http://www.faz.net/-gqz-9bnz1

Miró-Ausstellung in Spanien : Der Alchemist der Form

Der Adler ist gelandet: Das Centro Botín in Santander von Renzo Piano Bild: Centro Botin

Kunst in Renzo Pianos Ufo: Das neue Centro Botín in der nordspanischen Stadt Santander zeigt mit mehr als hundert Skulpturen den poetischen Formenzauberer Joan Miró.

          Von Joan Mirós Künstlerfreund Alberto Giacometti stammt der Satz, dass der zuletzt gesetzte Punkt auf dessen Bildern diese erst zusammenhält. Giacomettis Beobachtung, Mirós Supernoven aus kalligraphischen Kosmen benötigten notwendigerweise das Schwarze Loch eines Punktes, um uns nicht heillos um die Ohren zu fliegen, war präzise, vielleicht etwas böse. Mehr noch als in Mirós Malerei gibt es aber auch in seiner Bildhauerei immer ein Schwerkraftzentrum, ein punktförmiges Gelenk, oft tatsächlich einen auf langen Strandwanderungen gefundenen Knochen oder Knorpel, der die aus heterogensten Elementen gefügten Skulpturen ausbalanciert. Erstmals werden in einer Ausstellung im Centro Botín in Santander, von der Bank gleichen Namens finanziert, nun nahezu alle Plastiken Mirós aus sechs Dekaden seines Schaffens versammelt, von den zwanziger Jahren bis zu seinem Tod 1983. Dabei ist die Museumshülle selbst eine Skulptur: Der italienische Architekt Renzo Piano hat ein amorphes Gebäude am Rand der auf einer Landzunge gelegenen Stadt und damit zur Hälfte im Atlantik errichtet, das in seiner ufo-artigen Fremdheit alle Blicke auf sich zieht.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Wie ein in der Mitte aufgeschnittener und aufgespießter Laib Alien-Brot klappen die beiden Baukörper um einen neu entstandenen urbanen Platz auf. Durch die Aufständerung wirken die knapp siebentausend Quadratmeter Bruttogrundfläche, die sich teils über die Wasserkante ins Meer schieben, schwebend leicht; die Wegeführung hin zum Wasser setzt sich unter dem Museum fort. Trotz der bewussten Fremdheit geht das Gebäude auf die Stadt und ihre liminale Lage zwischen Meer und Festland ein: Seine Fassaden sind ringsum mit 280 000 runden, perlmuttfarbenen Keramikfliesen verkleidet. Durch ihre konvexe Linsenform reflektieren diese Muscheln das Licht des äußerst wechselhaften Himmels wie auch des Atlantiks und vervielfältigen so die Stimmung von Santander, das in seiner Wechselhaftigkeit sehr britisch sein kann. Aber auch bei bedecktem Himmel haben die tropfenförmigen Fliesen einen besonderen Effekt, wirkt es doch, als perlten unzählige Regentropfen über die Außenhaut des Baus und setzten diesen in Bewegung. Da Miró die Keramik für die Ur-Techné der Menschheit hielt und bis zuletzt in dieser Technik arbeitete, hätte ihm diese pointilistische Hülle sicher zugesagt.

          Und wenn André Breton 1936 für die „Exposition surréaliste d’objets“ die Parole ausgab, dass alles Treibgut in Reichweite der Hände als Niederschlag unserer Wünsche gelten darf, sprach er wenigen Künstlern mehr aus dem Herzen als dem zu dieser Zeit in Paris arbeitenden Joan Miró. Im Jahr 1941 hält dieser in seinen „Arbeits-Notizen“ fest: „Beim Skulptieren beginne ich mit Gegenständen, die ich sammle. Ich fertige einen Abguss dieser Objekte und arbeite solange daran, bis die Ursprungsobjekte an sich nicht mehr existieren, sondern zu einer Skulptur aus verschiedenen Elementen wurden.“

          Bilderstrecke

          Insofern ist es klug von der Ausstellungskuration, nicht mit den noch tastenden, allerfrühesten Skulpturen zu beginnen, vielmehr mit seinen surrealen Werken der späten zwanziger und frühen dreißiger Jahre. Aus ihnen spricht die entwickelte Systematik des Surrealismus, des gesteuerten Zufalls: das unterbewusst etwas von einer höheren Ebene in die Fundstücke und Fragmente hineinsehen. Die gezeigten surrealen Collagen aus Uhrwerkteilen und Porzellanbruchstücken sind allesamt während der Weltwirtschaftskrise und in den ärmlichen Jahren danach entstanden und entsprechen im Wortsinn einer „Arte Povera“, ein sehr realer Aspekt der Zeit als künstlerischer Einfluss, der bei diesen Armutsassemblagen oft vergessen wird.

          Bei einer Arbeit wie „Tête et oiseau“ von 1967 ist aber auch unmittelbar zu spüren, dass dem Humanisten Miró ein weiterer Punkt wichtig war: Über dem verkrüppelten Leib aus einer knorrigen Treibgut-Wurzel in Leuchtendblau blitzt mit verkniffenem Strichmund und großen Spiegeleier-Augen das grellgelbe Topfdeckel-Gesicht eines dem Künstler zufolge ebenso netten wie skurrilen Zeitgenossen und Inselbewohners. Aus dessen Kopf wächst eine kirschrote Antenne, auf der sich ein Vogel niedergelassen hat. Obwohl – oder gerade weil – er also einen Vogel hat, wird der Mann von Miró mit großer Sympathie gezeichnet. Die ungewöhnliche Material- und Formvarietät seiner Rekombinationen spiegelte somit für den Künstler immer auch die Vielfalt der Menschen selbst und ihrer unterschiedlichen Ausrichtungen und Bedürfnisse.

          Weitere Themen

          Ein Date mit dem Dativ Video-Seite öffnen

          Grammatik-Quiz : Ein Date mit dem Dativ

          Auch Journalisten machen Grammatikfehler. Aber das Team unserer Korrektur ist zum Glück aufmerksam – und hat uns ein paar Klassiker seiner Arbeit verraten. Könnten Ihnen diese Fehler auch unterlaufen?

          Topmeldungen

          Trump und Putin : Zwei gegen den Rest der Welt

          Trump und Putin geben sich freundschaftlich – die Schuld für die angespannten Beziehungen beider Länder liege bei anderen. Eine russische Einmischung in den amerikanischen Wahlkampf streiten beide ab.

          Kommt die E-Krone? : Schweden erfindet das Geld neu

          Die Schwedische Notenbank ist die älteste der Welt. Einst hat sie das Papiergeld erfunden. Jetzt ist sie die erste Zentralbank, die eine eigene Digitalwährung einführen will.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.