Als Robert Fleck 2008 nach Bonn kam, galt er als integrer und guter Kunsthistoriker. Doch jetzt ist die Aufregung groß um seine Person. Die Bonner Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, die in diesem Sommer ihr zwanzigstes Jubiläum feiern will, zeigt seit der vergangenen Woche eine Schau, die ausschließlich mit Werken von Anselm Kiefer aus der Privatsammlung Grothe bestückt ist. Und das kann man einen Skandal nennen.
Besonderen Anstoß erregt, dass es in dem Bonner Ausstellungshaus ohne eigene Sammlung inzwischen üblich geworden ist, einzelnen Sammlern ein Denkmal zu setzen, statt ihre Kollektionen sorgsam in einen kunsthistorischen Zusammenhang einzugliedern. Der Duisburger Unternehmer und Sammler Hans Grothe allerdings befindet sich in Bonn seit 2001 in Ungnade: Er hatte damals Kunstwerke, die dem benachbarten Kunstmuseum als Leihgabe überlassen worden waren, abgezogen und versteigert. Das geschah überdies unter Bruch eines Versprechens. Denn Grothe hatte den Künstlern, darunter den Fotografen Andreas Gursky, Thomas Struth, Thomas Demand und Thomas Ruff, zugesichert, ihre Werke im Museum zu belassen. Nur unter dieser Bedingung hatten sie ihm ihre Arbeiten verkauft.
Leichtfertiges Vorgehen
Die harsche Kritik, die Fleck nun trifft, darf ihn also nicht überraschen. Zumal, da der Ko-Kurator der jetzigen Kiefer-Schau der in Bonn ebenfalls umstrittene und als enger Vertrauter Kiefers geltende Walter Smerling ist. Smerling hatte dem Kunstmuseum 1999 mit seiner ambitionierten Ausstellung „Zeitwenden“ einen Verlust von ungefähr zwei Millionen Mark eingetragen. Diskussionen im eigenen Hause ignorierend, kaufte Robert Fleck Smerlings Rundum-sorglos-Paket ein, verkeilte förmlich die Räume der Kunsthalle mit Kiefer-Werken und verkündete, dass er die bedeutendste Retrospektive des Künstlers seit 1991 zeige.
Welch ein Hohn - die Bonner Ausstellung zu Anselm Kiefer aus der Sammlung Grothe war von Oktober 2011 bis Februar 2012 in der Sammlung Frieder Burda in Baden-Baden ausgestellt, und auch das Essl Museum bot bis Ende Mai eine umfangreiche Kiefer-Schau. Aber das leichtfertige Vorgehen in Bonn hat einen schwerwiegenden Hintergrund: Es geht in Flecks Haus um die Existenz. In Berlin wartet man nur darauf, dass der enorme Bonner Gesamtetat von 16,5 Millionen Euro (Ausstellungsetat 6 Millionen) abgezogen wird und dem gleichrangigen Berliner Gropiusbau (Ausstellungsetat 500000 Euro) zugutekommt. Vor diesem Hintergrund greift ein Streit um die Kiefer-Schau zu kurz; sie ist nur eine fragwürdige Ausstellung von vielen.
Ohne Haltung, Richtung, Setzungswillen
Robert Fleck ist untragbar geworden; das System dieses „Intendanten“, der beispielsweise zulässt, dass die Kuratorin der Bonner Ausstellung „Dogon“, in der afrikanische Kunst präsentiert wurde, auch als Händlerin der Kunst Afrikas tätig ist, hat in vier Amtsjahren selbst Gutwilligste gründlich enttäuscht. Das Ansehen der Institution mit ihren 120 Mitarbeitern und fünf Restauratoren hat massiv gelitten.
Was eine Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik leisten soll, welche Rolle sie als Bildungsstätte und Fokus für Identitätsfragen spielt, hat Robert Fleck nicht erkannt; das Vakuum füllt er mit Beflissenheit, sobald von anderswo Weisungen ergehen: Im vergangenen Jahr zum Beispiel sagte Fleck auf internen Druck ausgerechnet die Übernahme einer Retrospektive der Kölner Künstlerin Rosemarie Trockel kurzerhand ab.
Ein Blick auf die von Robert Fleck seit 2008 verantworteten Ausstellungen zeigt, dass ihm Haltung, Richtung, Setzungswillen abgehen: Das gilt für die unterdurchschnittliche, mit wenig bedeutenden Werken aufwartende Max-Liebermann-Ausstellung 2011, die diffuse Heinz-Mack-Retrospektive im selben Jahr bis hin zu der Werbeveranstaltung für das Victoria & Albert Museum in London 2012 oder den ausufernden Sammlungspräsentationen wie „Arp, Beckmann, Munch, Kirchner, Warhol“, „Vibración. Moderne Kunst aus Lateinamerika. The Ella Fontanals-Cisneros Collection“ und „Neugierig? Kunst des 21. Jahrhunderts aus privaten Sammlungen“.
Ideenreiche Kuratoren vonnöten
Die historischen, lauthals angekündigten Hochglanz-Ausstellungen wiederum wie die Schau „Dogon - Weltkulturerbe aus Afrika“, „Napoleon und Europa. Traum und Trauma“ oder „Byzanz - Pracht und Alltag“ führten im Museum ein Eigenleben, hatten oft schon vielbeachtete Stationen hinter sich und wurden nicht durchweg im Haus entwickelt.
Die Kiefer-Schau ist also das Finale vier fahriger Jahre, die sich von Tiefpunkt zu Tiefpunkt schleppten. Auch anderswo kommt derlei vor: Die Kölner Kunstmesse Art Cologne etwa ist unter dem bemühten Gérard Godrow immer weiter abgesackt und wurde erst vom umtriebigen Daniel Hug trotz der Konkurrenz aus Berlin wieder auf die Beine gebracht. Auch das Bonner Ausstellungshaus braucht einen Neuanfang. Dann hat es eine Zukunft, vielleicht endlich in enger Zusammenarbeit mit seinem Gegenüber, dem Kunstmuseum.
Das überflüssige Adeln des ohnehin allgegenwärtigen Anselm Kiefer setzt freilich außer der Fleck-Frage ein weiteres Problem auf die Tagesordnung, dem der Glücklose sich nicht gewachsen zeigte. Es lautet: Was will man in einer „Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland“ im Jahr 2012 sehen? Hier sind ideenreiche Kuratoren vonnöten, die Konzepte sowohl zur Geschichte der Kunst und des Hauses als auch zum gegenwartsbezogenen Stand der aktuellen Kunst entwickeln.
Die Bundeskunsthalle braucht einen Neuanfang
Neben der Auswahl einzelner Künstler, die man für bedeutend hält und ihnen durchdachte Retrospektiven widmet, sollte das Haus für grundsätzliche gesellschaftliche Fragen und deren Zusammenhänge mit der Kunst offen sein: Liegt Europa noch am Atlantik, oder hat die Ost-Erweiterung tiefgreifende Folgen für die Kultur? Wo zwischen Kunst und Politisierung steht heute die Religion? Wie normiert ist unsere Gesellschaft? Welche Wege geht sie in Richtung Europa, welche und mit welchen Folgen für die Kunst geht sie in Richtung Internet?
Mit alldem aber hat beispielsweise die Markenanpreisung der geplanten „Pixar“-Schau, die am 6. Juli in der Bundeskunsthalle eröffnen wird, nicht das Geringste zu tun. Die Bundeskunsthalle braucht einen Neuanfang. Wenn sie weiterhin nur zeigt, was auch anderswo gezeigt wird, steht sie bald als ihr eigenes Mahnmal da, als bauliche Illustration schwungloser Zweitverwertung und der Losung: Das hätte man auch lassen können.
Diese Kritik muss sein
Gottfried Bertram (gbertram)
- 25.06.2012, 14:36 Uhr