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Veröffentlicht: 01.12.2016, 15:13 Uhr

Interview mit Hans Belting Im Westen hat das Antlitz eine andere Bedeutung als im Orient

Das Burkaverbot in den Niederlanden zeigt, dass die islamische Vollverschleierung in Europa als Kulturbruch verstanden wird. Warum ist das so? Ein Gespräch mit einem Kunsthistoriker.

von
© dpa Das Fenster zur Seele versteckt: Eine afghanische Frau in traditioneller Burka.
 
Ein Gespräch mit Hans Belting: Im Westen hat das Antlitz eine andere Bedeutung als im Orient

Herr Belting, Sie haben sich intensiv mit der Rolle des Gesichts in unserer Kultur befasst. Inwiefern berührt die Debatte um die Vollverschleierung der muslimischen Frau einen Kernbereich unserer Zivilisation?

Ursula Scheer Folgen:

Das Gesicht ist Ausdrucksträger und als solcher auch Zeichenträger der Person in der europäischen Kultur. Wir haben in unserem Kulturkreis keinen Schleier vor dem Gesicht, aber die Maske als Gegensatz des offenen Gesichts. Deswegen bewerten wir den Schleier als Maske und nicht als Diskretion. Die Maske entstammt der Welt des antiken Theaters und hat in der Moderne ihre Bedeutung als Zeichenträger an das Gesicht abgegeben. Das echte Gesicht steht in unserer Kultur für den Ausdruck der Wahrhaftigkeit, aber auch der Gefährdung. Man kann sein Gesicht verlieren.

Wie entwickelte sich die europäische Geschichte des Gesichts nach der Antike?

In der christlichen Religion verbindet sich das Gesicht mit der theologischen Frage nach dem wahren Gesicht Christi. Die Geschichte der Ikone beginnt mit der Debatte um die Doppelnatur Jesu. Welches Gesicht zeigt er? Im Theater der Renaissance wird die antike Maske nicht mehr eingeführt, sondern das Gesicht übernimmt ihren Rollencharakter. Im 18. Jahrhundert schließlich wird das höfische Gesicht zum Stein des Anstoßes.

Das stark geschminkte, zur Maske erstarrte Gesicht?

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Ja. „Persona“ ist bekanntlich der lateinische Begriff für Maske, bevor er die Person kennzeichnet. Das Rollengesicht wird im Zeitalter der Aufklärung zum Ziel der Angriffe. Rousseau will das höfische Maskengesicht herunterreißen. Es war eine Forderung nach Wahrheit.

Gesicht zu zeigen verbindet sich mit politischer und gesellschaftlicher Partizipation und Repräsentation.

Dabei handelt es sich um eine Paradoxie. Das öffentliche Ich, im Englischen Persona, stellt sich mit dem Gesicht dar und entzieht sich dem Blicktausch. Deswegen verlangt man heute von den Medien so gerne, dass sie hinter dem öffentlichen Gesicht das echte Gesicht einfangen.

Gesicht ist nicht gleich Gesicht.

Ja. Auch das natürliche Gesicht kann Kommunikation verweigern. Wer sein Gesicht verschließt, entzieht sich der Lesbarkeit.

Wie sind die Sichtbarkeit des Gesichts und der Stellenwert des Individuums in der Kunst- und Kulturgeschichte miteinander verbunden?

In der Renaissance wird das Porträt die wichtigste Bildgattung für die Repräsentation einer Person. Im europäischen Tafelbild macht das Porträt das Selbst zum Thema. So wird das Porträt mit seiner gesellschaftlich kodierten Sichtbarkeit zum Träger des Individualisierungsprozesses.

Und das Gesicht wird zum Statthalter des Individuums, Ausdruck seiner Würde.

Aber die Situation bleibt paradox: Das Gesicht stellt die Person dar, aber stellt auch die Person aus.

43629265 © AP Vergrößern Büßer bei einer Prozession in Spanien: Augen ohne Körper haftet immer etwas Unheimliches an.

Die Maske im europäischen Kulturkreis hat ihren Ort im Kult, im Theater und im Karneval, in zeitlich begrenzten Spektakeln, in denen Rollenwechsel einer sozialen Übereinkunft folgen.

Das wiederum führt zu der Vorstellung, dass die Maske ihren Träger befreien kann. Wie Nietzsche sagt, ist man nur frei in der Maske. Und Oscar Wilde führt den Gedanken weiter, wenn er sagt: Wenn du von jemandem wissen willst, was er wirklich denkt und fühlt, dann setze ihm eine Maske auf, und er wird es dir sagen.

Weil sie eine asymmetrische Situation schafft: Ich sehe etwas von dir, was du von mir nicht siehst?

Genau. Eine asymmetrische Blicksituation bedeutet immer Machtgewinn oder Machtverlust. Für die eine oder die andere Seite.

Diesen Effekt zeitigt auch die Vollverschleierung der Frau. Gibt es in der europäischen Kultur eine vergleichbare Tradition des Gesichtsentzugs?

Man kann die Halbmaske der italienischen Commedia dell’Arte sicher nicht dazurechnen und auch nicht den Karneval, denn in den Spektakeln wird uns ja ein anderes Gesicht gezeigt oder geradezu aufgedrängt, ein Gesicht, in dem wir einen Typus erkennen. Aber das ist eine andere Ebene. Eine Analogie zum blickdichten Tuch vor dem Gesicht oder dem vergitterten Blick der Burka haben wir nicht.

Beispiele für ähnliche Verhüllungen im Westen sind der Henker, der Räuber und der vermummte Demonstrant, die unerkannt Gewalt ausüben wollen. Liegt darin ein Grund, dass die Vollverschleierung auf Aversionen stößt?

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