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Fotos von Agnès Varda : Wenn Standbilder tanzen

  • -Aktualisiert am

Agnès Varda dreht nicht nur Filme. Sie ist auch Installationskünstlerin und Fotografin, seit langem schon. Ihre Fotos aus dem Kuba der frühen Sechziger sind jetzt in Paris zu sehen.

          Wie stellt man einen Film aus? Diese Frage beschäftigt Ausstellungsmacher, seitdem das Kino zum museumsfähigen Kulturgut geworden ist. Die Antwort, die Agnès Varda gerade im Centre Pompidou in Paris mit ihrer Ausstellung „Varda / Cuba“ gibt, lautet: indem man den Film in seine Einzelbilder zerlegt und diese an die Wand hängt.

          Reisen nach Kuba gehörten in den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren unter französischen Künstlern und Intellektuellen zum guten Ton. Sartre fuhr in die Karibik, um sich die Errungenschaften der Revolution anzuschauen, ebenso der Schauspieler Gérard Philipe, die Schriftstellerin Marguerite Duras oder der Fotograf René Burri, der zwar ein Zürcher war und französischer Künstler nur ehrenhalber, die Gelegenheit seiner Kuba-Reise aber nutzte, um eine der ikonischen Fotografien des zwanzigsten Jahrhunderts zu schaffen, das Bild von Che Guevara mit Zigarre.

          Bilder von Kadern der Revolution

          Als Fotografin in Kuba unterwegs war im Dezember 1962 und Januar 1963 auch Agnès Varda, die aus Brüssel stammende Filmregisseurin, die 1961 mit „Cléo de 5 à 7“ ihren ersten großen Kinoerfolg hatte und damit nicht zuletzt verhinderte, dass die Nouvelle Vague, die große Erneuerungsbewegung des französischen Kinos mit Protagonisten wie Godard oder Truffaut, reine Männersache blieb. Auf ihrer Kuba-Reise machte Varda rund 1800 Aufnahmen, Bilder von Kadern der Revolution, vor allem auch Frauen in offiziellen Funktionen, von der Politikerin bis zur Diplomatin, aber auch vom Leben abseits des offiziellen Besuchsparcours, von Musikern und Tänzern, Gesten und Haltungen von Passanten. Nach ihrer Rückkehr nach Paris montierte Varda diese Fotografien zu einem halbstündigen Film mit dem Titel „Salut les Cubains“ - eine Anspielung auf die erfolgreiche französische Pop-Zeitschrift „Salut les Copains“ und insofern sinnig, als der Film die Bilder aus Kuba mit populärer kubanischer Musik unterlegte. Zu den Stars des Films zählt etwa der Sänger Benny Moré, der noch vor der Fertigstellung verstarb.

          Der Kommentar wiederum, gesprochen von Michel Piccoli und Agnès Varda selbst, lässt bei den Bildern immer wieder spielerische Bedeutungsverschiebungen zu, die dem Habitus des Offiziösen jeden Boden entziehen. So führt der Weg in Vardas Kommentar dank einem kurzen Schritt vom diplomatischen Kader (französisch: „corps diplomatique“) zum „corps des femmes“, dem Körper der kubanischen Frauen, denen Varda „die Form eines S in ständiger Bewegung“ zuschreibt - was sie in Bildern auch belegt.

          Ethnographie des Alltags

          „Salut les Cubains“ und die Fotografien, aus denen der Film komponiert ist, bieten heute eine künstlerische Ethnographie des Alltagslebens im Kuba der frühen Revolutionsjahre. Sie markieren zugleich den Ausgangspunkt einer Form politischen Engagements in der Kunst, das sich mit weiteren Arbeiten Vardas aus den späten sechziger Jahren fortsetzt. So arbeitete sie gemeinsam mit Alain Resnais, Jean-Luc Godard, William Klein und dem niederländischen Dokumentarfilmpionier Joris Ivens 1967 an „Loin du Vietnam“, einem Film, der die Erfahrung des amerikanischen Abnutzungskriegs gegen Nordvietnam aus der Sicht der kontinuierlichen Bombardements ausgesetzten Bevölkerung behandelt. Und als Varda 1968 in Kalifornien weilte, teils, um mit einem der großen Hollywood-Studios ins Geschäft zu kommen, die Ende der sechziger Jahre vom radikalen Chic des europäischen Autorenkinos zu profitieren hofften, teils, um den Problemen ihrer Ehe mit dem Regiekollegen Jacques Demy zu entkommen, drehte sie einen Film über die Black-Panther-Bewegung in Oakland, der im Licht der aktuellen Debatten um Polizeigewalt in den Vereinigten Staaten ungebrochen frisch wirkt.

          Von diesen späteren Arbeiten unterscheidet sich Vardas kubanische Foto- und Filmarbeit zum einen durch ihre Leichtigkeit des Tons, zum anderen durch die ungewöhnliche Genese des Films: die Reihung von Standbildern zur filmischen Abfolge. Vardas Weggefährte Chris Marker hatte zwar 1962 ein ähnliches Verfahren in seinem essayistischen Science-Fiction-Film „La jetée“ eingesetzt, „Salut les Cubains“ hat aber eine ganz andere Anmutung. Er lässt aus raschen Abfolgen von Einzelbildern Bewegung entstehen und bringt die Standbilder buchstäblich zum Tanzen. Zugleich bleibt er einem dokumentarischen Gestus verpflichtet und entwirft mit seinem genauen Blick für Körper und Gesten ein Gesellschaftsbild.

          Dass „Salut les Cubains“ seinen Rang der Qualität der einzelnen Aufnahmen verdankt, liefert der Ausstellung „Varda / Cuba“ ihr Prinzip. Die 1928 geborene Regisseurin ist ausgebildete Fotografin, und obwohl sie ihren ersten Spielfilm, „La pointe courte“, schon 1954 drehte, hatte sie die Fotografie nicht aufgegeben. Während Kollegen wie Godard sich endlos den Kopf über die Frage zerbrechen konnten, was denn nun ein Bild eigentlich sei, reihen sich in Vardas Filmen bis heute - die Siebenundachtzigjährige schneidet in diesen Wochen ihren neuesten - eine verblüffende Komposition und Bildidee an die andere, fast so, dass man versucht ist, die Einstellungen einzeln zu rahmen und an die Wand zu hängen.

          Genau das hat Agnès Varda nun mit „Varda / Cuba“ gemacht. Anlass der Ausstellung ist eine Schenkung: Die Regisseurin überlässt der Fotosammlung des Centre Pompidou ihr kubanisches Archiv, das eine der wichtigsten Gruppen ihres fotografischen Werks darstellt. Sich diese Bilder anzusehen lohnt den Besuch auch deshalb, weil in der Ausstellung der Rhythmus des Films und die Zeit der Bilder auf spannungsvolle Weise zueinander in Beziehung treten. Und weil sie daran erinnert, dass Varda nicht nur eine bedeutende Regisseurin und mittlerweile auch eine gefragte Installationskünstlerin ist, sondern auch eine bemerkenswerte Fotografin.

          Centre Pompidou. In der Galerie des Photographies; bis 1. Februar 2016. Kein Katalog.

          Der Autor ist Professor für Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

          Quelle: F.A.Z.

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