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Veröffentlicht: 15.02.2017, 10:46 Uhr

Christos Colorado-Projekt „Stellen Sie sich vor, Trump würde auftauchen!“

Der Künstler Christo hat sein Großprojekt „Over The River“ abgesagt. Im Gespräch erklärt er, warum er lieber darauf verzichtet, als Donald Trump eine Möglichkeit zu geben, sich mit dem Werk zu schmücken.

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© AP Teil einer Installation von Christo. Ein ähnliches Werk hätte im südlichen Colorado entstehen sollen, doch der Künstler entschied sich jetzt dagegen.

Christo, für das Projekt „Over The River“ wollten Sie den Arkansas River in Colorado auf einer Strecke von sechzig Kilometern auf mehreren Abschnitten mit insgesamt elf Kilometern silbrigem Stoff überspannen. Jetzt haben Sie das Projekt abgesagt. Warum?

Kolja Reichert Folgen:

Bei jedem unserer Projekte werden alle Beteiligten unweigerlich Teil des Kunstwerks. Bei der Verhüllung des Reichstags hat uns zum Beispiel Rita Süssmuth, die damals Bundestagspräsidentin war, entscheidend geholfen, Helmut Kohl umzustimmen. Wir konnten nicht zulassen, dass unser neuer Vermieter, die Regierung Trump, vom Projekt profitiert.

Die Idee für das Projekt haben Sie vor fünfundzwanzig Jahren mit Ihrer Frau Jeanne-Claude entwickelt, die 2009 starb. Sie haben fünfzehn Millionen Dollar für Planung, Gerichtsprozesse und Miete ausgegeben. Wie können Sie da loslassen?

44786237 © dpa Vergrößern Eines der von Christo realisierten Großprojekte: „The Floating Piers“ auf dem Lago d’Iseo in Italien im Sommer 2016.

Das Projekt begann Ende der neunziger Jahre während der Clinton-Regierung. Als George Bush an die Macht kam, steckte das Projekt acht Jahre lang fest. Unter Obamas Innenminister Ken Salazar bekamen wir dann 2011 die Erlaubnis. Als die Gegner vor Gericht zogen, hofften wir, das Verfahren würde nicht viel länger als ein Jahr dauern. Jetzt sind wir immer noch vor dem Bundesberufungsgericht. Aber ich habe beschlossen, und Jeanne-Claude hätte genauso entschieden, dass wir das Projekt während der Präsidentschaft von Herrn Trump nicht machen wollen.

Nur weil Ihnen der gewählte Präsident nicht passt, nehmen Sie Hunderttausenden möglichen Besuchern eine einmalige Erfahrung?

Entscheidend ist, was wir selbst denken. Es geht um die Integrität des Werks. Es darf nicht gegen seine Absicht missbraucht werden.

Inwiefern wäre das der Fall?

Stellen Sie sich vor, Trump würde persönlich auftauchen!

Trump interessiert sich doch gar nicht für Kunst.

Wenn so ein Kunstwerk entsteht, würde er trotzdem auftauchen. Als wir 2005 „The Gates“ im Central Park installiert hatten, mussten wir weglaufen, um nicht mit Frau Bush fotografiert zu werden. Sogar Herr Cheney kam! Da mussten wir auch wegrennen. Wahrscheinlich ist die Wirkung des Projekts jetzt viel größer, weil es nicht zustande kommt. Ich habe alle Rechte zu entscheiden, was passiert. Es ist mein Geld.

© Reuters, afp Christos „Floating Piers“ übertreffen alle Erwartungen

Wie bei früheren Projekten haben Sie das Land für „Over The River“ selbst gemietet, diesmal von der Bundesregierung. Sie verzichten auf öffentliche Gelder und Sponsoren und finanzieren alle Ihre Projekte selbst. Warum?

Als wir anfingen, hatten wir keine andere Wahl. Wir waren junge Künstler mit verrückten Ideen, niemand wollte dafür zahlen. Als wir 1962 die Rue Visconti in Paris mit Fässern versperrten oder später die Kunsthalle Bern und das Museum für Zeitgenössische Kunst in Chicago verhüllten, hätten wir natürlich Sammler suchen können, die uns Geld geben. Aber am Ende haben wir entschieden: Wenn du dein eigenes Geld einsetzt, hast du die volle Freiheit.

1970 haben Sie Ihre eigene Firma gegründet, die CVJ Corporation. Wie gehen Sie ein Projekt wie „Over The River“ an?

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Für „Over The River“ haben wir eine eigene Firma gegründet, die Aufträge an Spezialisten und Subunternehmen vergibt. Wir mussten spezielle Anwälte bezahlen, die uns bei der Lobbyarbeit in Washington beraten haben. Wir haben Ingenieure und andere Experten bezahlt, die in einem 4000-Seiten-Dokument genau dargelegt haben, wie viele Besucher kommen würden, wie die Rafting-Anbieter profitieren würden und so weiter. Das hat uns viereinhalb Millionen Dollar gekostet. Diese Studien werden sonst von Öl- oder Bergbaukonzernen vorgelegt. Es ist das erste Mal, dass das für ein Kunstwerk gemacht wurde.

44795422 © dpa Vergrößern Christo Mitte Februar in Berlin

Was gefällt Ihnen an diesen zähen bürokratischen Prozessen?

Das ist die Seele des Werks! Jedes Projekt ist ein gewaltiges Abenteuer, und wir wissen nie, wie wir es umsetzen können. Jeanne-Claude und ich lieben es, Menschen zu treffen und unsere Projekte zu diskutieren. Ich finde, Kunst ist heute so unecht, so virtuell. Es ist gar nichts, es geht nur um Illustration und Unterhaltung. Wenn du dagegen wirkliche Dinge machst, spürst du deren Energie.

Sie sagen, eine Firma zu betreiben gebe Ihnen völlige Freiheit. Muss man im Kapitalismus Kapitalist sein, um frei zu sein?

Ja. Ich komme aus dem kommunistischen Bulgarien, ich bin studierter Marxist. Ich nutze den Kapitalismus bis ins Kleinste aus. Ganz zynisch setze ich dieselben rechtlichen Mittel ein, arbeite mit Versicherungen und Banken. Das ist die einzige Möglichkeit. Unsere Projekte sind so irrational, es ist unmöglich, rational denkende Menschen von ihnen zu überzeugen, wenn man nicht selbst rational vorgeht. Niemand konnte glauben, dass wir keinen Eintritt für die „Floating Piers“ verlangten.

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Sie sprechen von den in orangefarbenen Stoff gehüllten Brücken, die Sie im letzten Sommer über den Iseo-See in der Lombardei gelegt haben. Wie können Sie so etwas selbst finanzieren?

Über den Verkauf unserer Entwurfszeichnungen, aber auch von frühen Objekten, die seit den späten fünfziger Jahren entstanden und inzwischen sehr wertvoll sind. Wir haben selbst die größte Sammlung unserer eigenen Kunst. Noch bevor Jeanne-Claude starb, haben wir alles in einem Archiv in Basel zusammengeführt. Dort sind Ausstellungen zu jedem unserer Projekte aufgebaut mit bis zu fünfhundert einzelnen Arbeiten.

Sie sprechen so sachlich über Ihre Kunst wie ein Ingenieur. Wenn Sie die Mastaba in der Wüste von Abu Dhabi planen, eine Skulptur mit Wänden aus 410000 Ölfässern, höher als die Pyramiden von Gizeh, spüren Sie dann eigentlich noch Ehrfurcht vor den Dimensionen?

Nein, nie. Die Dimensionen sind sehr bescheiden. Leute bauen viel größere Dinge, Wolkenkratzer, Brücken, Flughäfen.

Und ist die Absage von „Over The River“ nun eine künstlerische oder eine politische Geste?

Es ist eine ästhetische Entscheidung.

Glosse

Leidet Trump?

Von Christian Geyer

Ob das, was Donald Trump so tut, noch normal ist oder nicht, das wird kein Psychiater beurteilen können – so lange sich der Präsident nicht selbst einweist. Mehr 0

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