Die klandestine Verhaftung Ai Weiweis am 3. April und die pompöse Eröffnung der deutschen Aufklärungsausstellung in Peking sind keine Koinzidenz, sondern Kehrseiten einer Medaille. Auf der einen Seite ist da ein Künstler, der tagaus, tagein von westlichen Medien belagert wurde, um die Wahrheit über China auszuspucken, der sich nie zu schade war, in puncto Herrschaft Stellung zu beziehen, und der sich – viel strapaziertes Konzept in diesen Tagen – tatsächlich und nicht bloß rhetorisch auf die Kunst des Dialogs und interkulturellen Brückenbaus versteht. Dafür muss er sich von Martin Roth, dem Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, als „Popstar“ beschimpfen lassen. (Was bedeutet Ai Weiweis Verhaftung für uns?)
Auf der anderen Seite ist da eine Ausstellung, die ohne Not die kostbarste Errungenschaft des Westens am Platz des himmlischen Friedens verschachert und, auch das eine Kunst, diesen Ausverkauf selbst finanziert. Das eigene deutsche – sprich: gebrochene – Verhältnis zur Aufklärung ist in dieser Ausstellung kein Thema. Und so ist auch der Dialog, den die drei Generaldirektoren bemühen, keiner. Es gibt kein Gegenüber, mit denen die drei reden (ausgenommen „die geschätzten Kolleginnen und Kollegen in Peking“).
Die Graswurzelebene der Goethe-Institute
Dieses „Kulturprojekt“ gehorcht der Logik der Funktionäre und der Vitrine oder besser des Gefrierfachs – eine Logik, der sich Ai Weiwei in seiner vielgestaltigen, stets lebendigen Produktion, zumal mit seinen Blog-Aktivitäten, entzogen hat. Künstler kommen zu ihren Formen nicht zufällig. Ai Weiwei in Dresden und Berlin in effigie mit Objekten zu repräsentieren ist ein Trauerspiel.
Kein intelligenter Mensch wird die Notwendigkeit eines Dialogs zwischen dem Westen und China (und anderen autoritären Regimen) bestreiten. Nur ist auch das eine Frage der Form: Wie sollen staatliche Kulturprojekte aussehen und wie besser nicht? Die Aktivitäten der Goethe-Institute in einen Topf mit der Repräsentationsschau zu werfen ist unzulässig.
Die Goethe-Institute entfalten ihre Wirkung auf der Graswurzelebene, das heißt in enger Korrespondenz mit den lokalen Akteuren. Diese Praxis mag unauffällig sein, ist aber nachhaltiger, und genau da gehört das Geld auch hin. Diese Praxis ist Ai Weiweis eigner Arbeit nicht unähnlich: Zur Documenta 12 nach Kassel ließ er 2007 bekanntlich 1001 Chinesen einfliegen.
Warum die Daumenschrauben angezogen werden
Wer China und die Strukturen des größten Museums der Welt samt seiner kuratorischen Expertise für Geschichtsklitterung kennt, kann dagegen über den kulturpolitischen Rettungsversuch nicht einmal müde lächeln. Hier ist nichts zu retten, hier tut Aufklärung not, und das heißt vor allem: Selbstaufklärung.
Die vollendete Blauäugigkeit der drei Museumsdirektoren, die immerhin die Chuzpe haben zu behaupten, dass „die Verhaftung des prominenten Künstlers Ai Weiwei nicht Ausdruck einer grundsätzlichen Verschlimmerung der Verhältnisse in China“ sei, obgleich alle Beobachter des Landes sich darin einig sind, dass die chinesische Führungsclique ein Überspringen der Jasmin-Revolution fürchtet und daher die Daumenschrauben anzieht – diese vollendete Blauäugigkeit darf kein Fundament deutscher Kulturpolitik sein. Sie ist peinlich und zutiefst beschämend.
Wer hier von Dialog spricht, wählt sich Chamberlain zum kulturpolitischen Gewährsmann. Im Sinne eines echten Dialogs (das ist der mit den zwei Partnern) muss diese Ausstellung abgebrochen werden. Von der großen Kulturnation China, von ihrer erzpragmatischen Führungsclique ebenso wie von unserem Freund Ai Weiwei lässt sich lernen, dass an die Stelle wohlfeiler Phrasen von Individualität und Freiheit hin und wieder die Tat zu treten hat. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, „nein“ zu sagen und die Bilder abzuhängen.
Durs Grünbein
Wo ist Ai Weiwei?
Leg dich nicht mit China an, warnen Freunde. Ich lege mich nicht mit China an, Gott bewahre. Ich will nur wissen: Wo ist Ai Weiwei? Ich spreche nicht die Sprache der Bürokratie, mich kümmert der Staat nicht und seine Hysterie. Künstler sind kluge Affen: sie wollen spielen, sie unterschätzen den blutigen Ernst der Hyänen. Dies ist kein Protestbrief, kein Intellektuellenstück. Nur die Frage des Künstlers: Wo ist Ai Weiwei? (Ich sah ihn zuletzt auf dem Flughafen Tegel.) Er wurde verhaftet auf dem Weg nach Hongkong. Ohne dass er etwas Böses getan hätte. Jemand musste ihn verleumdet haben.
Es gibt keinen politischen Vorwurf, das ist das Neue. Man spricht jetzt von „Wirtschaftsverbrechen“. Aber Vorsicht, Publikum, der Trick ist bekannt: In der DDR hieß es zuletzt nur „Devisenvergehen“. Der Künstler schielt nicht nach Panda-Goldmünzen. Es gibt keinen Dialog, das ist neu. Es gibt das Gesetz. Vor dem Gesetz steht ein Türhüter ... Er trägt einen langen, dünnen, schwarzen tatarischen Bart.
Die Macht will nicht spielen, sie frisst Biographien. Das Mundtotmachen ist ihre bewährte Methode. Mich kümmert der Patriot nicht, der Diplomat. Ich bin ganz unbedacht, ich frage nur: Wo ist Ai Weiwei?
Diese Ausstellung muss abgebrochen werden
(Kurt_Saum)
- 12.04.2011, 13:41 Uhr
"Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" (Kant)
Tom van der Lubbe (tom.vanderlubbe)
- 12.04.2011, 16:31 Uhr
Warum gerade China?
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 12.04.2011, 17:27 Uhr
"FREE AI WEIWEI!" und bessere Kulturpolitik
Werner Hahn (wernerhahn)
- 14.04.2011, 14:05 Uhr