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Kupferstich-Schau in Bremen : Eine Linie genügt für den Allmächtigen

Am Versailler Hof Ludwigs XIV. blühte die Kunst des Kupferstichs. Was für Werke dabei entstanden sind, zeigt eine Ausstellung in der Bremer Kunsthalle.

          Leonardo da Vincis Wandfresko über die Schlacht von Anghiari gehört zu den berühmten Verlusten der Kunstgeschichte. 1506 ließ der Maler bei der Abreise nach Frankreich sein Werk unvollendet in Florenz zurück, knapp sechzig Jahre später wurde es von dem Hofkünstler Giorgio Vasari im Palazzo Vecchio mit anderen Schlachtszenen überdeckt, hinter denen man es bis heute vermutet. Die Komposition des Bildes ist freilich durch mehrere Zeichnungen überliefert; die berühmteste, 1603 nach einer italienischen Vorlage entstanden, stammt von Rubens und hängt heute im Louvre. Nach Rubens’ Kopie wiederum schuf der flämische Künstler Gérard Edelinck um 1660 seinen Kupferstich „Die Anghiari-Schlacht“, der jetzt in einer Ausstellung der Bremer Kunsthalle mit barocker französischer Druckgraphik gezeigt wird.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Er ist, in einer Präsentation aus lauter Meisterwerken, der Leitstern, der dem Besucher den Weg in eine weithin unterschätzte Kunstgattung weist. Edelinck hat die Zeichnung von Rubens nicht bloß spiegelverkehrt kopiert, er hat sie neu erfunden als bewegte Erzählung im Raum. Bei Rubens sieht man ein wildes Gemenge von Körpern, bei Edelinck dagegen eine imaginäre Skulptur: Reiter, Schwerter, Helme und Pferde in exakt gegliederter perspektivischer Tiefe, rollende Augen, geblähte Nüstern und wogende Schweife, mit Grabsticheln in eine Kupferplatte geritzt und mit schwarzer Farbe auf Papier gedruckt. Unter der Lupe, die in Bremen überall bereitliegt, löst sich das wilde Geschehen in ein Rautenmuster aus geraden und geschwungenen Linien verschiedener Breite und Dichte auf. Beim Zurückgehen entsteht dann, immer neues Wunder der grafischen Kunst, wie von selbst das fertige Bild.

          Die Kupferstiche sollten glänzen für den Monarchen

          Der Kupferstich war, durch Meister wie Dürer und Raimondi, Caragli und Matthäus Merian, schon weit entwickelt, als Ludwig XIV. im Jahr 1660 den französischen Stechern Zunftfreiheit gewährte und sie wenig später in die königliche Kunstakademie aufnahm. Dem Monarchen ging es, wie bei all seinen mäzenatischen Aktivitäten, dabei nicht allein um die Kunst allein, sondern auch um ihren Zweck: Die Kupferstiche sollten glänzen für ihn und seinen Staat.

          Ludwigs allmächtiger Finanzminister Colbert gab ab 1667 das „Cabinet du roi“ in Druck, eine vielbändige visuelle Enzyklopädie der kulturellen Klientel und hochadligen Entourage, der territorialen Besitztümer und militärischen Leistungen des Sonnenkönigs, an der nur die besten Kupferstecher Frankreichs mitarbeiten durften: Robert Nanteuil, Antoine Masson, Claude Mellan, Gérard Audran, Pierre Drevet und eben auch Edelinck. Dieser war 1666 aus Antwerpen, dem absteigenden ehemaligen Mekka der europäischen Grafik, nach Paris gekommen, wo er seinen Stil weiter verfeinerte. In Edelincks Porträtstich des Lautenspielers Charles Mouton sind die gefältelte Spitze des Hemds und die filigranen Strukturen der zupfenden Hand mit einer Genauigkeit wiedergegeben, die dem Schöpfer der „Anghiari-Schlacht“ noch unbekannt war. Ja, man würde sie überhaupt nicht für möglich halten, wenn man sie hier nicht schwarz auf weiß vor sich sähe.

          In Bremen weiß man kaum, worüber man mehr staunen soll: über die Breite der dargestellten Sujets oder über die fast unwirkliche Virtuosität der ausgestellten Künstler. In Pierre Drevets Porträt des Hofarchitekten De Cotte, das er 1713 zur Aufnahme in die Akademie schuf, sind es die floralen Muster des brokatenen Ärmelaufschlags, in Antoine Massons Tizian-Paraphrase die Schattenspiele des Helldunkels auf Tischtuch und Kleidern, die dem Betrachter schier die Augen übergehen lassen.

          In Robert Nanteuils Bildnissen Ludwigs XIV. kann man dem König im Zeitraffer beim Altern zusehen, bis er in Drevets Stich nach dem berühmten Monumentalbild Hyacinthe Rigauds aus dem Louvre zur Ikone seiner eigenen Macht erstarrt. Nicolas-Henri Tardieus vierteiliger Stich nach Antoine Coypels Deckenfresko in der 1787 zerstörten Äneas-Galerie im Palais Royal wiederum bewahrt ein verlorenenes Hauptwerk der französischen Barockmalerei für die Nachwelt. Der virtuose Gipfelpunkt der Ausstellung schließlich ist Claude Mellans „Schweißtuch der Veronika“, das aus einer einzigen, spiralförmig von der Nase Christi ausgehenden Bewegung des Grabstichels hervorgegangen ist. „Formatur unicus una“ hat Mellan unter sein Werk geschrieben: der Einzigartige wurde aus nur einer Linie erschaffen.

          Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert galten auch jene Kupferstiche und Radierungen, die nach gemalten Vorlagen entstanden, ganz selbstverständlich als eigenständige Werke, „gravures d’interprétation“. Erst die Kunstgeschichtsschreibung des neunzehnten Jahrhunderts mit ihrem Geniekult versuchte das Schaffen der Stecher nachträglich zum bloßen Reproduktionsbetrieb abzuwerten. Heute, da die handwerkliche Tradition des Kupferstichs fast völlig erloschen ist, schüttelt man über die Diskussion von damals den Kopf. Was die Mitarbeiter des „Cabinet du Roi“ und die Porträtisten am französischen Königshof schufen, ist Kunst, große Kunst. In Bremen kann man sie aus nächster Nähe betrachten.

          Im Zeichen der Lilie. Französische Druckgraphik zur Zeit Ludwigs XIV. Kunsthalle Bremen; bis zum 28. Mai. Der Katalog kostet 12 Euro.

          Quelle: F.A.Z.

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