08.04.2009 · Scharenweise pilgerten holländische Barockkünstler nach Rom, um Caravaggios Gemälde zu sehen und sich von den aufgepeitschten Leidenschaften des Meisters verführen zu lassen. Frankfurts Städel zeigt, wie der Italiener Hollands Kunst revolutionierte.
Von Eduard BeaucampCaravaggio ist seit Jahrzehnten ein dauerhafter Begleiter und Aufrührer. Der Unübersehbare war jahrhundertelang übersehen worden. Jetzt lässt er uns nicht mehr los. Vielleicht ist der Barockmaler neben van Gogh heute der einzige Künstler, der ohne historische Vermittlungen unsere Sinne und Nerven spontan stimuliert. „Caravaggio in Preußen“ (Berlin 2001), „Caravaggio und Europa“ (Mailand 2005), „Caravaggio und Rembrandt“ (Amsterdam 2006), jetzt „Caravaggio in Holland“ - das sind jüngste Beispiele dieser Begeisterung, die freilich effektvoll angeheizt wird.
Denn Caravaggio (1571 bis 1610) war nie in Holland und konnte schon gar nicht in Preußen gewesen sein. Und Rembrandt, eine Generation jünger als der radikale Italiener, hat nie ein Caravaggio-Original gesehen. Auf dem Amsterdamer Kunstmarkt war jedoch um 1600 die Rosenkranzmadonna des Italieners aufgetaucht, die Rubens im Auftrag der Habsburger für Antwerpen erwarb und die sich heute im Kunsthistorischen Museum Wien befindet. Mit dem römischen Malerrebellen kam auch seine internationale Gefolgschaft wieder ins Blickfeld. Die Einflüsse sind in den letzten Jahrzehnten sorgfältig aufgearbeitet worden. Caravaggio versetzte nach 1600 die Jugend Europas in helle Aufregung. Scharenweise pilgerten Italiener, Franzosen, Spanier und die besonders süchtigen Niederländer nach Rom, um seine drastische Körpersprache, die Dramatisierung der Bildbühne, die krasse Lichtregie und das Pathos der Schatten zu erleben. Der Caravaggio-Virus, die aufgepeitschten Leidenschaften, der Naturalismus und die raffinierte Vulgarisierung der hoheitlichen Bildthemen wühlten die jungen Gemüter auf. Hier wurde das geregelte Theater der Affekte zum Drama triebhafter Passionen und brutaler Gewalt enthemmt.
Das Fleisch der freigelegten Schulter
Caravaggios passionierteste Parteigänger kamen aus Utrecht. Die Maler Terbrugghen, Baburen und Honthorst folgten einem frühen Appell ihres Landsmanns Carel van Mander, sich Caravaggio zum Vorbild zu nehmen, und machten sich nacheinander auf die Reise nach Rom. Die jungen Maler verschrieben sich dem Idol mit Haut und Haaren, sorgten aber auch bald selbst für Aufsehen unter der Feinschmecker-Elite römischer Sammler. Caravaggio entfachte das Temperament der Holländer und ihre ureigene Lust am drastischen Realismus. Sie entlehnten seine Figurensujets und den Zuschnitt des Halbfigurenbildes, übernahmen die theatralischen Gesten und szenischen Kompositionen, sogar die modische Phantasiekostümierung mit Turbanen, Baretten und farbigen Kleiderstoffen. Die Bravour und der Fanatismus, mit denen Caravaggio jeden Gegenstand und Gestus, jede Draperie und Physiognomie malerisch erforschte und modellierte, befeuerten den artistischen Ehrgeiz der Trabanten.
Vor zwei Jahren konnte das Frankfurter Städel das prachtvolle Halbfigurenbild eines jungen Sängers, vermutlich ein Selbstbildnis, erwerben, das Dirck van Baburen nach seiner Rückkehr aus Rom 1622 gemalt hat. Das Gemälde, das jetzt eine essayistische Ausstellung dokumentiert, bündelt alle Qualitäten und Virtuositäten, die sich der Holländer in der Auseinandersetzung und im Wettbewerb mit Caravaggio erworben hatte: den Blick schräg von unten ins derbe, gebräunte, schlecht rasierte Gesicht, das Fleisch der freigelegten Schulter und Brust, die angehobene, geöffnete Hand, die den Takt schlägt und aus dem Pathos-Repertoire italienischer Historienmalerei stammt, die zweite Hand, über die sich in brillanter Manier das Notenheft legt, schließlich das kecke Federbarett, die Ränder des weißen Unterhemds und das herabgleitende blaue Wams, das mit leuchtenden Bändern appliziert ist.
Holländische Italiensehnsucht
Der kalkulierte Aufwand des Bildes dient vor allem der Demonstration malerischer Artistik, der jedoch von der vordergründigen Zurschaustellung purer Vitalität überspielt wird. Mit Hilfe Caravaggios überbieten Baburen und seine Genossen Terbrugghen und Honthorst den Manierismus ihrer holländischen Lehrmeister, ohne ihn ganz zu verleugnen. Proletarische Lebenslust fegt höfische Ideale von der Bühne. Die Durchschlagskraft war so groß, dass sich Abraham Bloemaert, der Utrechter Erzmanierist, dem mitreißenden Stil seiner Schüler beugt, was ein Musikantenbild jetzt im Städel anrührend bezeugt. Der Lehrer wird zum Schüler seiner Schüler.
Um den Baburen-Erwerb sind in der Frankfurter Kabinettausstellung 32 Halbfigurenbilder von Musikern, Sängern, Spielern, Zechern, Kurtisanen, Kupplerinnen, Hirten, Kriegern und Mönchen versammelt - in der Mehrzahl Einzelakteure, aber auch Paare und lärmende Halbwelt-Gesellschaften. Präsent ist auch das Urbild: Caravaggios schmachtender Lautenspieler in zwei erst jüngst entdeckten und zugeschriebenen Fassungen nach dem berühmten Original in der Eremitage. Man lernt in der Ausstellung, den Begriff des „Caravaggismus“ nicht allzu eng zu fassen. Das Einzugsgebiet der gierig adaptierenden Holländer war größer. Neben Werken Gentileschis und Manfredis haben sie auch die Carracci-Schule studiert und sich ihre Motive und kompositorischen Tricks einverleibt. Das kraftstrotzende Selbstbewusstsein übertönt am Ende den Eklektizismus.
Aus den Bildräumen fallen Dirnen
Die ausgelassenen, vielfach frivolen Bilder müssen im calvinistischen Holland überaus beliebt und begehrt gewesen sein. Utrecht, Mitglied der Union, verteidigte während der Konfrontation mit dem von den Spaniern blutig unterdrückten Flandern durch Toleranz und Vielfalt eine Sonderstellung. In der uralten Bischofsstadt behauptete sich eine starke katholische Minderheit. Bis 1580 hatte auch hier der Bildersturm gewütet. Er hinterließ und entfachte im wohlhabenden, wohl auch frommen Bürgertum einen umso größeren Bilderhunger und Bildbedarf. Reformierte und katholische Künstler - Terbrugghen war Protestant, Baburen und Honthorst katholisch - kooperierten, sie teilten sich die Werkstatt und gründeten zusammen eine Malergilde und eine Zeichenakademie. In Stil und Sujet schlagen sich die Konfessionen nicht nieder.
In den Frankfurter Genrebildern sind die Handschriften oft kaum zu unterscheiden. Man spürt aber, wie sich die Künstler gegenseitig befeuerten und sich in Drastik und Artistik zu überbieten suchten. Eine Zeitlang können sich die jungen Maler an diesem Genre nicht sattmalen, dann scheint der Bedarf gedeckt. Sie arrangieren und kombinieren ihr typologisches Repertoire zu immer neuen Gruppen, drehen und wenden die Figuren, staffieren sie mit abenteuerlichen Accessoires aus, ziehen sie so nah wie möglich an die Rampe und lassen sie fast aus dem Bildraum heraustreten und mit uns korrespondieren. Wo Caravaggios buhlender Knabe noch höfisch musiziert, lärmen die Holländer mit ihren Instrumenten und singen mit offenen Mündern, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Lachende Dirnen bieten sich ohne Zweideutigkeit freimütig an. Allerdings wirken keusche italienische Madonnen erotisch anziehender als die etwas teigigen Holländerinnen. Schon Caravaggio hatte Dirnen porträtiert (das schönste Beispiel ist im Krieg in Berlin untergegangen). Er sorgte in Rom für einen Skandal, als er eine stadtbekannte römische Hure zum Modell seiner Rosenkranz-Madonna machte.
Verglühende Rebellen
Die Genre-Parade des Städel hat im ersten Saal ein ernstes und gewichtiges Vorspiel jenseits aller Lustbarkeiten und Frivolitäten. Caravaggios „Dornenkrönung“ aus Wien erschließt die tieferen Schichten seines barocken Realismus: Zwei grobe Schergen traktieren den gebeugt sitzenden, blutenden Christus mit Stöcken. Als kalter, unbeteiligter Voyeur drängt sich ein gepanzerter Soldat seitlich in die Szene. Caravaggio lässt den Gefolterten in den leer gelassenen, unteren Bildraum starren und artikuliert damit durchdringenden Schmerz und abgrundtiefe Verlorenheit. Diesem Meisterwerk, das zuletzt 2001 in Berlin zu sehen war, sind zwei recht getreue Paraphrasen der „Dornenkrönung“ von Bartolomeo Manfredi und von Baburen an die Seite gestellt, die gleichfalls um den Kopf Christi als Zentrum des Leidens kreisen, aber Caravaggios Tiefsicht nicht erreichen.
Caravaggio und seine Trabanten waren kometenhafte Erscheinungen, die schnell wieder verschwanden. Das internationale Klima schlug um. Aus Rebellen wurden, vor allem in Frankreich, Hof- und Akademiekünstler. Baburen und Terbrugghen starben jung, Honthorst und Bloemaert mutierten zu faden Klassizisten. Kein Geringerer als Vermeer huldigte Baburen, indem er an den Wänden seiner Interieurs zweimal Bilder des Vorgängers zitiert.