert, der streng zwischen „Bildern“ und „Gemälden“ (Kunst!) unterscheidet: Bilder sind durch bestimmte Gegenstände und Funktionen definiert; Gemälden dagegen geht es um etwas, das mit formaler Repräsentation allein nicht zu erreichen ist – Selbstüberschreitung soll nicht nur ihr Thema sein, sondern auch die Bedingung ihrer Produktion.

          Ein „Porträt der Frau Li“, von der wir nur wissen, dass sie Herrn Lu Xifus Ehefrau ist. Getuscht auf eine Hängerolle im Jahr 1876.
          Ein „Porträt der Frau Li“, von der wir nur wissen, dass sie Herrn Lu Xifus Ehefrau ist. Getuscht auf eine Hängerolle im Jahr 1876. : Bild: ROM, Foto: Brian Boyle, MPA, FPPO

          Wie übersetzt sich ein solches Selbstbewusstsein, wenn die konventionellen Sinnbilder für kosmische Einbezogenheit, all die Berge, Flüsse und Höhlen, für die die alte chinesische Kunst berühmt ist, verlassen werden und auf einmal der Mensch selbst in all seiner Isoliertheit im Mittelpunkt steht? Ein besonders prominentes Beispiel ist in der Ausstellung eine Hängerolle aus dem Jahr 1780, für die der Kaiser persönlich zum Pinsel gegriffen hat. Das Bild eines nicht identifizierten Hofmalers zeigt den Kaiser Qianlong als Gelehrten, umgeben von Büchern, Kunst und europäischem Mobiliar, eben im Begriff, eine Teezeremonie zu vollziehen. Hinter ihm sieht man das Bild eines Pflaumenbaums, das der Kaiser, seinem Siegel zufolge, selbst gemalt haben soll, und darin ein Porträt des Kaisers – eine mehrfache Spiegelung, die dann noch durch eine eigenhändige Kalligraphie Qianlongs verdoppelt wird: „Sind das einer oder zwei? / Es gibt weder Identität noch Verschiedenheit, Nähe oder Distanz / Vielleicht konfuzianisch, vielleicht mohistisch / Warum sollte ich besorgt sein / Warum darüber nachdenken?“ Die Selbstinszenierung wird mit buddhistischen und konfuzianischen Anspielungen zugleich bekräftigt und unterlaufen. Wie jeder andere Literat präsentiert sich der Kaiser als jemand, dessen soziale Rolle gerade dadurch definiert ist, dass er sie transzendieren kann.

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