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Sonntag, 12. Februar 2012
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China in der Fotografie Drei Generationen auf 7,3 Quadratmetern

22.05.2006 ·  Ein Ausstellungsabenteuer: Das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt zeigt die Fotoschau „Humanism in China“. Die Sensation dabei: Es handelt sich um reine Dokumentarfotografien, die ungeschminkte Einblicke in den chinesischen Alltag der letzten Jahre gewähren.

Von Andreas Platthaus
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Als fünf deutsche Museumsdirektoren vor zwei Jahren in Schanghai eine Ausstellung über chinesische Gegenwartsfotografie besuchten, wollten sie ihren Augen nicht trauen. Nicht, weil dort eine besonders avantgardistische oder zumindest ungewöhnliche künstlerische Praxis ihren Ausdruck gefunden hätte, sondern weil das genaue Gegenteil geboten wurde: reine Dokumentarfotografie.

Drei chinesische Kuratoren hatten in jahrelanger Recherche quer durch das ganze Land mehr als hunderttausend Negative aus Archiven und Privatbesitz ausgewertet, die besten 590 Aufnahmen dann abziehen lassen und diese Bilder ohne Rücksicht auf jedwede Chronologie thematisch gruppiert. Drei Museen in Guangdong, Schanghai und Peking zeigten die Schau. Sie hieß „Humanism in China“, ausgewiesen war sie als „eine zeitgenössische Bestandsaufnahme der Fotografie“.

Es geht nicht um Denkweisen

Nun gibt es den Begriff „Humanismus“ im Chinesischen nur als englisches Lehnwort, und der Originaltitel der Schau stellt denn auch in unübersetzbarer Weise mehr aufs Allgemein-Menschliche ab, als die hehre und mutmaßlich ohne große Rücksichten auf die ideengeschichtliche Brisanz des Begriffs erarbeitete englische Übersetzung, die der Ausstellung schon in China als zweiter Titel beigegeben war, vermuten ließe. Vor allem aber kaschiert die Rede vom Humanismus die eigentliche Sensation der Schau: die Betonung des Individuums und seines Schicksals. Es geht gerade nicht mehr um Denkweisen.

In chinesischem Verständnis sind Masse und einzelner zwar nicht so simpel zu trennen wie im Westen, aber die Bildsprache der gezeigten Fotografien ist eine, die an jene Kunst denken läßt, die unter Exilanten in den abgelegenen chinesischen Provinzen des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts entstand. Das waren emblematische Darstellungen, die erst durch die Betitelung den vollen Gehalt der meist von großer poetischer Schönheit erfüllten Bilder offenlegten.

Titel auf schmalen Holzleisten

So ist es auch bei „Humanism in China“. Jedem Bild ist neben Ort und Datum auch eine kurze Beschreibung des Motivs beigegeben. Und durch sie bekommt manche auf den ersten Blick nur virtuose Aufnahme erst ihre wahre Brisanz. So das vom „Mann, der in den Westen gegangen ist, um Geld zu machen“. In seinen Armen hält er einen sterbenden Verwandten. Mehr erfahren wir nicht. Daß der Westen Chinas gerade nicht die Gegend des Landes ist, wo man Geld macht, und deshalb das Bild eines der Verzweiflung ist, die weit über den Moment der Aufnahme hinausgeht - das muß man wissen. Aber ohne die Beschriftung wüßten wir nicht einmal, daß es sich bei dem Elenden um einen Glücksucher handelte.

Von wem die Titel stammen, die unscheinbar auf schmalen Holzleisten unter den fast ausnahmslos in identischer Größe abgezogenen Bildern angebracht wurden, ist unbekannt. Bei manchen darf man die Kuratoren als Autoren vermuten, anderes dürfte sich selbst aus chinesischer Perspektive niemand anderem als dem Fotografen selbst enthüllt haben. Wer weiß schon aus reiner Bildbetrachtung heraus, daß es der lokale rabiate Kader der Kommunistischen Partei war, der einen am Boden liegenden Alten niedergeschlagen hat? Das Bild bleibt auch für Chinesen bewußt uneindeutig, während der Text deutliche Klage führt. Und für deutsche Augen ist die schriftliche Ergänzung in den meisten Fällen ohnehin unentbehrlich zum Verständnis.

Doppelt bemerkenswert

Es werden viele deutsche Augen auf die Bilder blicken, denn die Schau ist von den fünf Direktoren für deren Häuser eingeworben worden - obwohl sie nie für eine Tournee außerhalb Chinas konzipiert war, stimmte Peking zu. Mit dem Museum für Moderne Kunst in Frankfurt, wo seit heute die erste Präsentation geöffnet ist, und den Folgestationen - Staatsgalerie Stuttgart, Pinakothek der Moderne in München, Berliner Museumsinsel und Staatliche Kunstsammlungen in Dresden - ergibt sich ein Quintett der prominentesten deutschen Museen, in deren gängige Ausstellungspraxis das Schema einer dokumentarischen Fotoausstellung allerdings nicht ohne weiteres zu passen scheint. Am ehesten durfte man ein solches Engagement vom Frankfurter MMK erwarten, das sich seit seiner Gründung durch den Ankauf von großen Konvoluten zeitgenössischer Fotografie auszeichnet. Es ist somit konsequent, den Reigen der Ausstellungen hier zu beginnen.

Die Präsentation ist doppelt bemerkenswert, weil es keine deutsche Nachkuratierung der Schau gibt. Udo Kittelmann, Direktor des MMK, spricht deshalb von einem „Ausstellungsdokument“: Die Bilder werden in der Anordnung gezeigt, die für die drei chinesischen Museen und vor allem auch den Original-Katalog gewählt wurde. Deshalb ist die ursprüngliche Publikation mitsamt den langen chinesischen Begleitessays und kurzen englischen Zusammenfassungen noch einmal für das deutsche Publikum aufgelegt und durch eine beigelegte Übersetzung der chinesischen Aufsätze ergänzt worden. Ziel ist die Simulation eines bestimmten Ausstellungserlebnisses für ein vollkommen anderes Publikum - gewagt, aber allemal interessant. Nur um eine Winzigkeit zu kleine Räumlichkeiten des MMK verhinderten, daß es eine genaue Wiedergabe des ursprünglichen Arrangements gab; ansonsten sehen wir nun das, was man auch in China sah.

Eine Leistungsschau

Aber sehen wir es wirklich? Unser Blick ist in diesem Fall der exotische. Daß die Ausstellung daheim Furore gemacht hat, ist wenig überraschend. Es muß ein Schock gewesen sein, Bilder aus dem eigenen Land zu betrachten, die nichts mehr mit den gängigen Propagandafotos einer Nation in immerwährendem Aufbruch zu tun haben. Aids-Spitäler, Drogenentzugskliniken, Arbeitslose, Bettler - all das paßte nicht ins offiziöse Bild von China. Und wenn einiges davon auch noch in der Abteilung „Desire“ zu finden ist - außerdem gibt es noch „Existence“, „Relationship“ und „Time“ -, dann ist der Bruch mit der früheren offiziellen Politik komplett. Aber mittlerweile darf man wohl annehmen, daß Peking weiß, daß Offenheit bei der Debatte innenpolitischer Probleme im Westen gern gesehen wird. Kein Grund also, die Schau zum Politikum zu erklären.

Was sie indes ist: eine Leistungsschau. Selbstverständlich müßte man es schon als Kunst betrachten, bei hunderttausend Bildern nicht ein paar hundert erstklassige zu finden. Doch der souveräne Blick der mehr als zweihundertfünfzig Fotografen, ihre Sicherheit der Bildfindung, ihre universal gültige Ästhetik - das alles darf als Sensation gelten. Man kommt aus dem Schauen nicht mehr heraus und auch nicht aus dem Staunen. Und da zudem, wie beim MMK üblich, das ganze Haus auf das große Thema eingeschworen wurde, ist ein Besuch dieses Auftakts besonders reizvoll. In den anderen Häusern wird es keine Ergänzung von „Humanism in China“ um die auf Grundlage offiziöser Fotos entstandenen Bilder von Thomas Bayrle oder die Dokumentation einer China-Reise durch Barbara Klemm geben. Und auch nicht die klugen Arbeiten von Sege Spitzer, der sich mit seinem chinesischen Kollegen Ai Wei Wei zusammengetan hat, um zwei Säle mit allerdings nur teilglasierten Nachbildungen der teuersten chinesischen Vase zu füllen. Mag sein, daß das wieder traditionellen westlichen Erwartungen entspricht. Aber ein Haus ins Zeichen eines großen Gedankens zu stellen, das ist eine zutiefst chinesische Idee.

Bis 27. August. Der großartige Katalog, vertrieben von der Edition Braus, kostet 35 Euro.

Quelle: F.A.Z., 20.05.2006, Nr. 117 / Seite 33
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