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Daniel Buren in Nürnberg Mehr Streifen wagen für die Kunstwelt

 ·  Einst suchte er den „Nullwert“ der Malerei und trat so gegen das Kunstsystem an, längst ist er im Museum gelandet: In Nürnberg zeigt sich, dass Daniel Burens Werke heute einen neuen Effekt haben.

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Wer in den siebziger Jahren den Namen des französischen Künstlers Daniel Buren aussprach, meinte seine Streifenbilder, jeweils 8,7 Zentimeter breit, abwechselnd weiß und farbig, also die vertraute Markise, die man in den Straßen von Paris so oft zu sehen bekommt. Daniel Buren entdeckte sein „visuelles Werkzeug“ im Jahr 1966. Der Künstler war damals Mitglied der Gruppe BMPT. Die Abkürzung steht für vier französische Maler, die die Kunstwelt umkrempeln sollten: Buren mit senkrechten Streifen, Olivier Mosset mit Kreisen, Michel Parmentier mit horizontalen Streifen und Niele Toroni mit kleinen Quadraten. Sie reduzierten die Malerei auf ihre geometrischen Grundstrukturen. Aufmerksamkeit aber erreichten sie durch aktionistische Spektakel, wie „Manifestation 1“ im Januar 1967: Am Eröffnungsabend hängten sie ihre Arbeiten ab, verteilten ein Flugblatt - „Brief gegen die Salons“ - und schrieben auf ihr Transparent „Buren, Mosset, Parmentier, Toroni stellen nicht aus“ und verließen kurzerhand den Salon. An diesem Abend begann ihre Revolution.

Buren ersetzte seine ursprünglich noch gemalten Bilder bald durch Markisenstoff und begab sich auf seine hartnäckige Suche nach dem „Nullwert“ der Malerei. Für „Seven Ballets in Manhattan“ 1975 trug er Streifen-Bilder als Demonstrationsplakate durch die Straßen Manhattans. Seine Entscheidung, jede künstlerische Handschrift aus seinem Werk zu verbannen, stand im Zusammenhang mit seiner Hoffnung auf eine Kulturrevolution: Kein Kunstwerk, schrieb Buren in einem seiner vielen theoretischen Texte, könne dem System entgehen und kein Kunstschaffender könne unabhängig bleiben, solange er mit den Institutionen arbeite. Er jedenfalls brach aus und hinterließ im Stadtbild sein Zeichen: Streifen auf Zugtüren, auf Rolltreppen oder auf Plakatsäulen. Das visuelle Werkzeug des Markisenstoffs befreite seine In-situ-Arbeiten von jeglichen Bezügen und Beschränkungen durch eine „äußere Geschichte“, also von den Kategorien, in denen wir sehen.

Die Architektur zeigen, nicht mehr und nicht weniger

Was aber macht ein Künstler, der vor vierzig Jahren so radikal berühmt wurde? Wer heute Daniel Buren, Jahrgang 1938, trifft, sieht einen weltweit agierenden Künstler und Geschäftsmann, der im Kunstmarkt und im System eine feste Rolle innehat und im Innenhof des Grand Palais seine gestreiften Säulen als Dauerausstellung zeigen darf. Es ist (fast) unmöglich, alle seine Ausstellungen zu verfolgen, die jedes Jahr überall auf der Welt stattfinden und dann wieder verschwinden. Meist sind nur seine „Souvenirs“, seine Erinnerungsfotos, von Dauer und erzählen dann noch, was hier oder dort los war.

Im Neuen Museum in Nürnberg kann der Besucher jetzt ausführlich erleben, wo Daniel Buren 2010 steht. Seit den achtziger Jahren hat er seine Mittel erweitert: Er benutzt auch Spiegel, Holz, Plexiglas und transparente Folien. Die hundert Meter lange und leicht konkav geschwungene Glasfassade des von Volker Staab entworfenen Neuen Museums hat Buren mit einem Zickzackfries aus farbiger Folie und Streifen versehen. Im Untergeschoss flattern, von einem Gebläse angetrieben, drei mächtige farbige Tücher, die in einen Streifenrahmen eingefasst sind. Im Ausstellungssaal hat Buren fünfundzwanzig großformatige beleuchtete Laternen an die Decke gehängt. Hinauf in diesen Raum führt eine enge Wendeltreppe, an deren Außenseite Buren ganz im Stil seiner frühen Jahre Streifenmuster angebracht hat. In Nürnberg will er uns die Architektur zeigen, nicht mehr und nicht weniger.

Desaströse Bedingungen für die Werke der anderen Künstler

Die Fassade lenkt den Blick nicht mehr - wie bei Buren üblich - in eine präzise Richtung, sondern versenkt ihn in einem harmonischen, sehr dekorativen Farbenspiel. Buren hat es in den siebziger Jahren vorgezogen, mit seiner Arbeit an die alltäglichsten Orte zu gehen. In Nürnberg sehen wir ihn dort, wo er vor vielen Jahren nie hinwollte: ins Museum. Doch das Museum ist für ihn zu einem gewöhnlichen Ort geworden, die Verbindung von Kunst und Leben findet er auch hier. Die überzeugendste Arbeit füllt den Ausstellungssaal im Obergeschoss: Zunächst sieht man das Fassadenspiel hier weitergeführt und befindet sich in einem einem nahezu klassischen White Cube, wie ihn Buren immer verteufelte. Die Laternen nehmen das quadratische Grundraster der Decke auf, während die Unterkante der Lichtkuben exakt die Höhe des Eingangs spiegelt. Bewegt man sich im Raum, erfährt man jedoch die Burensche Offenbarung der Architektur. Der Blick reicht hinauf zu den Betonkassetten, den Schächten, den Verankerungen. Buren macht die Architektur bewusst.

Etwas hat sich verändert: Wenn man die Fassade des Museums in Nürnberg sieht, kommt einem Peter Bürgers Spruch wieder in den Sinn, der einst die berechtigte Frage stellte: „Sind die Markisenstoff von Buren nicht - Markisenstoff, trotz des Diskurs der sie begleitet?“ Diese Frage ist hier nicht mehr relevant, denn: Buren malt wieder. Der Rhythmus, der Zusammenklang der Farben ist malerisch, der subversive Ansatz ist verlorengegangen. Das gilt natürlich nicht für sein gesamtes Werk der vergangenen Jahre: 2004 hat er in Paris das Bühnenbild für einen kleinen Zirkus entworfen. Im Januar 2009 setzte er ein Mosaik in der Synagoge von Ostia Antica aus Schachbrettmuster und Streifen zusammen und stellte bei der Triennale in Ostende ein Quadrat aus farbig-gestreiften Windrosen auf. Der Maler Daniel Buren ist trotzdem zurück und macht in Nürnberg - vielleicht unfreiwillig - auf die desaströsen Bedingungen aufmerksam, unter denen die Werke der anderen Künstler zu sehen sind. Die Architektur des Museums raubt ihnen den Atem. Burens einst rebellischen Werke haben sich dem Museumsbau optimal angepasst.

Daniel Buren - „Modulation. Arbeiten in situ“. Bis zum 14. Februar im Neuen Museum in Nürnberg. Der kleine Katalog, unter anderem mit interessanten Beschreibungen des Künstlers, kostet 10 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1978, Redakteurin im Feuilleton.

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