31.03.2008 · In Paris ist die bislang teuerste Comic-Zeichnung zugeschlagen worden: Für 764.218 Euro (inklusive Aufgeld) erwarb ein bisher unbekannt gebliebener Käufer das 1932 entstandene Titelbild für den „Tim und Struppi“-Band „Tim in Amerika“.
Von Andreas PlatthausAm Samstag ist in Paris beim Auktionshaus Artcurial die bislang teuerste Comic-Zeichnung zugeschlagen worden: Für 764.218 Euro (inklusive Aufgeld) erwarb ein bisher unbekannt gebliebener Käufer das 1932 entstandene Titelbild für den „Tim und Struppi“-Band „Tim in Amerika“. Geschätzt war die zweiunddreißig Zentimeter im Quadrat messende farbige Gouache bereits auf 280.000 Euro. Schon das wäre ein zuvor nie erreichter Preis für ein Comic-Original gewesen.
Es steht außer Frage, dass es sich bei der Zeichnung um eine Rarität höchsten Ranges handelt. Der 1907 geborene und 1983 gestorbene belgische Zeichner Georges Remi, der unter dem Pseudonym Hergé arbeitete, war ein Perfektionist, der viele seiner frühen Geschichten - die Serie „Tim und Struppi“ begann er 1929 - später überarbeitete, weshalb es sehr wenige erhaltene Originale aus den Anfangsjahren gibt, wovon die meisten sich zudem im Besitz der Fondation Hergé befinden, die den Nachlass des Künstlers verwaltet.
Wichtigster Vertreter seines Genres
Auch „Tim in Amerika“ unterlief in den vierziger Jahren eine Revision, und seitdem erscheint das Album nicht nur mit neu gezeichneter Handlung, sondern auch mit einem anderen als dem jetzt versteigerten Titelbild, das damals nicht mehr Hergés zeichnerischer Entwicklung entsprach. Nur deshalb dürfte das Blatt überhaupt seinen Besitz verlassen haben. Hergé gilt im comicverrückten Frankreich als wichtigster Vertreter seines Genres, und Originalseiten aus seinen Bänden hatten in den letzten Jahren außerhalb des Auktionshandels bereits sechsstellige Summen erreicht.
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Mit dem Pariser Ergebnis hat nun auch der Handel mit Comic-Originalen Dimensionen erreicht, die noch vor Jahresfrist außerhalb aller Vorstellungen lagen. Damals hatte das großformatige Bild „Bleu Sang (Elle)“ des 1951 geborenen französischen Zeichners Enki Bilal gleichfalls bei Artcurial einen Preis von 177.000 Euro erzielt. Dabei allerdings handelte es sich um ein freies Motiv, das zwar ästhetisch an die Comic-Zeichnungen des auch als Filmregisseur erfolgreichen Bilal anknüpfte, aber 1994 schon eigens für eine Kunstausstellung geschaffen worden war. Der Erfolg dieses Bildes hatte zur Folge, dass auch für die jetzt durchgeführte Auktion wieder zahlreiche Bilal-Werke eingereicht wurden, und eines davon, eine Seite aus dem auch in Deutschland erschienenen Comic-Zyklus „Der Schlaf des Monsters“, wurde ebenfalls für einen sechsstelligen Betrag zugeschlagen; fast 175.000 Euro war sie einem anonymen Käufer wert.
Gerade erst zwei Jahre alt
Dieses Resultat ist noch überraschender als die Dreiviertelmillion für das emblematische Hergé-Bild. Denn Bilals Seite stammt aus dem Abschlussband des „Monster“-Zyklus, aus „Rendezvous in Paris“, und ist somit gerade einmal zwei Jahre alt. Zudem ist sie nicht einmal komplett, denn auf dem nun verkauften Original fehlen die Textelemente. Bilal stellt seit einigen Jahren seine Comics erst im Computer aus separat gezeichneten Bildern zusammen, die dann noch um die Texte ergänzt werden. Durch dieses Montageverfahren gibt es aus „Schlaf des Monsters“ gar keine vollständigen Originalseiten mehr, doch dem Galeristen des Künstlers war es gelungen, drei Einzelbilder zusammenzubekommen, aus denen die nun versteigerte Seite rekonstruiert werden konnte. Sie könnte die einzige aus dem Zyklus bleiben, die man jeweils als Original zu sehen bekommt. Aber auch eine weitere Bilal-Seite von 1986 brachte mehr als 100.000 Euro.
Solche Preise sind für die Werke eines noch relativ jungen Comic-Zeichners einmalig. In den Vereinigten Staaten, lange Zeit Vorreiter beim Sammeln solcher Originale, kommen Spitzenstücke der populärsten neueren Serien nicht annähernd in ähnliche Bereiche. Sechsstellige Dollarsummen sind bislang nur bei Werken von Altmeistern wie Charles Schulz oder Robert Crumb erreicht worden - und auch nur knapp.
Charakter eines Tafelbildes
Die Ergebnis für Bilals Seite und Hergés Titelbild zeigen, dass es weniger typische Comic-Arbeiten sind, die nun in Europa für Höchstpreise sorgen, als Werke, die auf die klassischen Sehgewohnheiten der Kunstfreunde Rücksicht nehmen. Bilals Bilder, aus denen seine Seite zusammengestellt wurde, sind jeweils als aufwendige farbige Acrylgemälde gestaltet und dementsprechend plakativ.
Und Hergés Kleinformat hat den Charakter eines Tafelbildes. Im Katalog wurde es mit Arbeiten von Roy Lichtenstein und Keith Haring verglichen, obwohl es diesen zeitlich weit vorausging. Das Bemühen um solche Vergleiche mit als etabliert geltenden Malern zeigt, dass es selbst in Frankreich noch ein Rechtfertigungsbedürfnis für Comic-Kunst gibt. Das aber dürfte sich angesichts der Preisexplosion nun ebenso ändern, wie es vor einigen Jahren bei der Fotografie der Fall war.
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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