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Caravaggio-Fieber : Nichts für unser Wohnzimmer, Chérie!

Judith und Holofernes: Das Sujet passt schon mal zu dem Maler, der seine Bilder nie signierte. Bild: Reuters

Auf den Dachboden verbannt: Frankreich feiert einen neugefundenen Caravaggio und sucht fieberhaft nach weiteren. Dabei ist noch gar nicht klar, ob der Fund tatsächlich vom Meister stammt.

          Genf. Es ist ein Wunder – ein Dachschaden hat diese Entdeckung möglich gemacht“, schwärmt der Toulouser Auktionator Marc Labarbe. Vor zwei Jahren bekam er einen Anruf und wurde in ein altes Haus gerufen. Bei den Reparaturarbeiten waren die Handwerker auf eine Reihe von Bildern gestoßen. „Die Familie wohnt seit der Mitte der 19. Jahrhunderts in diesem Haus“, erzählt Labarbe weiter: „Es handelt sich nicht um Aristokraten, sie sind keineswegs besonders reich, aber auch nicht bedürftig. Von diesem Bild auf ihrem Dachboden hatten sie keine Ahnung.“ Jetzt wird dessen Wert auf 120 Millionen Euro geschätzt.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Völlig verstaubt soll das Bild gewesen sein, sagt Labarbe. Er selbst habe die dicke Schicht mit einem befeuchteten Tuch sorgfältig weggewischt: „Ich erahnte das Gesicht, das sich unter dem Schmutz abzeichnete.“ Es war relativ einfach, das Motiv zu deuten: „Judith enthauptet Holofernes“, eine Szene aus dem Alten Testament. Weil sich eine solche Darstellung kaum für eine bürgerliche gute Stube eigne und auch in einem Schlafzimmer eher deplaziert wirke, sei das Bild wohl auf dem Dachboden gelandet, glaubt Labarde. Er stellte einen zweiten Wasserschaden am Rahmen fest. Aber unter der Staubschicht sei die Leinwand bestens erhalten geblieben.

          Expertenschätzung : „Dachboden-Caravaggio“ soll 120 Millionen Euro wert sein

          Nur vier Caravaggios in Frankreich

          Seine Ahnung ließ er sich vom Pariser Experten Eric Turquin bestätigen: Es handelt sich um ein vom italienischen Meister Caravaggio (1571 bis 1610) gemaltes Bild. Diese Vermutung wird mit den Farben und einer erhaltenen Kopie von Caravaggios Zeitgenossen Louis Finson, einem flämischen Künstler, begründet, die der Banca Intesa Sanpaolo in Neapel gehört. Ende März erließ das Kulturministerium eine Ausfuhrsperre, die dreißig Monate gültig ist. Auf einer Pressekonferenz wurde das mutmaßliche Meisterwerk erstmals der Öffentlichkeit gezeigt – die Kunstwelt steht kopf. Schon hätten zahlreiche Sammler ein Angebot gemacht. Der Louvre, der „Judith enthauptet Holofernes“ während dreier Wochen begutachten konnte, wolle es erwerben, das französische Kulturministerium sei bereits dabei, einen Finanzierungsplan zu erstellen.

          Nur 65 Werke von Caravaggio, der sie nicht signierte, sind bekannt. Und nur vier darunter befinden sich in Frankreich. Um 1990 wurden „Die Falschspieler“, die im Besitzer einer Sammlung in Marseille waren, nach Amerika verkauft. Als 1960 seine „Salome mit dem Kopf Johannes des Täufers“ auf den Markt kam, mussten die Franzosen der National Gallery in London den Vortritt lassen.

          Die Euphorie ist groß

          Marc Labarbe vertrat zunächst die Auffassung, dass das Bild möglicherweise von einem Vorfahren der Familie, der in Napoleons Grande Armée gedient hatte, aus Spanien nach Hause gebracht wurde. Inzwischen grassiert in Toulouse ein Caravaggio-Fieber: Ein weiteres – aber vielleicht auch noch weitere Meisterwerke des italienischen Malers sollen sich in der Gegend befinden. Um 1615 ist die Anwesenheit von Louis Finson in Toulouse verbürgt, zusammen mit einem Landsmann verkaufte er Bilder. Mickaël Szanto, der an der Sorbonne lehrt, hat die Listen ihrer Bestände vor zehn Jahren für seine Doktorarbeit konsultiert. Auf ihnen sind Hunderte von Werken verzeichnet – auch ein Caravaggio. Sein Motiv aber ist ein anderes: „David und Goliath“ – und nach diesem Werk suchen nun die Bewohner fieberhaft auf ihren Dachstöcken.

          In der allgemeinen Euphorie mahnt nun gerade die Tageszeitung „Le Monde“ zu ein bisschen Nüchternheit: „Der Louvre und die Experten, die keineswegs einmütig sind, müssen festlegen, ob es sich um ein wunderbarerweise aufgetauchtes Original handelt, um eine Kopie der Kopie, die von Finson stammt, oder schließlich um das Bild eines noch zu identifizierenden Malers – falls das überhaupt möglich ist.“

          Quelle: F.A.Z.

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