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Chinesische Kunst in Berlin : Wir lassen das mal offen

Auch eine andere, viel brisantere Arbeit von Zhao Zhao ist in Berlin zu sehen: Zwei Fotos zeigen einen Pflasterstein, Zhao Zhao hatte ihn, als Hommage an den Geist von 1968 und an die Opfer des Tiananmen-Massakers, mit Multikomponentenkleber auf den Platz des Himmlischen Friedens geklebt und fotografiert. Kein Saaltext erklärt in der Berliner Ausstellung, was es mit dem Stein auf sich hat. Im Katalog ist die Arbeit gar nicht aufgeführt, die Repressalien gegen Zhao Zhao werden verschwiegen.

Angesichts dieser Repressalien ist es erstaunlich, dass der Stein 2008 sogar in Peking noch gezeigt werden konnte. Wie kann das sein? Nun gibt es kaum Kunst, die in China unter keinen Umständen gezeigt werden kann. Verbote und Repressalien sind kontextabhängig. In einem Kunstraum in einem Pekinger Vorort kann eine Arbeit über den Tiananmen ohne weiteres gezeigt werden, in der Nähe des Platzes oder zum 25.Jahrestag des Tiananmen-Massaker am kommenden 3.Juni nicht. So gesehen, gibt es in China keine „verbotene Kunst“, ebenso wie es nicht „den“ chinesischen Machtapparat gibt, sondern eine keinesfalls homogene Parteiführung und eine politische Leitungskaste, in der es Hardliner und Reformer gibt und Leute, die Ai Weiwei lieber im Gefängnis sähen, ebenso wie liberale und tolerante Politiker.

Künstlerische Freiheit, aber leider nicht für alle

Es ist aber mutig, daraus zu destillieren, dass in Peking eine „überraschende Freiheit künstlerischer Produktion“ herrsche, wie die Kuratoren im Ausstellungskatalog befinden. Dabei würden von den chinesischen Künstlern brisante Sujets wie „die Segnungen und Scheußlichkeiten des Hyperkapitalismus“ thematisiert. Über die Scheußlichkeiten eines autoritären politischen Regimes, das Künstler einschüchtert, bedroht und ihnen die Ausreise verweigert, gibt es im Pressetext kein Wort; immerhin erwähnt Schmid das Tiananmen-Massaker kurz im Katalog. Zhao Zhaos Stein sucht man dort aber vergeblich.

Sicher: Man muss, wenn man den chinesischen Botschafter bei der Eröffnung unbedingt dabeihaben will, diplomatisch sein. Es ist aber auch hier die Frage, wann Diplomatie in Feigheit umschlägt. Für die Ausstellung sind die diplomatischen Leitplanken deswegen so schade, weil es wichtig wäre, chinesische Gegenwartskunst anders zu zeigen, als das in Peking möglich ist, und man fragt sich, wie die Schau, die ja interessante, entdeckenswerte Künstler zeigt, geworden wäre, wenn sie nicht im Magnetfeld der Feierlichkeiten zu zwanzig Jahren Städtepartnerschaft zwischen Berlin und Peking hätte stattfinden müssen.

Am Eröffnungsabend war all das kein Thema. Häppchen wurden serviert, vor Zhao Zhaos Steinfotos umarmte Hermann Parzinger den zurückgetretenen Kulturstaatssekretär André Schmitz. Am nächsten Tag wurde gemeldet, dass das „Cultural Office“, eine chinesische Regierungsstelle, Ai Weiweis Werk aus der Gruppen-Schau zum fünfzehnjährigen Jubiläum des Chinese Contemporary Art Award in Schanghai hatte entfernen lassen. „Überraschende Freiheit künstlerischer Produktion“! Nur leider eben nicht für alle.

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