http://www.faz.net/-gqz-88ryo

Daniel Richter in der Schirn : Das Unbehagen der Maskenköpfe

Für gut zwei Jahre hat sich Daniel Richter zurückgezogen, um neue Bilder zu malen. Sie sind nicht nur neu, sie sind gar eine Zäsur in seinem Schaffen. Jetzt zeigt sie die Frankfurter Schirn Kunsthalle.

          Und Daniel Richter meint das genauso - neue Bilder. Sie sind sämtlich in diesem Jahr entstanden. Die zweiundzwanzig großformatigen Gemälde gehören zu zwei Werkgruppen größeren Umfangs, die sich deutlich voneinander unterscheiden. Eine beschreibende Annäherung könnte lauten, dass die eine Gruppe noch figürliche Elemente aufweist, während die andere zur Abstraktion tendiert. Die neuen Bilder haben eines gemein: Der Maler benutzt kaum noch einen Pinsel, außer für die als Hintergrund breitflächig aufgetragene Lasur. Er spachtelt die Ölfarbe darüber, er setzt einen dicken Ölkreidestift ein, um Konturen festzuzurren oder Maskenköpfe rollen zu lassen.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Bei den Abstraktionen, die auf den ersten, viel zu kurzen Blick arbiträr anmuten, ist extreme Sorgfalt erkennbar in der Abgrenzung der Farbflächen voneinander. Das sind keinesfalls gestische Malereien; es sind Urszenen malerischer Gesten. Der Künstler und die Kuratorin Katharina Dohm haben die neuen Bilder nicht nach den Werkgruppen gehängt, sondern sie durchmischen sich, in einem weiten Saal vor klassisch weißen Wänden. Dass er da eine Schwingung haben wollte, sagt Daniel Richter mit einer Handbewegung entlang dieser Phalanx, Anschlüsse, die funktionieren. Spreizungen und Zurückhaltungen meint er, auch farbliche Korrespondenzen. Wer, wie dieser Künstler, nach neuen Ausdrucksformen für sich selbst - und dafür, was Malerei überhaupt kann - sucht, meint vielleicht sogar Schönheit. Diese gefährliche Schönheit, die der Destruktion entspringt. Der Titel der Ausstellung heißt „Hello, I love you“. Wer geliebt wird, muss hinschauen und das Schauen aushalten können.

          Wo noch so viel Körper durchscheint in der einen Serie, ist genauso viel Hirn des Künstlers beteiligt. Es sind Verschlingungen von Leibern, aber Richter ist nicht naiv. Die Gemälde widersetzen sich halsstarrig - ein bisschen höhnisch, vielleicht? - voyeuristischem Konsum, mit scharfen Schnitten in der vertikalen Achse, mit Torsionen, Entstellungen und Verschiebungen. Bildgewordene Verdrängung, ließe sich das nennen, und dann die Wiederkehr des Verworfenen. Das ist keine kritische Kunst; sie ist auf sentimentalische Weise unversöhnt mit der Realität.

          Wenn Künstler Fährten legen

          In den Abstraktionen der zweiten Gruppe sind die Reste territorialisierter Körper gleichsam bewahrt. Manche ähneln computertomographierten Partialitäten, andere skelettösem Ineinandergreifen. Es entstehen Topographien, die aussehen, als wären sie mit heftigen Farbkombinationen für den Überflug von Drohnen markiert; während die Umgebung verschleiert ist, Kollateralschäden ausgesetzt. Allen neuen Bildern ist Prozesshaftigkeit anzumerken, ihre Entstehungsgeschichte, altmodisch ausgedrückt: ein Voranschreiten im Unter- und Übereinander auf den Leinwänden. Doch sie bleiben unerklärbar, sie halten ein Geheimnis fest, auch wo ihnen ihr sexueller Ursprung, in Schemen, noch anzusehen ist. Dass hinter ihnen die Gedanken und Reflexionen eines Künstlers stehen, der geprägt ist von intellektueller Auseinandersetzung weit über sein Metier hinaus, führen sie nicht vor. Sie strahlen das aus. Wie sie überhaupt leuchten, in ihrer ungebärdigen Farbigkeit und Formenlust. Daniel Richter verwirft nicht seine bisherigen Werke, die ihn, Jahrgang 1962, seit den neunziger Jahren zum, neben Neo Rauch, international wichtigsten deutschen Maler dieser Generation werden ließen.

          Aber ehe er einer Manier - zuletzt der seiner großen figürlichen Gemälde, die sich tatsächlich als Historienmalerei bezeichnen lassen - verfiele, hat er beigedreht. In der Schirn hängen jetzt nur die ganz frischen Bilder. Ihre Vorläufer lassen sich dazudenken, wie auch Richters künstlerische Vorgänger; von Matisse über Schiele bis Bacon geht da einiges. An den Titeln hat der Maler seinen Spaß. Wenn sie überhaupt etwas bedeuten - „unpässliche Minderheiten“ oder „Ich habe deine Mutter gesehen“ -, sagen sie nichts über den Bildinhalt. Eines heißt, beinah diskursiv, „Asger, Bill und Mark“. Die Grüße gelten Asger Jorn, das geht klar; Mark Rothko - für die Hintergründe, mindestens; und Bill könnte eine Hommage an Bill Jensen sein, eher ist Willem de Kooning gemeint. Und eigentlich ist es egal.

          Im Katalog gibt es einen Anhang mit Fotos, „Nahrung“ überschrieben. Eines der ersten zeigt eine frühe Ausgabe von „Sigm. Freud. Das Unbehagen in der Kultur“, dieser säkularen Auseinandersetzung mit Triebunterdrückung, Aggression und Schuld. Auch so legt ein Künstler Fährten. Wenn dieses Unbehagen schöpferische Energie freisetzt wie bei Daniel Richter, dann ist es gut gelaufen - und bedeutet nicht Verzicht auf Geist und Aufsässigkeit.

          Weitere Themen

          Der Ruf der Freiheit

          Frankfurter Schirn Kunsthalle : Der Ruf der Freiheit

          Die Frankfurter Schirn Kunsthalle eröffnet nach ihrer Renovierung mit der Ausstellung „König der Tiere. Wilhelm Kuhnert und das Bild von Afrika“. Mit grandiosen Bildern aus einer fragwürdigen Epoche.

          „Halloween“ Video-Seite öffnen

          Kinotrailer : „Halloween“

          „Halloween“, 2018. Regie: David Gordon Green. Darsteller: Jamie Lee Curtis, Judy Greer, Andi Matichak. Verleih: Universal Pictures Germany. Kinostart: 25. Oktober 2018

          Deutschlands modischster Galerist

          Johann König : Deutschlands modischster Galerist

          Johann König ist der Popstar unter den Berliner Galeristen. In seiner Galerie lockt er insbesondere junge Menschen, indem er sich an modischen Strategien bedient — eigenes Merchandise inklusive.

          Topmeldungen

          Italienische Fernsehpolitik : Wer macht hier Fehler?

          Ein Dorn im Auge der Partei: Matteo Salvinis Lega versucht den Auftritt von Riaces Bürgermeister Mimmo Lucano im italienischen Fernsehen zu verhindern

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.