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Veröffentlicht: 15.02.2016, 22:07 Uhr

Hundert Jahre Cabaret Voltaire Dada lebt, und Gott ist tot

Die Revolte der Künstler und Literaten, die im Cabaret Voltaire ihren Anfang nahm, war ein irrationaler Aufstand gegen die Gesellschaft, ihre Konventionen, Normen, Zwänge: Zürich feiert hundert Jahre Dada.

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Im Cabaret Voltaire an der Spiegelgasse im Züricher „Niederdorf“, wo vor hundert Jahren Dada die Welt betrat, herrscht schon am frühen Nachmittag reger Betrieb. Von hier aus revolutionierten Dada die abendländische Kunst und Lenin, der gleich gegenüber wohnte, das zaristische Russland. Ihm muss der lärmige Betrieb im Cabaret gelegentlich den Schlaf geraubt haben. Über das „Kesseltreiben“ in der Wohnung der Dadaisten gab es regelmäßig Klagen aus der Nachbarschaft. Von der zukünftigen Bedeutung ihrer Nachbarn hatten die Emigranten auf der linken und rechten Seite der engen Spiegelgasse wohl gegenseitig nichts geahnt. Von der politischen Polizei überwacht wurden beide.

Jürg     Altwegg Folgen:

Als Emigranten oder Deserteure waren Künstler und Schriftsteller aus halb Europa auf der Flucht vor der nationalistischen Kriegspropaganda und dem Schlachten in den Schützengräben in die neutrale Schweiz geflohen. Tristan Tzara kam aus Rumänien, Hugo Ball - der an der Front gewesen war - aus Berlin nach Zürich, wo sie zusammen mit dem Elsässer Hans Arp und anderen am 5. Februar 1916 das Cabaret Voltaire gründeten. Ball lebte mit der „Schriftstellerin und Tingel-Tangel-Sängerin“ Emmy Hennings als „Concubinatspaar“ zusammen, in großer Armut, „weil niemand arbeitet“, wie ein Polizist, der sie observierte, vermerkte.

Nur die Volkspartei war noch dagegen

Bevor sie ein eigenes Lokal fand und sesshaft werden konnte, zog die nach der Figur des Humanisten Rabelais benannte freie Truppe „Cabaret Pantagruel“ durch die Kneipen der Stadt. Weil ihre lebensfreudigen Mitglieder doch noch ein bisschen an die Irrlichter der Aufklärung zu glauben wagten, gaben sie der Stätte ihres Wirkens den Namen Voltaires. Doch in ihren Manifesten und Werken führten die Dadaisten die Kriterien der Vernunft und der Ästhetik ab absurdum. Die Revolte der Künstler und Literaten, denen es die Sprache verschlagen hatte, deren Bilder aus jedem Rahmen fielen, war ein irrationaler Aufstand gegen die Gesellschaft, ihre Konventionen, Normen, Zwänge. Gegen die Kunst selbst. Einige ihrer Vertreter suchten das verlorene Heil später auf dem Monte Verità im Tessin. Nach dem Krieg war Dada in Zürich umgehend vorbei und ging in Paris, Berlin, New York weiter.

Dada exhibition in Zurich © dpa Vergrößern Tiefe Wahrheit: „Dodo war da bevor Dada da war“ von Sophie Taeuber und Hans Arp

Das verwinkelte Haus, in dem der Spuk begonnen hatte, gehört der Lebensversicherung Swiss Life. Um die Jahrtausendwende sollte eine Apotheke einziehen. Die Immobilie wurde besetzt. An der Kampagne zur Rettung beteiligte sich der Uhrenindustrielle Nick Hayek ideell und finanziell mit der Begründung, dass seine Swatch mit Dada verwandt sei: Sie habe das Statussymbol der teuren Uhr ad absurdum geführt. Der sich konsequenterweise abzeichnenden Einbindung des Cabaret Voltaire in die Kulturpolitik verweigerte sich nur die Schweizerische Volkspartei, welche die Förderung bekämpfte: „Kein Steuergeld für Dada.“ Doch Dada war mehrheitsfähig geworden. Im Shop werden Fliegen, wie sie Hugo Ball auf Fotos trägt, und sonstige Dada-Devotionalien feilgeboten. Auch Dada-Absinth, dessen Konsum damals verboten war, wird in Flaschen verkauft. Die Türen zu den Toiletten stehen weit offen, die Wände sind tapeziert. Sind sie Teil der Inszenierung? Die automatische Spülung spült ein schlechtes Gewissen oder ein subversives Selbstbewusstsein in den gleichen Orkus.

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