Helmut Gernsheim wusste, wonach er suchte. Eine Zinnplatte mit den Außenmaßen sechzehneinhalb mal zwanzigeinhalb Zentimetern und der eingebrannten Abbildung eines Gehöfts. Ein paar Fassaden hier, ein paar Fassaden dort. Viele dunkle Schatten, in der Mitte das Dach einer Scheune und am rechten Bildrand deutlich der Turm eines Taubenschlags. Es war die Aussicht aus dem Arbeitszimmer von Joseph Nicéphore Niépce auf das elterliche Anwesen in Le Gras, unweit der Stadt Chalon-sur-Saone. Und es war die erste Fotografie der Welt. Niépce selbst und andere haben sie in Briefen detailliert beschrieben.
Aufgenommen hatte Niépce das Bild 1826, „nach der Natur“, wie man damals sagte, als sich Experimente mit lichtempfindlichem Material noch auf das Kopieren von Stichen und Schattenrissen konzentrierten. Mehr als acht Stunden hatte er die mit Asphalt bestrichene Metallplatte belichtet und anschließend den Teil der Schicht, der noch nicht durch die Einwirkung des Sonnenlichts gehärtet war, mit einer Mischung aus Lavendelöl und Terpentin vorsichtig entfernt. Was er erhielt war ein Direktpositiv, auf dem der gehärtete Asphalt die hellen Stellen wiedergab, das blanke Metall hingegen die dunklen. Niépce sprach von Heliographie: Sonnenzeichnung.
In einem Schrankkoffer wiederentdeckt
Im Sommer 1827 nahm Niépce die Aufnahme mit auf eine Reise nach England und legte sie dort über einen zufälligen Kontakt der Royal Society vor. Doch weil er nicht bereit war, das Geheimnis seines Verfahrens zu offenbaren, wurde seine Präsentation nicht einmal in deren Sitzungsprotokollen erwähnt. Auch bei König George IV. sowie der Society of Arts hoffte er vergebens auf Interesse an seiner epochalen Entdeckung. Enttäuscht kehrte er nach Frankreich zurück. Das Bild schenkte er zuvor dem einzigen Mitglied der Royal Society, das sich unermüdlich für ihn eingesetzt hatte. Bis William Fox Talbot sein erstes Papiernegativ herstellte, würden noch acht Jahre vergehen. Und Daguerre, mit dem Niépce am Ende seines Lebens eine Geschäftsbeziehung eingegangen war, gelang seine erste befriedigend belichtete Aufnahme erst 1837, zehn Jahre später. Da war Niépce schon seit vier Jahren tot.
Sein Bild indes wechselte mehrmals den Besitzer, bevor es 1898 in der „Photographic Exhibition“ im Crystal Palace in Sydenham bei London zum vorerst letzten Mal ausgestellt wurde. Danach verloren sich alle Spuren, obwohl der letzte Besitzer bekannt war. Es war Baden Pritchard, der Herausgeber der Zeitschrift „Photographic News“. Erst etliche Artikel und Suchanzeigen von Helmut Gernsheim Ende der vierziger und Anfang der fünfziger Jahre in der „Times“ und im „Observer“ führten zur Wiederentdeckung in einem Schrankkoffer in einer Londoner Lagerhalle, in dem die Platte seit 1917 gelegen hatte.
Die Apparatur, der Kasten, das Bild
“Ich war wie erstarrt“, schrieb Helmut Gernsheim über den 14. Februar 1952, als er das Bild zum ersten Mal in Händen hielt. „Ich hatte nicht erwartet, dass die Zinnplatte sich wie ein Gemälde hinter Glas und in einem Empirerahmen befand. Ich ging zum Fenster und hielt die Platte im Winkel zum Licht, wie man es auch mit Daguerreotypien macht. Es war kein Bild zu sehen. Ich veränderte den Winkel, und plötzlich entfaltete sich vor meinen Augen das Gesamtbild des Innenhofs.“ Noch immer liegt das Bild wie ein Juwel in dem geschnitzten, goldenen Holzrahmen. Aber niemand bekommt es mehr in die Hände, denn es wird in einer luftdicht verschlossenem Vitrine aufbewahrt, in einer sauerstofffreien Argonatmosphäre, deren Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Luftdruck laufend gemessen und aufgezeichnet werden. Der Plexiglaskasten ist ein Wunderwerk der Technik. Voller Schächte, Schläuche, Schalter und Ventile. Hier kann Luftfeuchtigkeit entzogen, dort Stickstoff hinzugefügt werden. Es ist, als schaute man auf das Gerät in einem Operationssaal. Aber wie das Bild darüber präsentiert wird, ummantelt ganz in Schwarz, unter schweren Glasplatten, leicht gekippt, damit das Licht im richtigen Winkel auf die Oberfläche fällt, das lässt sich nur mit Metaphern aus religiösen Riten am Kirchenaltar überzeugend beschreiben. Die Apparatur, der Kasten, das Bild: Das ist der Höhepunkt der Ausstellung „Die Geburtsstunde der Fotografie“ im Zeughaus des Reiss-Engelhorn-Museums in Mannheim. Zerbeult, zerkratzt und zerdellt strahlt das Foto eine Magie aus, als wisse es selbst um seine Bedeutung. Zunächst ist es, als schaue man in einen Spiegel. Aber mit jedem leichten Kippen des Kopfes tauchen für den Betrachter neue Details auf. Ein Fenster, ein Schornstein, die Zweige eines Baums. Es ist, als sei die Zeit zurückgespult und man würde die Möglichkeiten der Fotografie zum ersten Mal entdecken - den Zauber noch einmal spüren, wenn ein Ausschnitt der Welt wie in einem Spiegel erstarrt und für immer aufbewahrt ist. Man erlebt nicht weniger als den Urknall der Fotografie.
Die von Claude W. Sui kuratierte Ausstellung ist eine Sensation. Und man tut ihr natürlich unrecht, wenn man die zweihundertfünfzig weiteren Fotografien im Eilschritt passiert - denn es sind allesamt Meisterwerke der Fotografie, darunter viele Inkunabeln der wichtigsten Fotokünstler der vergangenen hundertsechzig Jahre. Viele in historischen Rahmen wunderbar präsentiert, manches geradezu theatralisch in Szene gesetzt. Eine Schatztruhe wurde hier geöffnet, geplündert möchte man fast sagen, angesichts der wunderbaren Arbeiten, die alle der fast vierzigtausend Abzüge umfassenden Sammlung von Helmut und Alison Gernsheim entstammen. Anfang der sechziger Jahre haben sie die Bilder zum größeren Teil der Universität von Texas in Austin vermacht, der kleinere Teil mit einem Schwerpunkt auf Arbeiten der Nachkriegszeit ist vor knapp zehn Jahren in einer Stiftung der Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen aufgegangen. So kam es zur Zusammenarbeit der beiden Institutionen.
„Fotografie ist Berichterstattung“
Als Gernsheim das Bild von Niépce aufspürte, war er längst der bekannteste Fotosammler und -historiker Europas. In London, wohin er 1937 seiner jüdischen Wurzeln wegen emigriert war, gelangen ihm in den Nachkriegstagen wichtige Entdeckungen. In Buchhandlungen, Antiquariaten und auf Flohmärkten hatte er Abzüge zusammengetragen, die heute als Meilensteine der Fotografie gelten. Und er hatte mit seinen Monographien über Julia Margaret Cameron und Lewis Carroll maßgeblich dazu beigetragen, dass die Fotografie des neunzehnten Jahrhunderts als eine Gattung der Kunst begriffen wurde. Dabei war sein Verständnis des Mediums ausgerechnet von der Ästhetik der Neuen Sachlichkeit geprägt, in deren Geist er in den dreißiger Jahren an der Bayerischen Staatslehranstalt für Lichtbildwesen in München Fotografie studiert hatte. Was ihn interessierte, war die unmanipulierte Abbildung der Wirklichkeit. Keine symbolistisch überfrachteten Motive, keine aufwendigen Edeldrucke, die sich in ihrer Unschärfe und Körnigkeit an der Malerei orientierten.
Und so wusste er die Aufnahme von Niépce wohl nicht nur ihrer historischen Bedeutung wegen zu schätzen. Sie erfüllte auch im Motiv seinen Anspruch an das Medium. „Fotografie ist Berichterstattung“, hatte Gernsheim 1942 formuliert. Die knappe Formel blieb ihm fast zeitlebens Programm. Sie erklärt sein ausgeprägtes Interesse für den Fotojournalismus, und darin versteckt ist seine Abneigung aller symbolistisch überfrachteten Kunstfotografie. Vielleicht hätte er sie gern über dem Eingang des Fotografiemuseums gelesen, für das er schon 1946 erste Pläne entwickelt hatte, die von Jahr zu Jahr konkreter wurden, und für das er gemeinsam mit seiner Frau Alison Gernsheim immer mehr Material zusammentrug: Fotografien und Apparate, Bücher und Korrespondenzen. Doch seine Gespräche mit mehr als dreißig Organisationen und Institutionen fruchteten nicht, so dass er sein Material Anfang der sechziger Jahre nach Amerika gab.
Was jetzt im Zeughaus in Mannheim zu sehen ist, dürfte der Vision des großen Sammlers Helmut Gernsheim allerdings sehr nahe kommen: Keine chronologische Nacherzählung der Fotografiegeschichte, sondern ein Dialog der Bilder über alle Epochen hinweg, ergänzt um zahlreiche Briefe, Bücher und alte Apparate. Es ist der Spaziergang durch einen Zaubergarten.