Wer war Gustave Caillebotte? Als vor einem Vierteljahrhundert das Musée d’Orsay in Paris eröffnet wurde, in dem ehemaligen, für die Weltausstellung im Jahr 1900 gebauten Bahnhof, hing dort von Anfang an ein phänomenales großes Gemälde, vor dem man einfach staunend stehen bleiben musste. Es zeigt drei Männer mit nackten Oberkörpern, die auf ihren Knien den Boden abschleifen in einem zweifellos großbürgerlichen Zimmer, wie im Hintergrund das kunstvolle schmiedeeiserne Geländer vor dem Fenster bezeugt. „Die Parkettschleifer“ sind die wirklichkeitsnahe Darstellung von Handwerkern, unter einer umwerfenden Lichtregie, von beinah fotografischer Anmutung.
Gustav Caillebotte, geboren in Paris im revoltierten Jahr 1848, hat dieses ungewohnte Sujet 1875 gemalt. Da war er erst siebenundzwanzig Jahre alt, aber durch das Erbe seines Vaters bereits ein sehr vermögender Rentier, zudem ausgebildeter Jurist, der sich jedoch der Kunst zugewandt hatte.
Vermächtnis an den Staat
Bis heute hängen wenig mehr Werke von Caillebotte im Musée d’Orsay, und bekannt geworden ist er eher - bis zu seiner Wiederentdeckung vor nicht langer Zeit - durch die eminente Sammlung von Werken seiner Impressionisten-Freunde, bis heute ein Herzstück ebendieses Museums.
Er war deren Mäzen, finanzierte jahrelang Claude Monets Atelier, verkehrte mit der künstlerischen Crème seiner Zeit, dabei hochgeschätzt als einer der Ihren; unter den Literaten zählte er Alphonse Daudet oder Joris-Karl Huysmans zu seinen Freunden. Außerdem war er leidenschaftlicher Ruderer und Segler, entwarf selbst Boote und ließ sie bauen, begeisterte sich zudem für die Anlage von Gärten. Auguste Renoir wird sein Testamentsvollstrecker, als er, noch nicht sechsundvierzig Jahre alt, auf seinem Landgut Petite Grennevilliers bei Paris stirbt, wo er mit seinem Bruder Martial wohnte. Mehr als sechzig Gemälde seiner Kollektion hat er dem französischen Staat vermacht, dessen Vertreter nimmt 1896 aber nur vierzig davon an.
Solche Eckdaten sind wichtig für die Ausstellung in der Frankfurter Schirn, die „Gustave Caillebotte. Ein Impressionist und die Fotografie“ überschrieben ist. Der Titel bezieht sich auf die - offenen oder untergründigen - Beziehungen eines Malers zum emporsteigenden Medium. Den Hintergrund bildet die Umgestaltung der Stadt unter ihrem Präfekten Georges Eugène Haussmann, der das Vieux Paris plattmachen ließ zugunsten jener Boulevards und Magistralen, die das Stadtbild bis heute bestimmen. Der Betrachter steht so vor den Anfängen der inzwischen allfälligen Boulevardisierung, mit ihren Chancen, aber auch ihren Verlusten.
Die Ausstellung, zusammengebracht von der Kuratorin Karin Sagner, die sich auskennt mit ihrem Thema und zuletzt sogar eine Caillebotte-Biographie geschrieben hat, will zwei Dinge zugleich: sowohl den Künstler in seinen Möglichkeiten vorstellen als auch der Fotografie gerecht werden, ohne die Caillebottes Kunst - womöglich - nicht hätte entstehen können. Der Ansatz ist nicht neu, zumal für solche Besucher, denen die frühe Gleichzeitigkeit von bildender Kunst und Fotografie inzwischen als das ebenbürtige Nebeneinander zweier Ausdrucksformen vertraut ist; das Frankfurter Städel Museum ist dafür in seiner Moderne-Abteilung schönstes Beispiel.
Unbedingt sehenswert ist das dennoch: nicht nur in den Gegenüberstellungen von Gemälden und Fotografien, sondern als lehrreicher Parcours für alle Betrachter. Denn in der Schirn ist nachvollziehbar dokumentiert, wie Caillebotte, der Maler, in seinen Bildfindungen agiert, einerseits wohl mit Hilfe fotografischer Vorlagen, andererseits aber - und das ist die überraschende, neue Erkenntnis - deren spätere kühne Realisierungen vorwegnehmend.
Noch einmal zu den „Parkettschleifern“: Eugène Atget, der das sterbende alte Paris minutiös mit seiner Kamera einfing, hat in einer legendären Aufnahme die „Asphaltierer“ von Paris um 1900 festgehalten, impressionistisch fast; Caillebottes robotende Männer entstanden ein Vierteljahrhundert zuvor. Es gibt mehr solcher Beispiele: So malte Caillebotte den „Blick durch ein Balkongitter“ im Jahr 1880, mit einem schmiedeeisernen Balkongeländer ganz nah, dem Wedel einer Grünpflanze im rechten Vordergrund und unten auf der Straße der Impression einer Kutsche. Erst fünfundzwanzig Jahre später entstand Atgets sorgfältige Aufnahme eines ähnlichen Gitters. Vor allem aber hat Caillebotte László Moholy-Nagys berühmte Fotografie einer solchen Perspektive in Nahsicht, die er erst 1928 in Marseille fand, antizipiert.
Im Prinzip lässt sich diese, im Wortsinn avantgardistische Haltung genauso bei Caillebottes Menschen auf den Straßen erkennen wie bei seinen Interieurs. Er ist vielleicht der erste Maler, der die Bewegung des Gehens, als stillgestellten Ablauf gewissermaßen, festzuhalten sucht. Das wird sichtbar auf dem großartigen, aus Genf angereisten Gemälde „Pont de l’Europe“ mit seinem anspielungsreichen Personal, das auf der Brücke unterwegs ist; aber auch im phantastischen lebensgroßen Ganzporträt des Paul Hugot als wahrer Inkarnation des Flaneurs, wie schwebenden Schrittes, Dandy par excellence auf einem unsichtbaren Boulevard. Dass in Hugots Revers Seiten eines Manuskripts stecken, macht ihn obendrein zu einer Künstlerfigur.
Als ergänzendes Programm herrscht auf den Interieurs eine Intimität, die auf den ersten Blick bis heute irritiert - vor allem, weil die Menschen mitunter ausgesprochen ungewöhnlich positioniert und erfasst sind: scheinbar unbeobachtet in Lektüre versunken wie beim Porträt von Eugène Daufresne; gesichtslos und im verlorenen Profil zwei Frauen bei einer „Klavierstunde“; ein grotesk puppenhaft kleiner, liegender Mann mit seinem Buch im Hintergrund, wo auf einem Interieur aus Privatbesitz vorne eine sitzende Frau Zeitung liest. Bei dieser neuartigen Sicht der Innenleben triumphiert der Maler, die Fotografie kann kaum mithalten. Ihre Zeugnisse erscheinen dort wie inszenierte Posen, könnten bestenfalls als Vorlagen funktioniert haben.
Gustave Caillebotte, der Maler, ist gar nicht durch und durch beim Impressionismus, er läuft ihm gewissermaßen in die Arme, lässt ihn aber auch immer wieder auf der Strecke. Die Fotografie wird in Frankfurt als Anstifterin wie als Nachfolgerin seines malerischen Impulses sichtbar, und unter diesem Aspekt funktioniert die Ausstellung. Der Ansatz knirscht freilich dort, wo die Fotografie nurmehr als Belegmaterial herhält, dokumentierend und gleichsam objektivierend. Weil die Schirn einige wichtige Caillebotte-Bilder versammeln kann, heißt die Botschaft am Ende: Zu entdecken ist ein viel zu lange verkannter Großer (den übrigens der Kunstmarkt, in seinen Spitzenwerken, längst mit Millionenpreisen honoriert). Und es war ja keine Retrospektive angestrebt. Aber was zu sehen ist, wird Gustave Caillebotte im Gedächtnis der Betrachter haften lassen.