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Damien Hirst in Venedig : Havarie der Gegenwartskunst

  • -Aktualisiert am

In Venedig zeigt Damien Hirst seine Monumentalausstellung „Treasures from the Wreck of the Unbelievable“. Sie lehrt ihre Besucher tatsächlich das Staunen.

          Vielleicht bekommt man den besten Eindruck von Damien Hirsts neuer Ausstellung „Treasures from the Wreck of the Unbelievable“, wenn man in die Gesichter der Besucher schaut. Denn wenn man sein Auge einmal kurz abwendet vom achtzehn Meter hohen „Demon with Bowl“, der im Atrium des Palazzo Grassi in Venedig steht, von seinem gigantischen Fuß, seinem gigantischen Bein, seinem gigantischen Penis, dann sieht man um sich herum: Augenaufreißen, Stirnrunzeln, Mundverziehen, Lachen, Kopfschütteln, Ekel, Erschöpfung. Was das nun schon wieder soll, grummelt ein Mann, auf keinen Fall werde sie ihre Meinung zu Hirst ändern, meckert eine Frau. Eines kann man über diese Schau mit Sicherheit sagen: Unberührt lässt sie niemanden.

          Alles Weitere ist eine Frage des guten Willens. Oder, wie der Künstler und seine Kuratorin Elena Geuna es ausdrücken: eine Frage des Glaubens. Denn um die Frage, wie viel zu glauben wir bereit sind, geht es in dieser megalomanen Schau, die sich in Venedig über zwei Privatmuseen, François Pinaults Palazzo Grassi und die Punta della Dogana, erstreckt. „Irgendwo zwischen Lüge und Wahrheit liegt die Wahrheit“, steht über der Eingangstür zum ersten Ausstellungsraum in Pinaults Punta, und dieser Kategorienfehler soll den Besucher leiten durch das Spektakel, das folgt. Das Verwirrspiel beginnt schon beim Künstler selbst. Wo Damien Hirst bisher als Meister der zeitgenössischen Vanitas auftrat, der sich einen Spaß daraus machte, die Spekulationslust des Kunstmarkts auszunutzen, zeigt er sich nun in der Rolle des Mythomanen. Die Geschichte, die hier erzählt wird, geht folgendermaßen: Es war einmal, vor langer, langer Zeit, ein befreiter Sklave aus Antioch, der auf den Namen Cif Amotan II hörte.

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          Amotan wurde zu einem schwerreichen Mann, vor allem aber zu einem leidenschaftlichen Sammler, vielleicht dem größten, den es je gab. Und wie jeder Sammler, der etwas auf sich hält, wollte auch er sich sein Museum errichten. Ein Tempel stand schon bereit, und so verfrachtete er eines Tages all seine Schätze auf ein Schiff, das so groß und kräftig war wie nie eines zuvor. Dummerweise versank die „Apistos“ (übersetzt: „die Unglaubliche“) trotzdem aus bislang ungeklärten Gründen auf halbem Wege mitsamt ihrer kostbaren Fracht im Indischen Ozean. Zweitausend Jahre lang lag sie dort auf dem Meeresgrund, bis sie 2008 entdeckt wurde. Hier kommt nun endlich Hirst ins Spiel. Der Geschichte nach wurde er damals kontaktiert, also kurz nach seiner legendären Auktion bei Sotheby’s, die ihm 111 Millionen Pfund einbrachte. Man bat ihn, sich finanziell an der Bergung dieser Jahrhundertsammlung zu beteiligen, was er tat.

          Die in Venedig ausgestellten Stücke seien Amotans Schatz, heißt es, zum Beweis werden in den Vorräumen der Punta della Dogana Videos gezeigt, die dokumentieren, wie einzelne Stücke, etwa ein goldglänzender Sonnenschild, aus den dunklen Tiefen des Ozeans gefischt werden. Hier kommt man kurz ins Träumen – doch dann steht man in der ersten Ausstellungshalle vor einem vier Meter hohen, aztekisch aussehenden Kalenderstein, einer Skulptur einer nackten Taucherin mit gigantischen Brüsten und der einer Kriegerin auf den Schultern eines Bären, und versteht schneller, als es der Ausstellung guttut: Das alles hier ist fake. Zwar sind alle Skulpturen, die als Stein ausgewiesen, aber eigentlich aus Bronze sind, mit rot, violett, und blauleuchtenden Korallen und Muscheln beklebt, nur sehen die bei näherem Hinsehen weniger nach erhärtetem Leben als nach bemaltem Gips aus. Sie lassen kaum einen Zweifel daran, dass sie weder alt sind, noch Jahrtausende auf dem Meeresgrund lagen, noch sonst irgendwie mit dieser Geschichte zu tun haben, sondern vom Künstler und seinen Gehilfen selbst entworfen und angefertigt wurden.

          So geht es über viele Räume und Hallen weiter. Zu sehen sind Skulpturen von nackten Frauen, die Löwen an der Leine führen, Muscheln, die so groß sind, dass man sich in sie hineinlegen könnte, ein Torso, der mehr nach zwanzigstem Jahrhundert und Barbie-Puppe als nach Antike aussieht, diverse ägyptische Götter und Göttinnen. Wir treffen Chronos, der seine Kinder verzehrt, den Minotaurus, der eine Frau vergewaltigt, diverse Medusenhäupter aus Marmor, Kristall und Malachit, die in ihrem Ausdruck des Entsetzens mal mehr an Rubens, mal an Caravaggio erinnern. Und weil Amotan, wie es heißt, nicht nur Kunst, sondern auch Artefakte sammelte, liegen Schmuck, Schwerter, Tassen, Schüsseln und Münzen in Vitrinen, wie sonst in kulturhistorischen Museen.

          Es scheint fast, als wolle Hirst, der noch nie anders als spektakulär konnte, sich hier ein ganz eigenes Kunst- und Kulturmuseum erschaffen. Eine Kreuzung aus Metropolitan und British Museum, in dem er die Geschichte der Kunst und unserer Kultur einfach noch einmal erzählt und verfremdet. Manchmal, indem er die Kulturen wild durchmischt, etwa wenn die fast sechs Meter hohe Hydra nicht gegen Herakles, sondern gegen die indische Göttin Kali und ihre vielen, mit Schwertern bestückten Arme kämpft. Manchmal, indem er zwei Epochen miteinander konfrontiert: So ist das Seemonster, das Poseidon schickt, um die an einen Fels gekettete Andromeda zu verschlingen, kein gewöhnliches Seemonster, sondern Steven Spielbergs „Weißer Hai“.

          Solche Gags findet man unzählige, je nach popkultureller Prägung wird man sie erkennen oder nicht. Hinter der ägyptischen Gottheit Aton verbirgt sich zum Beispiel die Sängerin Rihanna (zu erkennen an ihren Tätowierungen), für die kleine goldene Büste der Göttin Hathor stand Kate Moss Modell, der „Unbekannte Pharao“ aus Marmor erinnert stark an den Sänger Pharrell Williams, während „Tadukheba“ wohl auf die Schauspielerin Sienna Miller verweist.

          Damien Hirst, von dem man seit der berühmten Auktion kaum noch etwas gehört hat, arbeitete die letzten zehn Jahre an dieser Ausstellung. Sie soll sein großes Comeback werden. Ob das gelingen wird, ist die Frage. Natürlich sind die monumentalen, teilweise mehrere Etagen hohen Figuren auf eine erschlagende Weise beeindruckend, und natürlich schließt Hirst mit seiner Präsentation einer alternativen Wahrheit und der Reflexion über unseren Willen, an Dinge zu glauben, die ganz offensichtlich falsch sind, an eine hochaktuelle Debatte an. Nur verliert sich dieser gute Ansatz in der Fülle und der Gigantomanie und dem Kitsch des Werks. Dass er selbst in seiner Inszenierung als „der Sammler“ erscheint, ist unfreiwillig bezeichnend: Die Legende des Mannes, der es zu großem Reichtum bringt, alles auf ein Schiff setzt und alles in einem Sturm verliert, kann man auch als Hirsts eigene Geschichte lesen.

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