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Clintons Bibliothek Zutritt für Freund und Feind von Bill

22.11.2004 ·  Bill Clinton ist zu Lebzeiten historisch geworden. Ein Hauch von Glück weht durch das neueröffnete William J. Clinton Presidential Center - die größte, gelungenste und kühnste der Präsidentenbibliotheken.

Von Jordan Mejias, Little Rock
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Sie saßen im Regen und lächelten. Sie saßen auch vorher schon im zumindest metaphorischen Regen, seit dem verflixten 2. November, um genau zu sein, aber sie lächelten erst jetzt. Sie lächelten voller Glückseligkeit, als hätte es keinen 2. November gegeben, als hätte einer der Ihren die Wahl für sich entschieden, nicht Kerry, nein, als wäre vielmehr William Jefferson Clinton zum dritten Mal ins Weiße Haus gewählt worden.

Und so etwas Ähnliches fand nun ja auch statt. Dreißigtausend Zuschauer, unter ihnen die gesamte demokratische Polit-Elite Washingtons und dazu FOBs, lies: Friends of Bill, wie Barbra Streisand und Robin Williams, waren die bis auf die Haut durchnäßten Zeugen der dritten Amtseinführung des 42. Präsidenten. Er ist von nun an nicht mehr aufs Weiße Haus in Washington angewiesen. Er hat seinen eigenen, viel spektakuläreren Amtssitz. Er ist zu Lebzeiten historisch geworden.

Er läßt alle anderen vergessen

Das Lächeln der Demokraten ist also nostalgisch getönt. Es ist gar nicht anders denkbar, sobald ihr Bill vors Publikum tritt. Denn die militärischen Rituale und Gesänge, die Popeinlagen von Bono und seinem Gitarristen The Edge, von Gospelchören und einer putzigen kolumbianischen Kindergruppe, die Rezitation einer staatlich anerkannten Poetin, die Lebensbeichten von sechs Männern und Frauen, deren Schicksal er mit seiner Politik prägte, sogar der Zuspruch der Kollegen Carter, Bush und Bush sowie seiner Ehefrau Hillary - mithin all die Darbietungen, die seinem Auftritt vorangingen, waren vergessen nach ein paar Worten von seinen Lippen. Das aber liegt nicht allein am rhetorischen Talent des Politikers, wie ihn derart begnadet auch Amerika nur alle Jubeljahre einmal erlebt.

Clinton weiß das Dilemma der Demokraten und ihre Rettung in einem einzigen Gedanken unterzubringen. Nach seiner ebenso simplen wie genialen Analyse neigt in idealer Ausprägung der Konservativismus dazu, Grenzen abzustecken, die nicht überschritten werden sollten, während der Progressivismus sie einreißen will, weil sie nicht länger nützlich sind oder nie hätten errichtet werden dürfen. Wer die nächste Wahl gewinnen will, muß darum wissen, wo Grenzen zu ziehen und wo sie zu sprengen sind. Er hat es vorgemacht, er hat zweimal gewonnen. Jetzt verleiht er mit der Erinnerung daran seinen Parteigenossen Mut. Die Washingtoner Entmachtung der Demokraten muß nicht ewig dauern. Wie sollen die dreißigtausend da nicht lächeln?

Autoritäre große Kunst

Clintons Bibliothek

Es gibt jedoch noch einen weiteren Grund für ihr Glück im Regen. Sie lächeln, weil ihnen das Gebäude, für dessen Einweihung sie auch gekommen sind, keine andere Wahl läßt. Große Kunst kann so autoritär sein, und das William J. Clinton Presidential Center gehört in diese Kategorie. Unter den zwölf amtlich beglaubigten und demnach von den National Archives verwalteten Presidential Libraries ist sie die mit Abstand größte, gelungenste, kühnste und architektonisch bestechendste. Sie ist mit 165 Millionen Dollar Baukosten auch die teuerste. Was zunächst einmal Clintons dauerhaftes Talent bestätigt, private Geldquellen sprudeln zu lassen. Die Bundesregierung schaute bloß wohlwollend zu, wird sich aber an den Unterhaltskosten beteiligen.

Presidential Libraries sind gewöhnlich Orte amerikanischer Selbstvergewisserung im Zeichen der Tradition. Sie wollen gern den Eindruck erwecken, als hätte Thomas Jefferson, der Baumeister seines Landsitzes Monticello und der University of Virginia, mit am Reißbrett gestanden. Zu den regelbestätigenden Ausnahmen zählen Lyndon B. Johnsons modernistischer Gedenktempel in Austin, Texas, und der klar gegliederte Bau, den I. M. Pei 1979 zu Ehren John F. Kennedys in Boston enthüllte.

Brücke zum einundzwanzigsten Jahrhundert

Aber auch Peis strenge Geometrik muß nun im Vergleich mit der Clinton Library geradezu brav erscheinen. Der New Yorker Polshek Partnership, einem Architekturbüro, das der klassischen Moderne immer wieder neue Variationen in Glas und Stahl abgewinnt, ist eine Konstruktion gelungen, die nur schwer als Haus, Bau oder Gebäude zu bezeichnen wäre. Clinton hat mit dem Gespür des treffsicheren Populisten in dem langgestreckten Glascontainer sogleich eine Brücke erkannt, und zwar die aus seinen Wahlkämpfen bekannte Brücke zum einundzwanzigsten Jahrhundert.

Wenigstens hat da kein Architekt seine Architektur mit Metaphorik in Bedrängnis gebracht. Im Gegensatz aber zu dem geplanten New Yorker Freiheitsturm, dem Daniel Libeskind die revolutionäre Höhe von 1776 Fuß nicht ersparen mag, geht dem Brückencharakter der Clinton Library keine interpretatorische Schaumschlägerei voraus. Sie ist das Echo einer malerisch angerosteten, längst unbenutzten Eisenbahnbrücke, die direkt neben ihr den Arkansas River überspannt und mit ihrem industriellen Stahlfachwerk die Phantasie der Architekten beflügelte. Das Gerippe der alten Brücke setzt sich hinter indiskreten Glasvorhängen im massiven Stahlskelett des neuen Brückenobjekts fort, eines transparenten Balkens, der über einem Steinpodest schwebt und sich erst kurz vor dem Fluß einen stählernen Pylon genehmigt.

Brisante Fragen

In ihrer Zielrichtung sind die beiden Brücken apart gegeneinander verschoben, und das ist den Architekten nicht weniger zu verdanken als einem wohlgesinnten Zufall, der gleich zwei Straßenraster, wie sie die Stadt Little Rock im Verlauf ihrer doch schon fast dreihundertjährigen Geschichte anlegte, zur Auswahl bot. Wenn über soviel planerische Delikatesse und ästhetische Subtilität offenbar auch regennasse Demokraten ins Schwärmen und Lächeln geraten, erheben sich freilich brisante Fragen: Führen sie damit nicht abermals vor, wie sehr sie sich in ihrem elitären, urbanen Geschmack von den viel bodenständigeren Vorlieben der, wie wir inzwischen wissen, wahlentscheidenden Landbevölkerung entfernt haben? Was können sie mit einer so unverstellt modernistischen Struktur gegen den heimeligen Traditionalismus der Republikaner ausrichten? Wozu die avantgardistische Übung in einem Landstrich, der es sich lieber in seiner Vergangenheit behaglich macht?

Wiederum mußte der große Populist zu Hilfe kommen. Clinton zeigte sich entzückt über den Kommentar eines Kritikers, der statt einer Brücke einen glorifizierten Wohnwagen zu erblicken meinte. Wohnwagen, in amerikanischen Landen noch häufig Wohngelegenheiten auf Dauer, sind immerhin Symbole einer Wählerschicht, um die sich die Demokraten fortan viel intensiver kümmern wollen. Und sie verweisen auf die bescheidene Herkunft eines Mannes, der hier in Little Rock, der nicht einmal zweihunderttausend Einwohner zählenden Hauptstadt des sehr ländlichen Bundesstaats Arkansas, zwar als Gouverneur waltete und es anschließend in der Ferne noch ein bißchen weiter brachte, aber im nahen Hot Springs zur Schule ging, nachdem er schicksalhaft in Hope das Licht der Welt erblickt hatte.

Aufgebockter Super-Luxus-Wohnwagen

Hoffnung kann er mit seinem hochgestemmten, aufgebockten Super-Luxus-Wohnwagen nun auch all jenen machen, die noch in einem Standardmodell untergebracht sind. So raffiniert in die Lokalgeschichte verwoben, hat selbst die sich abstrakt gebende und fühlende Moderne eine Chance, eine gewisse Popularität zu erlangen. Spätestens, wenn Besucher aus den Südstaaten zwischen den gigantischen Glasvorhängen wie auf einer ihrer vertrauten Veranden lustwandeln und dabei ihre Blicke über den Arkansas River ins hügelige Grün schweifen lassen, werden sie sich bei den Clintons wie zu Hause fühlen. Auf die Expräsidentenfamilie wartet derweil als gelegentliches Heim ein schickes Penthouse à la Mies, folglich ganz aus Glas, als solle keiner auf den Gedanken kommen, dort droben könne irgendwas zu verbergen sein.

Drinnen, im öffentlichen Teil des Glasbrückenriegels, wird Präsidentenhistorie in der für Presidential Libraries üblichen Mischung aus Heldenverehrung, Weltpolitik und gemütsbewegenden Einblicken ins Privatleben aufbereitet. Natürlich gibt es eine Nachbildung des Oval Office im Originalformat, und am Kabinettstisch im Kabinettszimmer, beides ebenfalls eins zu eins kopiert, können Besucher Platz nehmen, um sich anhand von in die Tischplatte eingelassenen Monitoren interaktiv über die denkwürdigen Entscheidungen von einst zu informieren.

Raum für die Saxophone

Trotz ausführlicher Darstellungen des Wirtschaftsaufschwungs unter Clinton, seiner ökologischen Bemühungen und Friedensinitiativen für Nordirland und den Nahen Osten findet sich Raum für den kugelsicheren Cadillac und eine Phalanx goldglänzender Saxophone. Aufrichtig besorgt haben Republikaner bereits angefragt, ob auch das blaue Kleid in einem Schaukasten auftaucht. Nein, es fehlt, aber die Affäre um die Praktikantin, die es trug, wird gewürdigt, wenn auch aus eher parteiischem Blickwinkel.

Noch keinem Präsidenten wurde jedoch eine so elegante, stilvolle Hommage wie ihm, dem Naturtalent, dem Elvis unter den amerikanischen Staatslenkern, zuteil. Landestypischer Ausstellungsglamour und Anklänge an die doppelstöckige Bibliothek des Trinity College von Dublin, die Clinton aus seiner Zeit als Rhodes-Stipendiat in Erinnerung war, gehen eine exquisite Balance ein. Jenseits von Stilfragen ist das Presidential Center, das nicht nur Touristen und Schulklassen, sondern auch Wissenschaftler anziehen will, kaum minder attraktiv.

Zwanzig Millionen E-Mails

In einem Seitengebäude, das in seiner kompakten Gestalt aus Stein, Beton und Metall die wundersame Brücke verankert und zugleich konterkariert, ist ein Archiv mit zwei Millionen Fotos, achtzig Millionen Dokumentenseiten und mehr als zwanzig Millionen E-Mails untergebracht. In den sorgfältig renovierten Backsteinbau gegenüber, ehemals Endstation der Bahnlinie nach Choctaw, ist die Clinton School of Public Service eingezogen. Diese Zweigstelle der University of Arkansas teilt sich das Gebäude mit der sozial engagierten Clinton Foundation.

Beschäftigen sich Presidential Libraries von Natur aus mit Vergangenem, so macht das Clinton Presidential Center sich in der Gegenwart breit, um ungeniert die Zukunft anzupeilen. Darüber erfindet es den präsidialen Weiheort, der mit Herbert Hoover seine Karriere begann, neu. Schon die Lage, die Clinton für sein grenzüberschreitendes Institut auswählte, ist bezeichnend. Er verschmähte das bisher obligate Idyll und ließ sich mitten in einem verfallenen Industriegebiet nieder, in nächster Nähe zur Innenstadt, die ein nur wenig freundlicheres Bild bot.

Seit Baubeginn fühlen sich Kaufhäuser, Hotels und Restaurants wieder im Aufwind, der Wirtschaft sollen eine Milliarde Dollar zugeflossen sein. Bisweilen scheint es, als wollte sich Little Rock, Amerika und der Welt noch immer im Gedächtnis als Schauplatz einer der bittersten Auseinandersetzungen im Kampf um die Bürgerrechte der Schwarzen, in Clintonland verwandeln. Die Verlängerung der Markham Street, der innerstädtischen Hauptachse, die direkt auf den Eingang des Edelwohnwagens zuläuft, heißt nun President Clinton Avenue. Dreihunderttausend Besucher werden pro Jahr erwartet. Was aber, wenn soviel Hoffnung auch der Mann aus Hope nicht erfüllen könnte? Dann wäre Little Rock dort, wo die Demokraten heute sind. Im tiefen Tal der Tränen. Noch aber besteht Hoffnung, für Little Rock. Lächeln, bitte.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.11.2004, Nr. 273 / Seite 31
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Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

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