http://www.faz.net/-gqz-7i2di

Brasilianische Kunst in Frankfurt : Barfuß durchs Museum

  • -Aktualisiert am

Noch nie sahen Museumswärter so glücklich aus: In das MMK und die Schirn Kunsthalle Frankfurt sind Werke aus Brasilien gereist. Hier kann man spielen – ohne dass eine Alarmanlage anspringt.

          Wer sich einfach nur die Bilder hier ansieht, könnte sich natürlich allen Ernstes fragen, was wir abbilden: einen Kindergarten? Einen Zoo? Ein verrückt aufwendiges Bühnenbild? Gut, die meisten haben natürlich das Großgedruckte gleich gelesen und wissen daher, dass es sich um Kunst handelt, Kunst im Museum, brasilianische nämlich, die anlässlich des Länderschwerpunkts „Brasilien“ der Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr angereist ist und nun im Frankfurter Museum für Moderne Kunst (MMK) und in der Schirn Kunsthalle Frankfurt gezeigt wird. Aber man sieht solche Fotos nicht an, ohne sich mindestens zwei Fragen zu stellen: Laufen da wirklich Kinder barfuß im Museum herum? Und ist es gut oder schlecht, wenn es im Museum - oder in einer Ausstellungshalle - nun zugeht wie im Kindergarten, im Zoo oder dem Theater?

          Die erste Frage ist leicht zu beantworten: Ja, im MMK, das die gesamte dritte Etage dem Werk des 1980 verstorbenen Künstlers Hélio Oiticica widmet, trifft man tatsächlich Kinder, die barfuß laufen, und auch Erwachsene. Und das ist nur der Anfang. Wer am Wochenende die Ausstellung besuchte, konnte Menschen begegnen, die in der raumfüllenden Installation mit dem unaussprechlichen Titel „Bloco-Experiências in Cosmococa - programa in progress, CC2 Onobject“ auf einem federnden blauen Stoffboden Purzelbäume schlugen, mit rot oder gelb bezogenen Schaumstoffobjekten warfen, während an die Wände Bilder projiziert wurden und eine Mischung aus Musik, Schlagzeug und Telefonschrillen aus den Lautsprechern quoll. Oder sie liefen über die Kies- und Sandflächen von „Tropicália“, einer weiteren raumfüllenden Installation Oiticicas von 1966/67, in deren Zentrum ein verwinkelter schwarzer Pavillon mit einem Fernseher steht und zu der auch die beiden Papageien in der Voliére gehören.

          Anfassen erlaubt

          In der Schirn trifft man auf eine ähnliche Versuchsanordnung: In einem abgedunkelten Raum beispielsweise, der ebenfalls von Oiticica stammt, laden Hängematten dazu ein, sich hinzulegen, der Musik von Jimi Hendrix zu lauschen und die Bilder zu betrachten, die an Wände und Decke projiziert werden. Insgesamt geht es in der Ausstellung „Brasiliana“ in der Schirn etwas geordneter zu, der Bogen wird außerdem von den sechziger Jahren bis in die Gegenwart gespannt.

          Das Glück, das Werke bescheren können, die man anfassen oder begehen darf, steht dabei zwei Personengruppen ins Gesicht geschrieben: den Kindern, die vor allem das MMK mit roten Wangen und verschwitzten Haaren verlassen, ohne ein einziges Mal ermahnt worden zu sein. Die zweite Gruppe sind die Museumswärter. Für die Dauer dieser Ausstellung wurden sie weitestgehend von der undankbaren Aufgabe befreit, die Besucher zu ermahnen, deren Kinder im Schach zu halten, doch bitte nicht zu nahe an die Kunstwerke heranzutreten und um Himmels willen nicht schon wieder die Alarmanlage auszulösen. Für einige Monate schlüpfen sie nun in die Rolle der Ermöglicher: Jawohl, durch das Wasserbecken darf man laufen oder den Sand durch die Hände rieseln lassen. Für alle, die das nicht glauben können, hat das MMK sogar ein spezielles Zeichen entwickelt: den Umriss einer kleinen Hand. Die wurden auf zahlreiche Wände geklebt und bedeuten einfach nur eines: Dieses Werk bitte anfassen.

          Wem das Glück von Kindern und Museumswärtern nicht ausreicht, kann sich trotzdem weiter fragen: Wozu das Ganze? Und an dieser Stelle sollte einschränkend erwähnt werden, dass hier niemand zu seinem Glück gezwungen werden soll. Diejenigen also, die keine Lust haben, sich ihre Schuhe auszuziehen oder bei irgendetwas anderem mitzumachen, können beide Schauen in gewohnter Weise besuchen. Die Objekte verwandeln sich dann in Bedeutungsträger zurück, die man betrachten und interpretieren kann. Über die gigantische Holzhöhle etwa, die der 1973 geborene Henrique Oliveira geschaffen hat, erfährt, wer die Ausstellungstexte oder den Katalog liest, beispielsweise, dass sie aus „Tapumes“ gebaut wurden, einem dünnen Sperrholz, das in São Paulo für Bauzäune verwendet wird - und ein beliebtes Baumaterial der Favelas ist. Die „armen Materialien“ spielen in beiden Ausstellungen eine große Rolle: Sand, Kies, Plastikperlen, Sperrholz, Luftballons, Bretter, Sackleinen.

          Material mitten aus dem Leben

          Die Kunstbewegung des brasilianischen „Neoconcretismo“, die 1959 mit einem Manifest ins Leben gerufen wird, setzt bewusst auf Materialien, die allen zugänglich sind, die aus dem alltäglichen Leben stammen - denn dorthin soll die Kunst wieder einziehen. Hélio Oiticica und Lygia Clark, die beiden berühmtesten Vertreter, hatten beide traditionell begonnen: Sie malten und schufen Skulpturen, bis sie überzeugt waren, dass diese Form des Kunstschaffens am Ende sei. Mit der Arbeitsteilung des Kunstbetriebs, in dem die einen Werke schaffen, damit die anderen sie rezipieren, wollten sie sich nicht abfinden. „Echte Beteiligung ist offen“, schrieb Clark in einem Brief an Oiticica, der im Katalog der Schirn Kunsthalle zitiert wird, „wir können nie vorhersagen, was wir dem Betrachter-Autor übergeben.“

          Das klingt natürlich auch nach Joseph Beuys, nach Niki de Saint Phalle, nach Fluxus oder den Künstlern der sogenannten Relational Aesthetics. Zum Mitmachen, zur Teilnahme haben schon viele Künstler die Betrachter aufgefordert. Wohl kaum eine Künstlerin vertraute ihrem Publikum dabei so sehr wie Lygia Clark, deren Installation „A casa é corpo“ die Besucher der Schirn Kunsthalle empfängt. Das Werk stammt von 1968, kurz danach verabschiedete sich die 1988 verstorbene Lygia Clark von der Kunst und wandte sich der experimentellen Psychotherapie zu. Das Publikum kam auch ohne sie zurecht: Für die Installation hinterließ sie eine Anleitung. Ein paar Bretter, schwarzen Stoff, Luftballons, mehr braucht man nicht. Zu viel verraten soll auch nicht werden. Was der Besucher nachspielt, ist nichts weniger als die Geburt - von der Zeugung an. Man ist glücklich wie ein Kind oder Museumswärter.

          Hélio Oiticica. Das große Labyrinth. Museum für Moderne Kunst, Frankfurt, bis 12. Januar. Der Katalog kostet 34,90 Euro.

          Brasiliana. Installationen von 1960 bis heute. Schirn Kunsthalle Frankfurt, bis 5. Januar. Der Katalog kostest 25 Euro.

           

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Der afghanische Generalstaatsanwalt Video-Seite öffnen

          Recht und Gerechtigkeit : Der afghanische Generalstaatsanwalt

          Immer montags bekommt der afghanische Generalstaatsanwalt Farid Hamidi Besuch von Bürgern, die sich ungerecht behandelt fühlen oder andere Probleme mit dem Justizsystem haben. In den vergangenen eineinhalb Jahren hat er 6000 Bürger empfangen.

          Deko-Bomben vom Balkan

          Exat51 in Krefeld : Deko-Bomben vom Balkan

          Im Mies-van-der-Rohe-Haus Lange in Krefeld ist die jugoslawische Künstlergruppe Exat51 als Exit-Strategie aus dem Sozialistischen Realismus zu sehen. Wir waren für Sie da.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Flüchtlinge in Europa : Wo Tusk recht hat

          Es besteht Einigkeit, dass die EU-Außengrenzen besser geschützt werden sollen. Was spricht dagegen, dass Länder, die keine Flüchtlinge aufnehmen wollen, sich dabei stärker engagieren? Ein Kommentar.

          Brexit-Veto : Ein erster Sieg im Rückzugsgefecht

          Nach Mays Niederlage im Parlament keimt nun bei vielen die Hoffnung auf, dass die Regierung gezwungen sein könnte, in Brüssel einen „weicheren“ Brexit zu verhandeln. Ein Rennen gegen die Zeit.

          Kryptowährung : Bulgarien ist Bitcoin-Großbesitzer

          Bulgarien besitzt Bitcoin im Wert von fast drei Milliarden Euro. Damit könnte das Land fast 20 Prozent seiner Staatsschulden bezahlen. Es gibt nur einen Haken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.