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Brutstätte Pfarrhaus : Hier wurde Deutschland neu gedacht

Eine Berliner Ausstellung erzählt die Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses seit Luther. Greifbar wird eine Lebensform, die noch heute die höchste deutsche Politik prägt.

          Was fällt einem zum protestantischen Pfarrhaus ein? Lessing. Nietzsche. Mörike. Benn. Gudrun Ensslin. Angela Merkel und Joachim Gauck. Und tatsächlich sind sie alle da, neben vielen andern, auf der bunten, aus Text- und Bildelementen zusammengepuzzelten Multimedia-Wand in der Eingangshalle des Pei-Baus im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Sie kündigen die neue Ausstellung des DHM, „Leben nach Luther“, an, die „eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses“ erzählen will. Also keine Chronik der Reformation, ihrer Triumphe und Spaltungen – dafür ist im Jubiläumsjahr 2017 noch reichlich Zeit –, sondern die Geschichte einer Lebensform, die durch Luther in die Welt kam und bis heute weiterwirkt. Es gibt Ausstellungstitel, die ihr Sujet gewaltsam zurechtbiegen. Dieser hier leuchtet unmittelbar ein.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Denn jene Anwesen in Kleinstädten und auf dem Land, in denen nach dem Rückzug des Katholizismus aus Nordwesteuropa nicht mehr Priester und Haushälterinnen, sondern vielköpfige Pfarrersfamilien mit Sack und Pack lebten, waren ja nicht mehr nur Dienstgebäude, sondern Pflanzschulen der Gesellschaft. Der Bildungskanon, das Arbeitsethos, der bürgerliche Sittenkodex, die Alltagsgeschichte der protestantischen Länder – das alles wurde in Pfarrhäusern vorgelebt, vorgedacht und beschrieben.

          Luthers Traum als Albtraum

          Man muss nur eines der zahlreichen Bilder betrachten, die in der Ausstellung gezeigt werden, um die Dimensionen ihres Gegenstands zu ermessen. Es ist kein Gemälde, sondern eine Filmszene: das Abendessen im Haus des Landpfarrers in Michael Hanekes „Das weiße Band“. Plötzlich wird einem klar, dass dieser Film, der ein Sittenbild des deutschen Kaiserreichs am Vorabend des Ersten Weltkriegs entwirft, auch eine der klügsten und bösesten Miniaturen zur Kultur des Pfarrhauses bietet – so klug und böse wie, auf gänzlich andere Weise, die Filme des schwedischen Pfarrerssohns Ingmar Bergman, der den roten Faden seiner Herkunft in immer wieder neue Kinoerzählungen verwoben hat.

          In der schwärzesten, „Licht im Winter“ von 1962, zeichnet er Luthers Traum von der Christengemeinde als Albtraum: ein Pfarrer, der niemandem mehr helfen kann, am wenigsten sich selbst; ein versprengtes Häuflein von Gläubigen, die in stumpfer Verzweiflung vor sich hin brüten oder gleich Selbstmord begehen. Beide Filme sind, zusammen mit Werken von Paul Thomas Anderson, Olivier Assayas und anderen, in der begleitenden Reihe des Zeughaus-Kinos zu der Ausstellung zu sehen. Sie bezeugen die Aktualität, die das Thema nach wie vor besitzt.

          Tüftler und Bastler

          Im Untergeschoss des Pei-Baus allerdings muss man sich zu Merkel, Gauck und anderen aktuellen Vertretern der Pfarrhauskultur erst mühsam durchschlagen. Wie fast alle Ausstellungen des DHM ist auch diese vor allem chronologisch und nur in zweiter Hinsicht thematisch geordnet. Sie arbeitet ihr Pensum in Jahrhundertschichten ab: erst Luther und Bugenhagen, dann die Predigtsammlungen des siebzehnten, die Pfarrhausgärten des achtzehnten, die fleißigen Sammler und Erfinder des neunzehnten Jahrhunderts.

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