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Chinesische Künstler : Es gibt nicht nur Ai Weiwei

In Berlin wurde am Abend die große Ai-Weiwei-Ausstellung eröffnet. Wie geht es den anderen Gegenwartskünstlern in China – und wer setzt sich für ihre Rechte ein?

          Als der chinesische Präsident Xi Jinping vor ein paar Tagen mit einer beeindruckend vielköpfigen Wirtschaftsdelegation nach Berlin anreiste, war die Stadt bereits gepflastert mit großen Plakaten, auf denen ein Chinese zu sehen ist, der nicht zu Xis engerem Freundeskreis gehört. Die Plakate zeigen Ai Weiwei. Er ist der bekannteste unter Chinas Gegenwartskünstlern und einer der prominentesten Menschenrechtsaktivisten seines Landes.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Leidensgeschichte des Künstlers, dem der Berliner Gropiusbau ab morgen eine Ausstellung widmet, ist bekannt: Ai wurde fast totgeprügelt, als er sich für die Hinterbliebenen der Kinder einsetzte, die bei einem Erdbeben in nachlässig gebauten staatlichen Schulen starben, und den Korruptionsskandal öffentlich machte. Er wurde drangsaliert, verschleppt, unter Hausarrest gestellt. Mittlerweile darf er sich frei in China bewegen, wobei „frei“ in Ais Fall bedeutet: beschattet von Leuten, die Aufnahmen des Kinderzimmers seines Sohnes bei sich führen. Zur Ausstellungseröffnung wird er nicht anreisen können.

          Seit Wochen schon wird im Fernsehen und in Magazinen Ais Geschichte wieder und wieder erzählt, ganze Kohorten von Journalisten pilgerten in sein Atelier, in der westlichen Welt hat Ai heute einen Status wie früher Nelson Mandela: Ai steht im Westen für das bessere China – als Aktivist und als Künstler, der sich kritisch mit den Verwüstungen der rabiaten Modernisierung des Landes befasst, sich für Ai einzusetzen, ist fast eine Art Ablasshandel geworden.

          Was ist mit den anderen Künstlern?

          Politiker geben Solidaritätsadressen für Ai Weiwei ab wie sündige Katholiken einen Groschen in die Kollekte und gehen danach in aller Seelenruhe mit der Wirtschaftsdelegation aus Peking essen. Hat Angela Merkel den Fall Ai bei Xi angesprochen? Das Bundespresseamt konnte es bis zum Andruck dieser Zeitung nicht herausfinden.

          Jede Unterstützung für Ai ist nötig und gerechtfertigt, und für seine Stilisierung im westlichen Kunstmarkt zur Verkörperung eines guten, traditionsbewussten Chinas kann er am wenigsten. Nur: Warum beschränkt man sich, mit Ausstellungen und Solidaritätsadressen, so ausschließlich auf ihn? Was ist eigentlich mit den vielen anderen Künstler, die in China arbeiten: Können sie ungehindert ausstellen? Werden sie ähnlich drangsaliert? Wer sind sie überhaupt? Gibt es, wenn schon der prominenteste chinesische Künstler derart schikaniert und eingeschüchtert wird, überhaupt noch eine freie chinesische Gegenwartskunst, die über harmlose Grinsekopfmotive hinausgeht?

          Es gibt sie – nur wird sie in der westlichen Welt viel zu wenig ausgestellt. Zum Beispiel der 1982 geborene Zhao Zhao: Eine seiner besten Arbeiten stellte er noch 2008, im Jahr der Olympischen Spiele, als China sich weltoffen gab, in Peking aus. Es war ein Foto, auf dem man einen Pflasterstein sah. Zhao Zhao hatte ihn, als Hommage an den Geist von 1968 und an die Opfer des Tiananmen-Massakers, mit Flugzeugkomponentenkleber auf den Platz des Himmlischen Friedens geklebt und fotografiert, was dann passierte: Es entfaltetet sich große Ratlosigkeit bei den Ordnungshütern, was das zu bedeuten habe.

          Politik der Einschüchterung legt die Kunstwelt lahm

          Solche anarchischen Fluxus-Spiele wären heute nicht mehr denkbar. Eine Plastik von Zhao Zhao, die gestürzte Statue eines Polizisten, wurde beschlagnahmt, Zhao Zhao sollte für ihre Zerstörung aufkommen. Der Galerist Alexander Ochs, der ihn in Berlin vertritt, hat mittlerweile seine Filiale in Peking geschlossen – auch, wie er im Gespräch mit dieser Zeitung erklärt, „wegen der Repressalien gegen Zhao Zhao“.

          Das Klima ist für die Wirtschaft freundlicher, für die Kunst finsterer geworden: Am Beispiel Ais wird vorgeführt, wie es einem ergeht, wenn man sich politisiert. Die Politik der Einschüchterung legt eine ganze Kunstwelt lahm – und nicht nur sie: Seit Xi sein Amt antrat, wurden so viele Bürgerrechtler wie seit dem Tiananmen-Aufstand nicht mehr festgenommen. Die Menschenrechtlerin Cao Shunli starb, die Behörden hatten ihr den Krankenhausaufenthalt zu lange verweigert. Dem Wirtschaftswissenschaftler Ilham Tohti, der sich für die Uiguren einsetzt, droht die Todesstrafe, sogar seine Kinder wurden schikaniert.

          Die chinesischen Künstler, die sich dennoch nicht einschüchtern lassen und großartige, anarchische Arbeiten schaffen, hätten ähnlich große, von der Bundesrepublik mitfinanzierte Museumsausstellungen verdient wie Ai – und ähnliche Solidaritätsadressen. Wo gibt es sie? Wer setzt sich für die Künstlerin Lui Xia ein, die Frau des Nobelpreisträgers Liu Xiaobo?

          Viel hört man nicht. Vielleicht auch, weil es einfacher ist, in einem Einzelfall auf rechtsstaatliche Behandlung zu drängen, als zu kritisieren, dass gerade Tausende von Künstlern, eine ganze Generation, eingeschüchtert und drangsaliert werden – was die Legitimität des ganzen Systems anzweifeln würde. Und so weit wollen die meisten beim diplomatischen Mittagessen dann doch nicht gehen.

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